Die Kompetenz des Säuglings

Johanna, 10.12.2006

Von Emmi Pikler

Es ist eine weit verbreitete Meinung – und zwar auch in einem großen Teil der medizinischen Literatur –, dass der neugeborene Säugling eine hilflose Kreatur sei, unfähig sein Wohlbehagen auszudrücken und alles, was er tun könne, sei Schreien, wenn er sich unbehaglich fühlt. Falls er schreit, soll man ihn beruhigen, wenn er hungrig ist, füttern. Der Säugling wird gefüttert, gehätschelt, in den Armen gehalten, weil er die Nähe eines menschlichen Körpers gern hat. Im Zusammenhang mit dieser Auffassung ist es nicht belanglos, eine Tendenz zu erwähnen, nämlich ein zunehmendes Interesse am sogenannten “Lehren” des Säuglings, um seine Entwicklung zu fördern. Man nimmt an, je mehr Wissen man in das Baby wie in einen Computer hineinfüttert, desto vorteilhafter sei es. Man erwartet von ihm, in der Position und an dem Platz zu bleiben, wo man es für gewöhnlich unterbringt, einfache Aktivitäten, die man ihm vormacht, nachzuahmen, Silben oder Worte, die man ihm wiederholt vorspricht, nachzusprechen. Also nicht nur Nahrung, sondern auch Wissen wird in das Baby hineingefüttert. In der Regel entscheidet der Erwachsene, was das Baby zu wissen hat, und wann ebenso wie es das Gelernte durchzuführen hat. Es wird angehalten, das Vorgeschriebene mit mehr oder weniger Hilfe des Erwachsenen auszuführen. Gewisse Richtungen instruieren sogar die Mütter, ihre Säuglinge systematisch mit einem bestimmten Lehrstoff und einer Zeiteinteilung, wie es in der Schule üblich ist, zu “unterrichten”.

Während dies alles vor sich geht, wird der Initiative des Säuglings wie auch seinen Signalen immer weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Demzufolge werden diese auch seltener, das Kind gewöhnt sich an Imitation und mechanische Wiederholung in praktisch allen Bereichen des Lebens. Als Folge dieser Art der Erziehung wird der Säugling im Laufes seiner Entwicklung fast vollkommen abhängig vom Erwachsenen. Sein Selbstvertrauen wird geschwächt. Diese Merkmale werden im allgemeinen als angeboren betrachtet und nicht als Folge der Art und Weise der Erziehung.

Diese Art der Erziehung von Säuglingen steht aber in Gegensatz zu dem, was man durch neuere Forschungen über die psychische Entwicklung des Säuglings herausgefunden hat. In den letzten Jahrzehnten haben wir über das Neugeborene und den Säugling sehr viel Neues gelernt. Zahlreiche Berichte wurden publiziert, die uns mitteilen, dass das Neugeborene und der Säugling gewisse Fähigkeiten besitzen, die unseren jahrhundertealten Vorstellungen widersprechen. (...)

Es ergibt sich auch die Frage, ob nicht weitere Fähigkeiten – die eventuell in dem sich entwickelnden Kind später auftauchen würden – uns entgehen könnten, weil wir den Signalen des Kindes keine Aufmerksamkeit geschenkt haben oder nicht für die entsprechenden äußeren Bedingungen seiner Umgebung gesorgt haben. (...)

Schon das Neugeborene ist z.B. fähig, sich als Antwort auf die berührenden Hand des Erwachsenen zu entspannen oder sich zu verspannen. Es kann zusammenzucken oder sich hineinschmiegen in die Hand des ihn aufhebenden Erwachsenen und so zeigen, ob ihm die Berührung angenehm oder unangenehm ist. Es kann so aufgenommen werden und so berührt werden, dass es keinen Widerstand leistet, wenn es z.B. am Hals und in den Armbeugen gesäubert wird. Schon nach wenigen Tagen – abhängig davon, wie wir dem Säugling begegnen – können wir beobachten, ob er gelöst oder verspannt reagiert, nicht nur als Antwort auf die Berührung, sondern schon vorher, schon bei der Annäherung des zu ihm kommenden, ihn pflegenden Erwachsenen. Wir können hier das frühe Auftauchen der Antizipation beobachten. In dieser Weise bildet sich schon in den ersten Tagen des Lebens ein positiver oder negativer Kontakt zwischen dem Säugling und dem für ihn sorgenden Erwachsenen aus.

