Bedürfnisse

Johanna, 28.11.2006

Generell wird gerne zwischen “Bedürfnissen” und “Wünschen” unterschieden. Die Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis wird z.B. gemacht, wenn man sagt, diese eine Aufgabe muss gemacht werden, die andere Tätigkeit ist nur ein Wunsch. Meine Tochter will nur laut Musik hören (Wunsch), ich muss schlafen (Bedürfniss). Ich will nicht leugnen, dass es “Bedürfnisse” gibt – aber eigentlich sind sie im Endeffekt, und vor allem für Kinder, das selbe. Für Kinder sind das entweder alles “Wünsche”, oder alles “Bedürfnisse”.

Indem man behauptet, Bedürfnisse “müssten” erfüllt werden, während Wünsche quasi nur Luxus sind, verleiht man Bedürfnissen eine besondere Macht, eine besondere Gewichtung: Bedürfnisse stehen in der Prioritätsskala höher als Wünsche.

Das spüren Kinder – Und das spüren Eltern! Deshalb sagen sie bei manchen Sachen: “Wir müssen X machen”, obwohl sie oftmals sagen könnten “Wir wollen X machen” oder “Ich möchte X machen”. Dann aber könnten die Kinder theoretisch “nein” sagen. Die Eltern fürchten, dass ihre Bedürfnisse (oder eben Wünsche) zu kurz kommen (Schlaf, Einkauf, Arbeit, ein schöner Abend nur zu zweit…), und daher nutzen sie das Wörtchen “muss”. Das Wort “Bedürfnis”, ob ausgesprochen oder in unseren Köpfen, rechtfertigt, dass wir zu dessen Durchsetzung die Freiheit anderer einschränken dürfen – es “muss” ja gemacht werden, da müssen wir durch.

Von Geburt an sind wir eigentlich frei. Diese Freiheit wird Stück für Stück von uns abtrainiert, indem (unter anderem) genau diese Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Wunsch gemacht wird. Wenn ein Kind irgendwas will, ist es ihm erst Mal völlig gleichgültig, ob das jetzt ein “Bedürfnis” ist, oder ein “Wunsch” – es will es einfach. Genauso macht es vorerst keine Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Wunsch eines Erwachsenen – bis das erfolgreich durch Erziehung antrainiert wird. Wer übrigens entscheidet, was ein Bedürfnis und was ein Wunsch ist, ist sowieso eine gute Frage (meistens entscheiden das nämlich die Eltern), und ob die Erfüllung der Wünsche nicht letztendlich auch ein Bedürfnis des Menschen ist, ist auch nicht geklärt.

Wenn wir sagen “Ich möchte heute einkaufen gehen” oder “Ich möchte, ich wünsche, dass ihr mit mir einkaufen geht”, sagt man eigentlich “Das ist mein Wunsch, du bist eingeladen mitzukommen – und du bist frei, frei zu entscheiden, ob du das eventuell auch möchtest.” Das kann Angst machen, vor allem, wenn man das nicht schon immer so gehandhabt hat (und daher erst Mal sehr oft “nein” hören wird). Wenn man schon so oft auf die “Bedürfnisse” gepocht hat, und mit ihrer Erlaubnis die Freiheit der Kinder eingeschränkt hat, werden Kinder nämlich weder Wünsche noch Bedürfnisse ernst nehmen – für sie ist es einerlei und schränkt ihre Freiheit ein. Dann ist es kein Wunder, wenn sie bei beiden “trotzen” oder versuchen ihre Wünsche durch Machtanwendung in “Bedürfnisse” umzuwandeln (→ “Machkampf”).

Wenn Menschen die Freiheit haben, Wünschen mit einem “nein” zu begegnen, und ihre eigenen Wünsche nicht zu kurz kommen, haben sie keinen Grund, ihre Wünsche “Bedürfnisse” zu nennen und/oder durch ein “nein”, ihre Freiheit schützen zu müssen.

