Kinder an die Macht

Johanna, 27.10.2006

Im KiKa kam gestern das Finale einer Show, die wohl mehrere Tage lief: Der Boss sind wir. Zwei Familien wurden mit der Kamera acht Tage lang begleitet. Die Rollen wurden vertauscht: Die Eltern waren die “Kinder”, die Kinder die “Eltern”. Die Kinder wurden fast die ganze Zeit die “Bosse” (vom Kommentator) genannt. Die Eltern mussten das tun, was die Kinder sagten. Sie hatten ein Budget von 400 € für die 8 Tage und mussten damit Haushalten. Beide Familien hatten 3 Kinder. Anscheinend gingen die Kinder auch zur Schule (sie mussten wohl Hausaufgaben machen), aber ob die Eltern sich extra frei genommen hatten, weiß ich nicht genau, ich glaube schon. Die Kinder durften den Eltern auch befehlen, Auto zu fahren oder so.

Gestern war der letzte Tag dieses “Experiments” (wie sie es nannten) und am Ende wurden alle gefragt, was sie denn so darüber zu sagen hätten. Ich war begeistert:

Die Eltern sagten, sie seien so überrascht gewesen, zu sehen, wie viel die Kinder ganz selbständig machen können, wie viel sie von Haushaltsführung verstehen und davon, wie man Geld ausgibt. Beide Familien konnten sich am Ende noch was leisten und die Eltern überraschen. Die Eltern waren auch überrascht, wie viele Konflikte sich einfach von selbst lösen, wenn man sie einfach machen lässt (oho!). Sie waren auch beeindruckt und froh, dass sie sich auf die Aktivitäten eingelassen hatten, die die Kinder vorgeschlagen haben – Sie haben Sachen gemacht, die sie noch nie zuvor gemacht hatten und hatten dabei viel Spaß. Ein Elternteil war überrascht, dass man sich doch auf die Kinder verlassen kann. Sie waren begeistert, dass Kinder ihre Vorhaben wirklich durchziehen, egal was passiert. Die Eltern wurden gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, das immer wieder Mal zu machen, so alle halbe Jahre, 4 Tage lang oder so. Eine Familie sagte, ja, durchaus, die andere sogar “können wir immer machen” (so halb scherzhaft).

Die Kinder waren sehr glücklich, dass sie die Chance gehabt hatten, ihren Eltern ihre Fähigkeiten zu zeigen, auf sich selbst aufzupassen. Ich meine von manchen Kindern rausgehört zu haben, dass sie recht unglücklich waren, dass sie die Macht wieder abgeben musten. Das Symbol für die Machtübergabe war die Übergabe des Hausschlüssels. Da sagte eines der Mädchen: “Ach neiiiiiin, ich will noch wenigstens eine Stunde an der Macht bleiben!!!” Aber sie waren auch glücklich, dass sie im Haus bleibende Veränderungen durchgesetzt hatten (z.B. hat die eine Familie eine Chill-Out-Zone geschaffen, die Wände Rot angemalt und so).

Es war ein bisschen traurig, dass die Moderatoren nach dem Experiment ständig so was gefragt haben wie: “Und? War doch auch schwierig, oder? Sag doch Mal, es ist ja auch schwierig, Eltern zu sein, oder nicht?”, “Ach komm, es war doch auch viel Verantwortung und so, war doch sicher schwierig, nicht wahr?”. Anscheinend war das Ziel des Experiments, den Kindern zu “beweisen”, dass es schwer ist, Eltern zu sein, und dass sie deshalb den Eltern mehr im Haushalt helfen sollten etc. Aber die Kinder meinten, es sei am Anfang hart gewesen – zum Teil aber auch, weil die Eltern ihre Macht nicht so leicht aufgeben konnten die ersten 4 Tage – aber dass es eigentlich am meisten Spaß gemacht hätte und so schlimm sei es auch nicht gewesen.