Es ist allgemein bekannt, dass Neugeborene und der Säugling während des Stillens aktiv ist. Weniger bekannt ist, dass schon das Neugeborene genau äußern kann, ob ihm die angebotene Flüssigkeit gefällt oder nicht. Wenn ja, wird es aktiv saugen und schlucken, auch wenn es mit dem Löffel gefüttert wird, und sogar manchmal ein schmatzendes Geräusch hören lassen. Wenn es aber die Flüssigkeit nicht gern hat, lässt das Kind sie aus dem Mund rinnen oder schiebt sie mit der Zunge heraus. Wenn wir aufmerksamer wären für seine feineren Signale, würde das Spucken oder Erbrechen während oder nach dem Trinken sicher seltener vorkommen.

Von seinen ersten Lebenstagen an informiert uns also der Säugling mit seinen Gesten und seinem Verhalten genau, ob er mit der jeweiligen Nahrung zufrieden ist oder nicht – noch bevor er zu schreien oder zu spucken beginnt.

Der Säugling wird auch sehr bald die Initiative ergreifen, wenn wir auf seine Signale hören, aufmerken und antworten und wird uns zu verstehen geben, ob er sich z.B. bei der Temperatur des Badewassers wohl oder unwohl fühlt und ob er sich behaglich oder unbehaglich fühlt bei der Art, wie wir ihn an- oder ausziehen. Wenn die Pflege des Säuglings immer in derselben Reihenfolge durchgeführt wird und wir aufmerksam seine Signale wahrnehmen und sie beantworten, wird das Kind sein Bein oder seinen Arm entspannen, während sie gewaschen werden. Nach einigen Wochen wird es seinen Mund formen, wenn es angesprochen wird. Es wird Laute von sich geben, uns anlächeln und antworten, wenn wir zu ihm sprechen. Es wird die Aufmerksamkeit des Erwachsenen in immer aktiverer Weise mit Lauten und Gesten auf sich lenken. Das Kind wird sich an seiner Pflege in zunehmendem Maße beteiligen. Später wird es uns helfen: Es wird seinen Arm oder sein Bein – in der Reihenfolge des Badens oder Anziehens – selbst anheben und uns entgegenstrecken, bevor wir sie anfassen. Etwas später wird es spielend statt des gewünschten Armes zuerst den anderen oder den Fuß reichen, um auf weitere Aufforderung des Erwachsenen lachend den richtigen Arm zu geben.
Wir sehen, wie im Laufe der Entwicklung einer gegenseitigen Beziehung das Kind ein kompetentes Verhalten entwickelt und ein aktiver Partner wird.

Der zufriedene, ausgeglichene Säugling, der aktiv an seiner Pflege teilnimmt, ist auch außerhalb der Pflegehandlungen voller Initiative. Er ist fähig, Gegenstände, die ihn in seiner Umgebung interessieren, selbst aufzuheben. Er ist fähig, selbständig mit diesen Gegenständen vertraut zu werden und mit ihnen zu hantieren.

Die in dieser Weise erzogenen Säuglinge und Kleinkinder benötigen in vieler Hinsicht weniger Hilfe vom Erwachsenen als üblich. So geht z.B. ihre Bewegungsentwicklung nicht von der Hilflosigkeit zur Selbständigkeit vor sich, sondern die Kinder sind in gewisser Hinsicht in jeder Phase ihrer Entwicklung zu selbständigen Bewegungsaktivitäten fähig. (...)