Oder anders:

Wenn Menschen die Freiheit haben, Bedürfnissen mit einem “nein” zu begegnen, und ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen, haben sie keinen Grund, Bedürfnisse anderer als “nur Wünsche” abzutun, um ihren eigenen Bedürfnissen mehr Gewicht zu geben.

Wenn man zwischen Bedürfnissen und Wünschen unterscheidet, wird man oft vor einer Art Wettkampf (Machtkampf) stehen: Welches unserer “Bedürfnisse” ist “höher”, welches ist eigentlich “nur” ein Wunsch? Wenn du dein Bedürfniss erfüllt kriegst, kann ich nicht meinen Wunsch erfülle, oder umgekehrt. Meins ist aber eigentlich ein Bedürfnis – nein, es ist nur ein Wunsch. Wenn du laut Musik hörst, kann ich nicht schlafen – ich muss schlafen, dein Wunsch nach lauter Musik ist nicht “gültig”, nicht “gewichtig” genug.

In einem nächsten Schritt geht es daher darum, die Wünsche/Bedürfnisse aller in der Familie miteinander vereinbar zu machen. Da “muss” ;) man oft kreativ sein. Aber da es eigentlich in der Natur des Menschen liegt, frei zu sein, wird es auf lange Sicht nicht so schwer sein, kreativ zu sein, um Lösungen zu finden, die die Freiheit aller in der Familie beachten, weil jeder daran ein Interesse hat, frei zu sein. Wir müssen uns nur “abtrainieren”, Wünsche und Bedürfnisse so heftig zu unterscheiden. Kopfhöhrer oder Ohropax könnten das Problem lösen, Übernachten bei einer Freundin oder in einem anderen Zimmer ebenfalls (um nur ein paar Lösungsvorschläge für das Beispiel zu nennen).

Wenn Familien gelernt haben, alle Wünsche und Bedürfnisse gleich wichtig zu nehmen und sie möglichst alle zu erfüllen und miteinander vereinbar zu machen, haben Kinder weder einen Grund, bei der Erfüllung der Wünsche anderer Familienmitglieder nicht mitzuwirken, noch einen Grund, ihre Wünsche “Bedürfnisse” zu nennen, damit wenigstens manche davon erfüllt werden (müssen).

Ich bevorzuge es, Wünsche und Bedürfnisse gleichsam “Bedürfnisse” zu nennen, weil ich sie gleich wichtig finde. Mir ist schon klar, dass es theoretisch eine Unterscheidung gibt – es geht mir hier nur darum, beiden Begriffen die selbe Wichtigkeit zu geben. Es ist klar, dass wenn es hart auf hart kommt (Krieg, Hungersnot…), Bedürfnisse höher stehen – aber zum Glück leben wir nicht im ständigen Notfall. Zudem bin ich überzeugt, dass im Notfall auch Kinder die Notwendigkeit der Unterscheidung und der Prioritätensetzung begreifen.

Warnung:

Wurde ein Kind in seiner Freiheit eingeschränkt und will man dies nicht mehr tun, braucht es eine gewisse Zeit (das kann sich über Monate hinziehen), bis es wieder Vertrauen hat und bis es genug Freiheit “nachgeholt” hat. Es folgen also Monate, in denen man besonders kreativ sein muss, und besonders viel “Nein” zu hören bekommt. Geduld!

Inspiriert von Scott Noelle .

Warum Gleichberechtigung keine Methode ist (2)

Johanna, 26.11.2006

Antworten von Sumpfel auf meine Zweifel, ob Gleichberechtigung in Eltern-Kind-Beziehungen nicht doch eine “Methode” ist:

Ich dachte, ich hätte Nichterziehung verstanden, als ich verstand, dass es nicht eine “Methode” sei, da man kein Erziehungsziel oder Ziel als solches hat – man will einfach nur die angeborene Freiheit nicht wegnehmen (im Gegensatz zu “Freiheit gewähren”) (trotzdem “gewährt man” weil man es ja in der Macht hätte, das ist aber Definitionssache und in diesem Zusammenhang eher egal).