Interessant war auch, dass bei einer Familie die Kinder versucht haben, den Haushalt ganz alleine zu schmeissen. Sie haben nur nach Hilfe gefragt, wenn sie wirklich Hilfe brauchten und die Eltern “gerade da waren”. In der anderen Familie haben die Kinder von den Eltern verlangt, dass sie bestimmte Haushaltsarbeiten erledigten. Ich nehme an sie haben es so gemacht, wie es für die jeweilige Familie “normal” war.

Die ersten vier Tage waren für beide schwer. Die Eltern konnten nicht so leicht ihre Kontrolle und Macht aufgeben. Eine Mutter sagte, es sei logisch, dass der Wechsel von 0 auf 100 für beide Seiten nicht leicht ist. Aber nach einer Weile hätte sie es geschafft, die Kinder einfach machen zu lassen und von da an konnte sie sogar genießen, “ein Kind zu sein”.

Ich habe sehr interessiert und mit einem breiten Grinsen die Show angesehen. Es ist traurig, dass die Show nur im Kinderkanal gezeigt wurde und dass wahrscheinlich nur wenige Eltern sie gesehen haben. Schade ist auch, dass keiner auf die Schlussfolgerung gekommen ist, dass Gleichberechtigung besser ist als von einem Extrem ins andere zu wechseln. Aber es war ein Anfang ;)

Ich hatte eine Idee:

Ich frage mich, was passieren würde, wenn dieses Experiment länger gemacht werden würde, für ein paar Wochen oder Monaten. Ich nehme an, dass die Eltern es “unfair” finden würden, so behandelt zu werden, keine gleichberechtigten Rechte zu haben etc. (in der Sendung benutzten die Kinder manchmal typische erzieherische Methoden – z.B. befehlten die älteren Kinder den jüngeren, sie sollten “ihr Brot aufessen” und “still sitzen bleiben” und “nicht so frech sein” und so was. Sie stritten sich auch mit den Eltern, dass diese respektlos seien oder die Regeln des Spiels nicht befolgten.)

Aber weil die Kinder ja die Situation der Eltern genau verstehen würden, sie waren ja vor ein paar Wochen erst dort, würden sie viel eher auf die Idee kommen, Gleichberechtigung für alle zu gewähren. Natürlich würde das im wahren Leben nicht so passieren, denn Eltern glauben einfach, sie hätten ein angeborenes Recht darauf, ganz oben in der Familienhierarchie zu stehen, und sie würden irgendwann das Experiment einfach abbrechen, wenn sie irgendwas so “unfair” fänden.

Aber: Ich frage mich, ob es nicht ganz gut wäre, für Leute, die Nichterziehung praktizieren wollen. Während traditionelle Erziehung die Eltern über die Kinder stellt: (Eltern → Kind), und der Rollentausch eigentlich das selbe ist nur andersrum: (Eltern ← Kind) – wir aber mit Nichterziehung eine solche Beziehung erschaffen wollen: Eltern ↔ Kind, wäre es vielleicht eine gute Idee, dieses Experiment eine Weile zu Hause zu machen?

So könnten sie sehen, wie schwer es ist (Eltern zu sein (die über ihre Kinder stehen), verantwortlich zu sein, den Haushalt zu schmeissen). Ich stelle mir vor, dass es hlefen würde, ein Gleichgewicht zu finden. Es ist einfach, von einem Extrem ins andere zu gehen, weil die Kinder ja auch wissen, wie die Eltern sich verhalten. Sie wissen gleich, wie sie sich verhalten müssen, um es nachzumachen. Es ist aber schwieirig für beide Parteien, direkt die Mitte zu finden – dies ist harte Arbeit. Es könnte allen Parteien klar machen, wieso wir “Eltern ↔ Kind” anstreben!

Es würde auch den Kindern deutlich machen, dass wir mit Nichterziehung eben nicht Eltern ← Kind anstreben!

Diese Übung könnte Eltern und Kindern helfen, die jeweiligen Rollen der anderen zu verstehen, die Verantwortung wert zu schätzen und wirklich zu verstehen, dass es wichtig ist, dieses Gleichgewicht zu finden.

Wie das Experiment im TV zeigte, könnten Eltern auch herausfinden, dass die Kinder wirklich vieles selbst bewerkstelligen und das könnte helfen, das Vertrauen, was uns fehlt, unsere Kinder “machen zu lassen”, zu bekommen.