Verschiedene Geräte wie Babywippen, Babyhopser, Schaukeln oder Stühle mit Säuglingssitzen wurden konstruiert, um den Säugling in einer vorbestimmten, die Beweglichkeit beschränkenden Position sitzend oder stehend zu halten. In all diesen Geräten kann das Kind sich nicht umdrehen, kann sich nicht rollen, weder auf dem Bauch kriechen noch auf Knien und Händen krabbeln. In den Sitzgestellen kann es seine Position nicht einmal soweit verändern, dass es sich nach einem heruntergefallenen Spielzeug bücken könnte, um es aufzuheben.

Die Selbständigkeit und das Gefühl der Kompetenz des Kindes wird auch durch die Art behindert, in der der Erwachsene immer wieder versucht, dem Kind in seiner Entwicklung zu helfen. Die Absicht des Erwachsenen zu “Helfen” oder zu “Fördern” verhindert geradezu, dass das Kind die Initiative ergreifen kann bzw. erlaubt ihm nicht, das Angefangene selbständig zu Ende zu führen. “Ich helfe nur ein ganz klein wenig nach”, mit dieser Einstellung kommt man dem um das Aufstehen bemühte Kind zur Hilfe und reicht ihm die Hand, damit das Aufstehen leichter gelingt. Diese Hilfe aber raubt dem Kind die Freude am selbständigen Gelingen, raubt ihm das Gefühl seiner Wirksamkeit genauso wie die andere Art des “Helfens”, in der man das Kind wie einen Gegenstand behandelt, bei der nur die Erwachsenen aktiv sind, der Säugling aber vollkommen passiv.

In besonderer Gefahr sind Kinder, deren Entwicklungsrhythmus auf einem oder auf mehreren Gebieten langsamer als bei den übrigen Kindern verläuft. So lässt man die sich langsam entwickelnden Kinder gewöhnlich zu einem Zeitpunkt etwas üben, zu dem sie dazu noch nicht reif sind. Das Kind wird passiv in immer höher entwickelte Positionen gebracht, und man erwartet von ihm immer höher entwickelte Leistungen. Es muss etwas zu einer Zeit vollbringen, in der es dazu selbständig noch nicht fähig ist. Oft wird das sonst normale, aber sich langsam entwickelnde Kind dadurch unbeholfen und ungeschickt gemacht. Heute wissen wir schon, dass es besser ist, später in die Schule zu kommen, als in jeder Klasse hinter den anderen zurückzubleiben und den Unterrichtsstoff “nicht oder mangelhaft zu können”. Es ist für jeden günstiger, auf seinem eigenen Niveau, dem Niveau seiner Entwicklung aktiv und vielseitig Möglichkeiten zu realisieren, als immer “verspätet” zu sein. Ganz besonders gilt dies für das Säuglings- und Kleinkindalter.

Lehrer und besonders Wissenschaftler sind ernstlich besorgt über die mangelnde Eigeninitiative der Kinder. Die Kinder ziehen es vor, nachzumachen statt selbst zu erfinden und eigene Ideen zu verwirklichen. Kein Wunder, denn seit ihrer frühesten Kindheit wird ihre Initiative systematisch unterdrückt und ihnen die Lust zum Ausprobieren eigener Aktivitäten genommen.

Es ist notwendig, der Art und Weise, wie wir Säuglinge und junge Kinder erziehen, und der Wirkung dieser Erziehungsmethoden auf ihr ganzes weiteres Leben gewahr zu werden.

(...)

Es wäre ratsam, die Aufmerksamkeit der Eltern auf die Signale der Kleinkinder zu lenken, damit sie dies ernst nehmen und darauf antworten. Man könnte die Eltern dahingehend unterrichten, die Bedeutung der selbständigen Bewegungsaktivität wahrzunehmen. Man könnte die Einstellung der Eltern in der Richtung beeinflussen, den Säugling nicht als Objekt ihrer eigenen Aktivität – dem sie alles beibringen müssen – zu betrachten, sondern als einen aktiven Partner. Man könnte die Eltern dafür interessieren, dass es neben den mannnigfaltigen Aufgaben der Pflege ihre wichtigste Aufgabe ist, die Kompetenz des Säuglings zu vermehren.