Nicht zu erziehen ist für mich, mit meinen Kindern zu leben, ohne sie erziehen zu wollen, mit anderen Menschen zu leben, ohne sie erziehen zu wollen. Die Substantivierung “Nichterziehung” suggeriert eine Methode, aber das Leben ohne Erziehung ist m.E. keine Methode. Darum gefällt mir eine Formulierung wie “erziehungsfrei leben” so gut.

Daher ist es so wichtig, nicht zu erziehen, damit das Vertrauen nicht gebrochen wird.

Für mich ist es so: Wenn ich erziehe, ist das ein Zeichen dafür, dass ich kein Vertrauen in mein Kind habe. Es ist mein Ziel, dem Kind bedingslos zu vertrauen. Das ist weder ein Erziehungs- noch ein Nichterziehungsziel, was ich irgendeinem anderen Menschen aufdrücken würde, denn es gilt ja nur für mich.

Was wollen wir mit Nichterziehung? Wir wollen dieses Vertrauen nicht brechen, oder wenn schon passiert, wollen wir es wieder aufbauen. Das ist besonders schwer! Oder?

Ich will vertrauen. Das Vertrauen des Kindes bekomme ich gratis mit seiner Geburt. Was ich will, indem ich Erziehung unterlasse: Ich will das Kind nicht verrückt machen; ich will es nicht manipulieren; ich will sein Vertrauen nicht missbrauchen.

Ist das ein “Erziehungsziel”? Weil wir natürlich “hoffen” oder “glauben”, dass dadurch, dass wir Vertrauen, alles besser ist, einfacher ist, dass sich das Kind vernünftig verhalten wird… letztendlich, dass wir dann Erziehung “nicht brauchen”??

Ich habe ein Menschenbild vor Augen und das sagt mir, dass ich meinem Kind vertrauen kann. Dann muss ich nicht an später denken: “tue dies, damit es später … tue das …”

Antwort von Sumpfel aus der Mailingliste Unerzogen. Veröffentlicht mit Genehmigung.

Was ist Freiheit?

Johanna, 26.11.2006

Um freie Entscheidungen treffen und unsere Freiheit wirklich nutzen zu können, müssen wir uns über die Folgen unseres Handeln im Klaren sein und die Folgen unseres Tuns im vollen Umfang begreifen.

Es ist also nur eine “Scheinfreiheit”, wenn das Kind “frei” entscheidet, weil es viele der Folgen nicht abschätzen kann und daher tut man dem Kind quasi einen Gefallen, wenn man eingreift und für es entscheidet.

Das Kind ist also sowieso nicht frei, Erziehung ist also auch keine “Einschränkung” (wenn keine Freiheit, dann gibts auch nichts einzuschränken). Ergo kann man reinen Gewissens weiter erziehen, ist ja keine Einschränkung, die Kinder sind ja eh nicht frei, man tut ihnen sogar einen Gefallen.

Antwort von Martin Wilke:

Demnach ist praktisch kein Menschen frei, auch die Eltern nicht. Denn auch sie können die Folgen ihres Handelns nicht völlig überblicken, was ja gerade bei der ganzen Frage der Erziehung besonders deutlich wird.

Ich finde das Argument auch gefährlich, weil es zur Legitimierung von Herrschaft dient und das Kind daran hindert, eigene Erfahrungen und eigene Fehler zu machen.

Da auch die Eltern sich irren können, wer gibt ihnen dann das Recht, darüber zu entscheiden, wie andere (ihre Kinder) zu leben haben?

Antwort von Martin Wilke aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht.