Außerdem würden die Eltern die Welt und den Haushalt eine Weile von der Perspektive eines Kindes sehen, was jedenfalls diesen beiden Familien Spaß gemacht hat (tolle Sachen zusammen machen, entspannt wie ein Kind zu leben).

Ich denke auch, dass dieses Experiment die Kreativität aller Beteiligten anregen könnte, was man alles machen könnte in der Freizeit, wenn man so ein (zwar begrenztes) Budget zur Verfügung hat.

Nach diesem Experiment startet das echte Experiment. Ich glaube Kinder wären viel bereiter als Eltern, ihre Kontrolle über die andere Partei aufzugeben, wenn diese sich beschwert…

Was meint ihr?

Unordnung

Johanna, 22.10.2006

Von Deb Lewis

Vielleicht ist es hilfreich, die Sachen unserer Kinder nicht mehr als “Unordnung” zu betrachten

Wir haben auch überall im Haus unsere Sachen verteilt! Wir legen Teppichvorleger auf dem Boden und verteilen unsere Sachen, Pflanzen, Körbe, Fotos, Vasen, Sammlerstücke überall im Haus. Warum sind diese Sachen “Dekoration” und die Dinge unserer Kinder “Unordnung”?

Meine “Deko” ist zwar was anderes als wenn ich meine Stricksachen rausgeholt habe oder mein Schreibzeug benutzt und Post-Its überall verteilt habe, oder wenn meine Rezeptkarten auf dem Wohnzimmertisch herumliegen. Aber selten denke ich von meinen Sachen, sie seien “Unordnung”. Es ist eher “Zeug”. Ist dieser Unterschied nicht einleuchtend genug, um sich darüber zu wundern? :)

Wenn du deine eigenen Sachen als “Unordnung” ansiehst, könntest du das vielleicht in deinem Kopf in “Zeug” umändern. So könntest du anfangen, den Wechsel von Negativ zu Positiv anzugehen. Wenn du es so sehen kannst, dass das Zeug deiner Kinder ebenso zum Haus gehört wie deine Fotos und Teppichvorleger und was auch immer, dann ist es weniger stressig für dich, wenn “Zeug” liegen gelassen wird.

Manchmal wirst du irgendwelches Zeugs wegräumen wollen, sodass man sich hinsetzen und essen oder fernsehen kann oder tanzen, aber wenn es nicht eine “Unordnung” ist, “die man aufräumen muss”, sondern einfach “Zeug, dass man weglegt oder wegstellt”, ist es anders in deinem Kopf, erzeugt weniger Stress und verbindet keine schlechten Gefühle oder Groll mit der Sache.

Ich glaube mein Haus wäre viel praktischer für meinen Mann, wenn ich nicht auf jeden flachen Untergrund eine Pflanze gestellt hätte. Er könnte stattdessen seine Autohandbücher dorthin stapeln. Wenn ich keine Holzenten auf dem Klavier stehen hätte, könnte er seine Baseballmützen dorthin legen. Meine “Deko” könnte von anderen Familienmitgliedern also durchaus als “Unordnung, die mir im Weg steht” gesehen werden, wenn sie das wollten.

Wenn du bespielsweise den einen Tisch nicht mit Fotos vollgestellt hättest, könnten deine kinder dort ein Lego-Schloss bauen! Warum hast du deine Unordnung nicht weggemacht? ;)

Kindern sollte es möglich sein, ihre Sachen um sich zu haben. Kinder sind dem Boden und den Stuhl und Sofasitzflächen näher. Das sind natürliche, logische Orte für Kindersachen ;-)

Deb Lewis

Dieser Text war eine Antwort von Deb Lewis aus der englischen Mailinglist UnschoolingBasics übersetzt aus dem Englischen mit Genehmigung.

Das will doch jeder

Johanna, 13.10.2006

“Hä? das verstehe ich nicht, was ist denn das?”, sagte meine Tochter gestern, als sie den Titel eines meiner Artikel am Computer zufällig las.