Wenn man der Kompetenz des Kindes genügend Aufmerksamkeit widmen würde und dementsprechend mit dem Säugling und Kleinkind umginge, könnte man möglicherweise auch gewissen späteren psychischen und somatischen Störungen vorbeugen.

Unsere Erfahrung zeigt, dass auf die geschilderte Weise friedlichere Kinder aufwachsen können, die in einem besseren seelischen Gleichgewicht sind. Ihre Art des Hantierens oder Spielens mit Gegenständen ist unabhängiger vom Erwachsenen, ihre Bewegungen sind ausgewogener und anmutiger. Sie haben eine gesunde und aktive Beziehung zu ihren Eltern und allgemein zu den Erwachsenen. Dies bedeutet nicht einfach ein festeres Anklammern an die Wärme jedes beliebigen menschlichen Körpers, sondern eine menschliche Bindung, die auf der Basis gegenseitiger Anpassung und einem gegenseitigen Verständnis beruht. Auf der Grundlage einer solchen Beziehung geht das soziale Sich-Einordnen des Kindes als ein gesünderer Prozess, mit weniger Zusammenstößen als üblich, vor sich, und das emotionale Leben ist reicher und ausgeglichener.

“Die Kompetenz des Säuglings”, Vortrag vor der Vereinigung Ungarischer Kinderärzte, 1978, von Emmi Pikler , veröffentlicht in ‘Lasst mir Zeit’, Pflaum, 1997, S. 167-173

8 Kommentare zu “Die Kompetenz des Säuglings”

hallo
ich bin ausgebildete kinderpflegerin (kids im alter von 0.5-4 jahre) und mache grad mein abi um frühkindliche erziehung zu studieren.bis jetzt habe ich sehr wenig erfahrungen mit der antipädagogischen erziehung, da diese in den schulen nicht gelehrt wird-also selbststudium :).
zu meiner eigendlichen frage: wie sieht nun konkret die erziehung im säuglingsalter aus? das würde mich brennend interessieren, weil werde bald auch mama,hoffentlich(risikoschwangerschaft)!

Hallo Vengary,

ich weiß nicht so recht, was du meinst – wie sieht denn “normalerweise” Erziehung im Säuglingsalter aus? ich bin bisher davon ausgegangen, dass allgemein bekannt ist, dass Kinder bis etwa 1 Jahr oder sogar noch länger gar keine Erziehung brauchen – diese Art zu denken ist schon lange veraltet. Sie verstehen ja noch gar nicht, warum du irgendwas machst, Erziehung im Sinne von “Training” funktioniert ja gar nicht.

Was ich bisher mitbekommen habe in normalen Erziehungsforen ist, dass manche doch versuchen, ihre Säuglinge zu “erziehen”. Beispielsweise lassen sie sie schreien, “damit sie lernen, dass Mama nicht immer kommen kann”, “damit sie schlafen lernen”; sie heben sie nicht immer hoch, wenn sie auf den Arm wollen “sonst wollen sie immer getragen werden” oder wenn sie dann älter sind, sagen sie wiederholt “Nein” und geben den Kindern einen sehr leichten Schlag auf die Finger, das ist quasi “Hunde-Konditionierung”. Sie verlangen, dass die Kinder “bitte” und “danke” sagen, und sagen von klein auf: “Wie sagt man?”, oder ganz deutlich “DANKE” etc. Manche nehmen ihre Kinder nicht immer hoch, wenn das Kind danach verlangt, weil es lernen soll, dass es nicht alles kriegt, was es will.