Antwort von Benni Baermann:

Interessantes Thema. Ein paar Anmerkungen dazu:

  • Die Unterdrücker aller Länder und Zeiten haben immer behauptet, dass es nur zum Wohle der Unterdrückten sei, dass sie unterdrückt werden, weil sie ja zu unwissend/unbeherscht/whatever seien. Das wurde den Sklaven und den Leibeigenen genauso vorgehalten wie den Frauen und den Arbeitern.
  • Kein Mensch kann die Folgen seines Handelns in vollem Umfang vorraussehen. Im Gegenteil macht es gerade die Stärke menschlichen Handelns aus, dass es ohne volle Informiertheit zu halbwegs tragfähigen Schlüssen kommt.
  • Das Ziel von Lernen sollte demnach auch nicht sein, erst dann zu handeln, wenn man meint alle Folgen abschätzen zu können, sondern dann, wenn man bereit ist die Folgen zu tragen. Nur wer Fehler machen kann, kann lernen.
  • Man wird immer Extrembeispiele finden in denen es offensichtlich ist (oder für manche auch nur zu sein scheint), dass Kinder die Folgen ihres Handelns noch in keiner Weise einschätzen können. Hier auf der Liste hatten wir diese Themen ja auch schon wiederholt (Strassenverkehr, mit Kacke spielen, Zähneputzen, ...). Es macht für mich Sinn sich mit diesen Extremfälen auseinaderzusetzen aus der Perspektive [gleichberechtigter Elter-Kind-Beziehungen]. Keinen Sinn macht es für mich aus diesen Extremfällen Regeln für das generelle alltägliche Zusammensein mit Kindern abzuleiten.

    Antwort von Benni Baermann aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht

    Antwort von Jacob:

  • Kann den eine Erwachsene immer abschätzen, daß sie nicht mit dem Flugzeug abstürzt, wenn sie einen Flug von London nach Kairo unternimmt?
  • Kann sie abschätzen, nicht entführt im Pentagon zu landen, wenn sie einen
  • Flieger benutzt?
  • Kann sie den immer abschätzen, dass sie nicht vom Laster überfahren wird, wenn sie vom Bürgersteig auf die Straße tritt?
  • Kann sie immer abschätzen, nicht von einer Bombe zerfetzt zu werden, wenn sie in London mit der U-Bahn fährt?
  • Kann sie immer abschätzen, dass sie kein Aids bekommt, wenn sie mit einem Bekannten Sex hat?
  • Kann jede Erwachsene abschätzen, dass sie nicht Opfer einer Springflutt wird, wenn sie an den Strand geht oder ins Watt hinausläuft?

    Die Folgen einer Handlung können auch Erwachsene nicht abschätzen, da die Zukunft offen und noch nicht festgelegt ist. Es ist eine Lüge, dies – mal von ganz eng eingegrenzten Bereichen abgesehen – überhaupt zu können.

    Kein Autofahrer kann im Vorwege abschätzen, dass es dieses Mal zu keinem Unfall kommt, dass die Radmuttern der Reifen sich diesmal nicht lösen und die Reifen deshalb nicht bei 120 km/h auf der Autobahn plötzlich überholen, selbst dann nicht, wenn er sie vor der Fahrt kontrolliert hat. Wir alle können nur Wahrscheinlichkeiten abschätzen, die Folge unserer Handlungen sein können, mehr nicht.

    Antwort von Jacob aus der Mailingliste Unerzogen. Veröffentlicht mit Genehmigung.

    Jedenfalls, ich habe das Kapitel “Freiheit” [aus einem Kinderbuch] gelesen und so, und da war das Bsp., dass ein Kind nur Malen will und daher mit der Schule aufhören möchte. Da stand natürlich, dass man aber als Kind die Tragweite seiner Entscheidungen nicht abschätzen kann (z.B. dass man später vielleicht kein Maler mehr werden möchte).

    Antwort von Lisa:

    Ich verstehe das so, dass der Autor damit meint, das Kind könnte den “schulischen Anschluss” verlieren, was dann dazu führt, dass es als Jugendlicher keinen Schulabschluss bekommt, keine Lehre/kein Studium machen kann, keine Arbeit findet, also kein Geld verdienen kann, und schlimmstenfalls “unter der Brücke” landet.

