Freiheit auskosten

Johanna, 30.08.2006

“Gib deinem Kind Freiheit, und es wird dankbar sein!” Habe ich heute morgen gedacht, als ich sie gefragt hatte, ob sie bitte die Frühstückssachen in den Kühlschrank machen könnte. Sie tat nicht nur das, ohne zu maulen, sondern hat auch noch den Rest des Tisches abgeräumt und mich sogar gefragt, ob ich meinen Kaffee noch trinke, und ihn mir gebracht.

Gestern beim Abendessen hatten wir ihr gesagt, dass es keine Bettzeiten mehr gibt. Sie kann ins Bett gehen, wann sie will. Vor Schultagen würden wir ihr eine Bettzeit empfehlen, und sie könnte aber selbst entscheiden, ob sie dann ins Bett geht oder nicht. Morgens muss sie aber pünktlich aufstehen, egal wie müde sie ist. Das ist in Deutschland leider eine echte “natürliche Grenze”.

Diese neue Freiheit musste natürlich ausgiebig ausgekostet werden. Wir sind gegen 2 ins Bett und sie war immer noch wach. Ich gönne ihr die Freiheit und freue mich für sie. Ich habe sie noch nie so glücklich und dankbar gesehen. Heute morgen war sie erstaunlicherweise früher wach als ich (8:30) und hat schon Computer gespielt.

Zähneputzen: mit mir (ich putz mir jetzt die Zähne, wenn du nicht alleine putzen willst, kannst du jetzt mitkommen).

Fleiß

Johanna, 29.08.2006

Meine Tochter (7) hat gestern ihre Angst, dass sie keinen “Fleiß” für die Schule gemacht hat, bekundet. Sie war sehr traurig und hat geweint. Ich sagte, es sei mir nicht wichtig, dass sie fleißig ist, sie solle es nur machen, wenn es ihr Spaß macht. Sie wüsste aber nicht, was passiert wenn sie keinen “Fleiß” macht. Offenbar machen sie über die Ferien ein Wettbewerb, wer mehr “Fleiß” gemacht hat (wer mehr Wörter in schöner Schreibschrift geschrieben hat), hat gewonnen. Sie war sonst immer recht fleißig und die beste in der Klasse. Jetzt hatte sie wohl Angst, ihre Lehrerin zu enttäuschen. Sie hat mir so Leid getan…

Mein Vorschlag: Wir überlegen uns, wie es ihr Spaß machen könnte. Bunte Glitzerstifte, schönes Papier kaufen, z.B. Es muss doch nicht unbedingt in das hässliche Schulheft gemalt werden! Wir könnten auch lustige Wörter oder eine lustige Geschichte schreiben. Sie fand die Idee ganz gut und spann sie weiter: Wir könnten auch mit Wörtern “malen”: zum Beispiel eine Sonne, und die Strahlen “schreiben”, statt zeichnen.

Heute waren wir in der Bibliothek und sie hat sich 18. Artikel ausgesucht. Darunter Lesebücher, Bücher über Feste und Dekoration, Kassetten, 2 Spiele und 5 CD-Roms. Danach wollten wir die Glitzerstifte kaufen, aber leider war das Geschäft geschlossen. Sie wollte nicht in den “Hit”, das wäre zu weit gewesen, sie wollte nicht so viel Zeit verlieren, weil sie doch die ganzen PC-Spiele ausprobieren wollte :) Auf dem Weg nach Hause hat sie mir unaufgefordert aus einem Lesebuch vorgelesen.

Nachher will sie mir gerne beim Pfannkuchen backen helfen.

Freiheit

Johanna, 28.08.2006

Meine Tochter (7) ist seit heute “frei”. Wir hatten schon seit Mittwoch angefangen, bei möglichst allen “Darf ich…?” Fragen “Ja” zu sagen. Heute sagte ich ihr, sie könnte so viel Computer spielen wie sie will, und das gelte auch für Fernsehen. Später sagte ich, sie sollte Mal baden.
“Ach nööööö”
Aber du musst nicht. Du musst nie baden, es gibt keine Badezeiten mehr (früher: dienstags, donnerstags und samstags)
“Echt?”
Ja.
“Hm… Woher hast du das Mama??”
Was?
“Na ja, das mit Computer und Fernsehen und jetzt auch noch Baden…?”
Na ja, der Papa und ich haben viel gelesen und wir finden jetzt, dass es doof ist, Kindern etwas aufzuzwingen. Wir wollen, dass unsere Kinder in Freiheit aufwachsen.

Sie lächelt.

“Ich liebe dich, Mama”, und umarmt mich.

:-)

Unerzogen Magazin