Antipädagogik geht ja grundsätzlich davon aus, dass Erziehung unnötig und schädlich ist. Sie geht aber auch von einem anderen Menschenbild aus: Kinder “müssen” keine Grenzen lernen – sie werden sie lernen. Es ist vollkommen klar, dass es genügend Grenzen gibt, die die Kinder erfahren werden, und ihre angeborene Kooperationsbereitschaft wird sie dazu anhalten, uns nach unserem Vorbild nach zu machen. Deshalb ist ein Vertrauensvorschuss angesagt – den Kinder übrigens auch gegenüber uns leisten, sie vertrauen darauf, dass wir ihnen vertrauen und keine bösen Absichten unterstellen. Auf Vertrauen kann dann statt Erziehung BEziehung aufbauen.

Es ist allerdings recht schwer, einfach zu vertrauen, weil uns ja selbst nicht unbedingt immer vertraut wurde und allgemein Kindern nicht vertraut und auch wenig zugetraut wird. Kinder werden generell eher von oben herab behandelt. Ich möchte eher eine Beziehung auf gleicher Ebene herstellen, und das geht meiner Meinung nach nur, durch Vermeidung von Erziehung.

Nun ist der Begriff “Erziehung” in diesem Zusammenhang sehr (str)eng gefasst – es geht hier um Manipulation (Kinder sollen durch Tricks oder wie man irgendwas formuliert dazu gebracht werden, X zu tun), Bestrafung, Belohnung, etc – alles, was zur bewussten Menschenformung beiträgt. Unbewusste Menschenformung können und wollen wir nicht “abschalten” – ist es vollkommen klar und natürlich, dass Einflüsse von überall auf das Kind und auf uns alle einwirken.

Insofern sieht dann “Erziehung” im Säuglingsalter so aus, dass keinerlei “Erziehungsmethoden” angewandt werden! Vielmehr wird einfach auf die Bedürfnisse des Kindes eingegangen. Wir gehen davon aus, dass sog. “Fehleverhalten” immer ein (unbeholfener) Ausdruck des Kindes dafür ist, dass bestimmte Bedürfnisse nicht erfüllt wurden. Es bringt also nichts, auf das Verhalten zu achten: “Wie kann ich das Verhalten am besten abtrainieren, ändern oder unterbinden”, sondern viel eher, bedürfnisorientiert zu handeln: “Welche (ungestillten) Bedürfnisse liegen zugrunde, was kann ich tun, um die eventuell mit meinem Bedürfnissen kollidierenden Bedürfnisse des Kindes miteinander vereinbar zu machen?”.

Wenn also ein Kind schreit, hat es einen Grund dafür; wenn es haut, hat es vielleicht einfach nur Hunger und ist zusätzlich auch noch frustriert, dass es sich nicht ausdrücken kann. Oder es weint bitterlich – es wird nicht davon ausgegangen, dass es die Mutter einfach nur “austricksen” will, sondern es braucht ihre besondere Aufmerksamkeit – Hunger, Durst, Windel ist voll, es fühlt sich einfach nur einsam, eine Krankheit bahnt sich an, es ist müde oder will einfach nur eine Umarmung oder herumgetragen werden. Es bringt wie gesagt nichts, das Hauen, das Schreien oder das Meckern an sich zu versuchen, durch Tricks, durch Sticker, durch Belohnungen, durch Bestrafungen etc. abzutrainieren – vielmehr ist wichtig, dass die Bedürfnisse gestillt werden. Auch Erwachsene trainieren sich nicht ihre unangenehmen Verhaltensweisen ab – wenn sie durch Stress herumschreien, versuchen sie nicht, durch Training sich das Schreien abzugewöhnen, sondern sie versuchen, weniger Stress zu haben. (OK, es gibt vielleicht doch welche, die sich das Schreien versuchen abzugewöhnen, aber sinnvoller wäre es doch logischerweise, dass man die Ursachen und nicht die Symptome behandelt).