  • Ist einem Erwachsenen bewusst, welche Folgen es hat, in die Schule zu gehen? * Wieviele Menschen, die selbstbestimmt gelernt haben, kennt dieser Erwachsene?
  • Was bedeutet es für einen Menschen, wenn ihm von Kindesbeinen an systematisch abgewöhnt wird, nach seinem Rhythmus und seinem inneren Lernplan zu lernen?
  • Wieviel Bewusstsein für effektives Lernen haben konventionell beschulte Erwachsene?
  • Wieviele Erwachsene wissen, dass man bei der Volkshochschule Vorbereitungskurse für Schulabschlüsse machen kann (wenn ich mich recht erinnere, dauern die 1-2 Jahre statt 10 (!!!) Schuljahre), und dass man “Fremdenprüfungen” ablegen kann?
  • Welcher Erwachsene weiss besser als das Kind selbst, was es jetzt in diesem Moment am effektivsten lernen kann, was jetzt am wichtigsten ist?
  • Wem ist bewusst, wie wichtig es ist, welche innere Haltung zum Lernen man über die Jahre erhält und entwickelt?

    Antwort von Lisa aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht.

    Antwort von Yasemin Weidemeier:

    Zum Thema Schule kann ich da auch ein Beispiel von hervorragander Entscheidungsfähigkeit meiner Tochter erzählen, die für mich als die Folgen des Handelns abschätzen könnende Mutter völlig unsinnig war.

    Meine Tochter hat sich in der Grundschule schon in der dritten Klasse eher mittelmässig durch die Schule geschlagen, und das wurde in der vierten Klasse immer schlimmer, nachdem sie auch noch eine Ersatzlehrerin bekam, die meine Tochter zwar ganz gerne mochte (sie ist sehr schlampig und die Lehrerin hatte Verständnis dafür, weil sie wohl auch nicht sehr ordentlich ist), und kurz vor den Zwischenzeugnissen hat meine Tochter ihrer Lehrerin, ohne mit mir gesprochen zu haben, mitgeteilt, dass sie die Schule wechseln wird. Danach hat sie mir mitgeteilt, dass sie an eine andere Schule gehen will und in welche.

    Ich habe alle meine Argumente gegen diesen Quatsch angebracht, die mir völlig logisch erschienen: dass sie ja dann die Kinder nicht kennt, dass die neue Lehrerin vielleicht mit ihrem Chaos nicht klar kommt, usw…

    Sie hat gesagt, sie will trotzdem nicht mehr in ihre alte Schule gehen; sie wird die anderen kinder kennen lernen, und wenn ihre Lehrerin will, das sie ordentlicher ist, dann wird sie das halt machen.

    Na gut, dann bin ich, entgegen meiner eigenen Überzeugung, zum Direktor der Schule gegangen, habe die Lage erzählt usw., er meinte wir wollten wegen dem Übertrittszeugnis tricksen oder so, aber ich konnte ihm glaubhaft machen, dass es nur der Wunsch meiner Tochter ist, und nichts mit Übertritt zu tun hat.

    Sie ist in die neue Schule und ihre Noten haben sich innerhalb von einem Monat um eine Note, und bis zum ende des Schuljahres um zwei Noten gebessert.

    Besser hätte sie nicht entscheiden können.

    Ich glaube, dass Kinder immer über sich entscheiden können. Und zwar, wenn es etwas ist, was sie abschätzen können, wie ist mir zu kalt draussen, habe ich hunger oder bin müde – sowas entscheiden sie tatsächlich frei.

    Ist es etwas, was sie meinen, nicht abschätzen zu können, dann werden sie aus freien Stücken die Eltern, die die tatsächliche Autorität zu dem Thema haben, befragen und dann mit Wissen der Folgen frei eintscheiden können. Mit Autorität meine ich die Kompetenz und das Wissen der Eltern.