“Ach, das hatte ich geschrieben, weil wir doch jetzt uns so geändert haben und so… weil wir meinen, dass man Kinder zu nichts zwingen sollte”, sagte ich.

“Ja, und?”

“Ja… ich schreib halt darüber. Und wenn ich das so erzähle, dann wollen andere Eltern–” hier wurde ich unterbrochen, ich wollte eigentlich sagen, dann wollen andere Eltern halt wissen, was sie denn machen sollen, wenn ihr Kind Hundekacke oder so anfassen will. Sie aber sagte so ganz selbstverständlich:

”... das auch machen!” :-)

Schwimmen

Johanna, 12.10.2006

So, heute war es so weit. Nach 45 Tagen Nichterziehung hat sie heute zum ersten Mal was anderes gemacht als Fernsehen und PC. Stimmt nicht ganz – wir haben natürlich schon noch andere Sachen gemacht, aber die Hauptbeschäftigung waren der Computer und der Fernseher. Ich glaube, sie war heute doch so 3 Minuten an ihrem PC irgendwann zwischendurch… Nicht, dass es mich stören würde!

Wir waren im Schwimmbad! Es war echt cool. Was ich aber eigentlich erzählen wollte, war meine Erleuchtung – dazu aber erst die Vorgeschichte: Meine Tochter war nämlich schon Mal in einem Schwimmkurs, der total überteuert war – 36 € im Monat oder so was für 1 x Woche 60 Minuten, in denen man als Elternteil nichts machen konnte, weil es so weit weg war. Es hat sich nicht gelohnt, nach Hause zu gehen, es gab keinen Supermarkt, die Wartebank war unbequem… Außerdem waren wir zeitlich gebunden, und ich kam immer zu spät. Das Becken war einfach nur ein quadratisches Becken. Danach immer das nervige Umziehen und das Schlimmste: Sie hat gar nicht schwimmen gelernt!

Der Eintritt heute für 3 Stunden Schwimmbad mit Rutsche, Stromschnelle, Nichtschwimmer und Schwimmerbecken, Babybecken, Whirlpool war 2,20 €. Zusammen also 4,40 €. Das macht im Monat 17,60 € – das ist weniger als die Hälfte des Preises für den Schwimmkurs!

Es hat ihr so gut gefallen, dass sie jetzt jeden Mittwoch hingehen will (mittwochs ist der Preis ermäßigt).

Muss ich noch meine Erleuchtung erklären?

Ich mach’s Mal, weil es so viel Spaß macht, so was zu erkennen…

Schwimmkurs Familienschwimmen
teuer billig
teuer immernoch billiger, sogar wenn noch jemand mitkommt
rechteckiges Schwimmbecken tolles Schwimmbad mit vielen Möglichkeiten
nur ein Schwimmbad viele Schwimmbäder
zeitlich gebunden theoretisch jederzeit möglich
ich kann nur warten ich kann auch Sport machen
wir sind getrennt wir sind zusammen
ich schaue nur zu ich mache was mit meinem Kind
mein Kind lernt schwimen – oder nicht mein Kind lernt schwimmen – oder nicht
mein Kind hat nicht schwimmen gelernt mein Kind hat im Urlaub am Meer schwimmen gelernt
schulisch unschooling
wir können uns nicht unterhalten wir können uns unterhalten
und Quatsch machen
und lachen
und uns Sachen zeigen
umziehen ist doof umziehen gemeinsam ist nur halb so doof
sie musste so schwimmen, wie alle sie kann so schwimmen, wie sie will
hat Spaß gemacht hat noch mehr Spaß gemacht
sie wird wahrscheinlich eh keine Profischwimmerin wenn sie Profischwimmerin werden will, dann deshalb, weil sie im Wasser schöne Erfahrungen gemacht hat
wenn sie in einen Schwimmkurs gehen möchte, werde ich sie natürlich trotzdem anmelden, wenn es geht wenn sie dann trotzdem außerhalb des Kurses ins Schwimmbad gehen möchte, können wir das auch organisieren

OK, jetzt aber, jetzt sag’ ich nichts mehr…

Unerzogen Magazin