Bei einem Säugling sind die Bedürfnisse meist sehr einfach gestrickt: Es hat Hunger, es will getragen werden, es will gewickelt werden, es ist müde, es braucht Nähe, es möchte bei seinen Eltern schlafen (Familienbett), es will miterleben, was die Menschen tun (Tragetuch).

Ich kann dir das Buch “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück” von Jean Liedloff nur empfehlen. Wenn du eine Zusammenfasstung willst, kannst du Mal hier nachschauen: Zusammenfassung – auch hier findest du gute Texte: Continuum Concept

Ansonsten ist “Mensch Kind” von Jan Hunt ein sehr gutes Buch, um “einzusteigen”, es liest sich auch sehr schnell.

Ich möchte dir noch die Mailingliste ans Herz legen – dort kannst du dich mit anderen Müttern austauschen, wenn es so weit ist oder auch schon jetzt – und über Alltagsprobleme, kreative Lösungen und Theorie zu unterhalten und zu diskutieren.

Grüße
Johanna

Ich habe mir auch die Frage gestellt, das das denn konkret heißt, was Pickler schreibt. Interessanterweise bekam ich die Antwort beim nächsten Wickeln: Ich merkte, dass allein die Lektüre des obigen Textes meine Herangehenwesweise schon geändert hatte. Es macht doch einen großen Unterscheid, ob ich annehme, das Kind würde mich bewusst wahrnehmen und auch merken, was ich tue oder ob ich meine Tochter als passives Wesen wahrnehme. Bzw. ob ich annehme, dass sie mithelfen kann, trotzdem sie erst 4 Wochen alt ist, oder eben nicht. Ich würde sagen, in dem einen Fall begreift man die Interaktion mit dem Kind als beidseitige Kommunikation, in dem anderen als reinen Versorgungsakt.

Das heißt für mich: ich muss gar nicht überlegen, was das konkret heißt, sondern ich erfahre es im Tun.

Hallo Merin,

es freut mich, dass das Abtippen des Textes Früchte trägt ;) und besonders Dein Satz
>begreift man die Interaktion mit dem Kind als beidseitige Kommunikation, in dem anderen als >reinen Versorgungsakt.
freut mich sehr! Auf solch einer Ebene wirst Du viel Freude mit Deinem Kind erleben!

Niki, mit dreifach beschenkter Freude ;)

Ich benutze ab und zu auch eine Wippe und ich muss sagen, dass das meine Kleine sehr wohl ihre Füße anfassen kann, sofern sie ohne Windel drin sitzt.
Ich setze sie z.B. darein wenn ich alleine bin und duschen muss. Ich kann sie nicht im Wohnzimmer alleine lassen während ich dusche.
Auch wenn ich essen möchte, setze ich sie rein und lass sie zuschauen.
Im Tragetuch geht es nicht, weil sie sich drin bewegen möchte und ich ganz einfach nicht essen kann.
Sie langweilt sich,wenn ich sie auf dem Boden lasse… Ich finde es auch wichtig, dass sie mich beim essen oder duschen zuschauen kann. Ich habe aber weder die Absicht, dass sie dabei essen oder duschen lernt lach....
Ich benutze auch einen Tragetuch und bin der Meinung, dass wenn man das Baby 24/7 im Tragetuch trägt, seine Beweglichkeit noch viel mehr einschränkt wird als in der Wippe.
Es gibt Kinder die sich wenig rühren, die weniger ihre Bedürfnisse ausdrücken können. Meine beschwert sich zum glück schon immer mehr oder weniger deutlich, wenn ihr etwas nicht passt.
Man kann auch sein Baby missverstehen und Denken es würde gern die ganze Zeit getragen werden… Persönlich denke ich, dass man spätestens ab den 3. Monat (da kriegen die meisten Babys zum ersten mal eine art Selbst-bewusstsein, wenn es früher oder später ist, auch ok) sein Baby öfter mal allein lässt, damit es sich allein beschäftigen kann. Nicht damit es lernt allein klar zu kommen und man seine ruhe hat, sondern weil das auch ein sehr wichtiger Entwicklungsschritt ist. Auch wenn es mal weint, weil es müde ist und der Tag ein bisschen zu viel war, ist es wichtig, dass es den Frust rauslassen kann und mit sich selbst “schimpft”. Ein Baby wird öfter frustriert sein, zum Beispiel, weil es versucht sich umzudrehen und es nicht klappt. Das Baby dabei zu helfen bloß damit es nicht weint ist kontraproduktiv….