    Zu dem ‘Spät ins Bett gehen und deshalb übermüdet sein und schlechte schulische Leistungen haben’: Kinder wissen immer, wann sie müde sind, wenn man sie nicht dazu zwingt ins Bett zu gehen. Meine Kinder haben von Anfang an immer von sich aus gesagt, wenn sie müde waren und schlafen wollten, und das schon als Baby. Bei einigen war es zu früherer Uhrzeit und bei einigen ist es später, so wie sie es halt für sich brauchten.

    Und wenn sie tatsächlich Mal, so wie es meine Tochter (12) gestern gemacht hat, weil ihre Freundin bei uns übernachtet hat, bis halb eins aufgeblieben sind, dann ist der Schlaf halt Mal eine Nacht kürzer, das holen sie dann in der nächsten Nacht wieder auf, oder sie verschlafen und wissen es beim nächsten Mal auch.

    Es gibt kaum etwas, was Kinder nicht wirklich frei entscheiden können, weil sie die Folgen nicht abschätzen können, aber wie schon gesagt, bei den Themen werden sie entweder fragen oder aber den Rat der Eltern annehmen, oder zumindest anhören, weil sie wissen, dass man ihnen nicht willkürlich was erzählt.

    Antwort von Yasemin Weidemeier aus der Mailingliste Unerzogen. Veröffentlicht mit Genehmigung.

Warum Gleichberechtigung keine Methode ist (1)

Johanna, 26.11.2006

Es folgt die Antwort von Willibald Papesch auf meine Frage, ob Gleichberechtigung nicht doch eine Methode ist:

Willibald, du meinst vielleicht, du hättest meine Frage beantwortet – irgendwie kommt’s mir aber nicht so vor. Oder ich kapier’s nicht. Trotz dem was du sagst, “das allgemeine Ziel wäre, einen lebenslangen Prozess in Gang zu setzen, der es den Beteiligten ermöglicht, lebenslang für alle Teile befriedigende Formen des Zusammenlebens zu entwickeln.” – so entscheiden wir uns doch als Eltern gegen Erziehung aus einem Grund...

Ich würde sagen, für eine Lebenshaltung.

...und wir meinen, so zu leben ist besser für die Entwicklung des Kindes – wie ist das dann keine “Methode”?

Bei “Methoden” geht es immer im “Techniken”:

Ich weiß nicht, ob ich ein Problem damit hätte, wenn es eine “Methode” wäre, dann ist es halt eine Methode. Es würde nur irgendwie… meine Gedanken der letzten 4 Monate erschüttern, weil ich irgendwie zuerst davon ausging, es sei eine Methode, das dann verwarf und jetzt ist es doch eine Methode. Ich bin einfach verwirrt :D Ich will’s kapieren!

Z.B. gibt es da auch immer die “Erfolgsgeschichten” – meine Freundin sagte zurecht, warum schicke ich ihr immer Willibalds Zitate aus Büchern, wo Kinder berichten, wie toll und lieb sie sind, warum erzähle ich ihr, dass meine Tochter ja auch wirklich nicht mehr so viel TV sieht, warum erzähle ich ihr (quasi stolz), dass sie zu einer “normalen” Zeit von alleine ins Bett geht – warum erzählt Willibald…

Weil er zeigen will, das so etwas durchaus möglich ist.

...wie “brav” seine Kinder doch sind und rücksichtsvoll und respektvoll und alles – wenn das alles quasi “egal” wäre…

Nein, ist es nicht.

...wenn es doch eine “Lebensphilosophie” ist…

Ja, das ist es. Aber eine Lebensphilosophie auf empirischer Grundlage. Menschen sind auf Kooperation angelegt, ihr Leben hängt davon ab. Es ist gleichsam “natürlich”, auf dies Kooperationsbereitschaft zu setzen, es ist “unnatürlich”, diese Kooperationsbereitschaft durch Erziehung zunächst zu zerstören und sie dann durch Machteinsatz und Gehorsam wieder zu erzwingen. Von aller “Lebensphilosophie” mal abgesehen, erscheint mir das rationaler und ökonomischer.

Wenn du die von mir berichteten Beispiele unter diesem Gesichtspunkt betrachtest, heißt dies: Ich habe am Lebensanfang – in etwa während des ersten Lebensjahres – einen höheren Aufwand, der sich danach sehr schnell minimiert, sprich: Es gibt so gut wie keine der üblichen Erziehungsprobleme.

...bei der es am meisten um Menschenwürde und Freiheit geht…

Nicht vergessen: Es gibt auch ‘glückliche’ Sklaven.

...und angeblich nicht um das “Ergebnis”,...

Nein, es geht nicht um irgendein “Ergebnis”, sondern darum wie ich Tag für leben möchte. Die entscheidende Frage lautet immer: “Wie möchte ich mit meinen Kindern in meiner Familie zusammenleben?” Es ist zunächst nur meine ganz persönliche Entscheidung für eine Lebensform, für die ich auch persönlich die Verantwortung übernehme.

...dass die Kinder ja doch irgendwie “von sich aus lieb, brav, sozial, respektvoll, rücksichtsvoll, hilfsbereit, keine Drogen nehmen etc. etc.”

Nein. Kinder sind von sich aus zunächst ‘nur’ kooperativ, lernbereit und bereit, den Eltern zu folgen. Was daraus wird, hängt von der Umgebung ab.

Kinder, die bei einer Räuberbande aufwachsen, werden in der Regel ebenfalls Räuber.

Wir finden doch diese “Ergebnisse” toll…

Nein. Es geht nicht um ein “Ergebnis”. Es geht darum, wie ich mich verhalte, wenn mein sechs Monate altes Kind während des Fütterns beginnt, im Essen rumzumantschen, nach dem Löffel zu tapsen, dabei evtl. den Teller runter schmeisst … Werde ich sauer, schimpfe ich – oder verstehe ich, dass dies nicht aus Bosheit geschieht, sondern der Beginn des Lernprozesses “Essen” ist?

Ich bleibe nicht deshalb gelassen und geduldig, um in 10 Monaten ein Ergebnis zu haben, sondern weil ich verstehe, was das Kind jetzt tut. Ob da einmal ein vor mir gewünschte Ergebnis heraus kommt, steht in den Sternen: Kinder beim Aufwachsen zu begleiten ist immer ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Denn schließlich haben auch sie einen ‘freien’ Willen und sind in der Lage, selbst zu entscheiden. Ob mir das immer gefallen wird – wie soll ich das bei einem sechs Monate alten Kind wissen?

Dasselbe gilt z.B. in Sudbury Valley bei meinem Lieblingsbeispiel: Der Junge, der monatelang jeden Morgen aufs Sofa liegt und den Unterricht verschläft. Niemand konnte wissen, was am Ende dabei herauskommen würde. Aber man hat seine Entscheidung geachtet.

...wir wollen sie [die Ergebnisse], und wir nutzen die nach unseren Informationen “beste Methode”...

Nein. Sondern ich behandle mein Kind in jedem alltäglichen Augenblick so, dass ich seine Fragen und Handlungen redlich beantworte: wenn das einjährige Kind im Einkaufswagen die Hand ausstreckt, weil es beim Beladen des Einkaufswagens helfen will, dann lasse ich es helfen; genauso lasse ich es an der Kasse helfen, die Waren aufs Band zu legen. Das ist die Methode und das Ziel und die Lebensphilosophie ... wie immer du das nennen willst.

...um das Ziel (vernünftige und soziale Kinder) zu “erreichen”?

Nein, sondern hier und jetzt mit meinen Kinder zu leben, Tag für Tag. Was daraus wird, wird sich zeigen. Das weiß man immer erst hinterher.

Antwort von Willibald Papesch. Veröffentlicht mit Genehmigung.

Unerzogen Magazin