Absolut jedes Kind muss lernen seine Bedürfnisse immer deutlicher auszudrücken. Wenn ich das Baby vollkommen umsorge, weil ich ja so unglaublich feinfühlig bin, bedeutet dass für mich, dass a) ich den ganzen Tag zumindest eine lange Zeit (mehre Wochen/Monate?)ausschließlich mit dem Baby beschäftigt bin und ich dieser Zeit ganz einfach nicht verfüge und b) dass das Baby (weil es sich instiktiv der Umständen anpasst) nicht lernen kann die oben von Emmi Pikler angesprochne Eigeninitiative zu ergreifen.

Jedes Kind muss auch irgendwann lernen (muss auch nicht seitens der Eltern gesteuert sein), dass gewisse Sachen ganz einfach nicht gehen, richtig? Die Grenzen sind vom Leben selbst gestellt. Wichtig ist dabei nicht dass das Kind weiß es Grenzen gibt, sondern die Sicherheit, die die Eltern dabei dem Kind bieten können. Z.b.: Ein Kind will auf dem Tisch spielen und die Mutter sagt “Vorsicht, du fehlst runter” und dass Kind tatsächlich dann runterfehlt, denkt sich das Kind dann (kann auch unbewusst passieren) “aha, gut dass ich eine Mama hab, die sowas weiß)
Das ist jetzt nur ein Beispiel, es gibt tausend andere die dafür sprechen, dem Kind “nein” zu sagen und das bedeutet nicht Manipulation oder ähnliches

Es gibt Kinder und Kinder, es gibt Eltern und Eltern. Es gibt Es gibt Kinder, die viel zu sehr aktiv sind und Eigeninitiative haben. Natürlich ist es gut, wenn ein Kind lebhaft ist, aber in manchen Momenten kann man nicht anders handeln, als das Baby “ruhig zu halten” um seine eigene Bedürfnisse befriedigen zu können. Anders schafft man das allein nicht oder wenn man neben dem Baby noch andere Kinder hat.
Ich muss meine Bedürfnisse befriedigen, anders kann ich mein Baby nicht gut versorgen.
Essen, schlafen, duschen ist das mindeste was man für sich (und letzen Endes auch für das Baby) machen kann…

Sorry für das wirres schreiben…

Natürlich muss das Baby so früh noch nicht begreifen dass es grenzen gibt, aber mit grenzen in Kontakt treten. Ich will nur den Zusammenhang vom Baby zum Kind darstellen. Es ist ja auch eine Entwicklung, die vom Säuglingsalter bis zum erwachsen werden durchgehend und auf einander aufbauend geschieht.

Hab zufällig gelesen, dass Dauernuckeln an den Schnuller, insbesondere bei längeren Schlafphasen und beim reden, die Sprachentwicklung.stört. Irgendwie logisch, dass manch ein “unerzogenes” Kind sich mit 3 Jahren noch kein Wort richtig artikulieren kann und so redet, als hätte es immer noch was in den Mund.

Was ist wichtiger: das Momentane Bedürfnis des Babys oder sein Recht sich später deutlich äußern zu können?

Ich geh mal nur auf den letzten Beitrag ein: Der dort grammatikalisch nahegelegte Widerspruch ist nämlich ME keiner, denn auch das Dauernuckelkind wird sich irgendwann entscheiden den Nuckel beiseite zu tun und es kann sich sogar schon vorher entscheiden ihn zum Sprechen aus dem Mund zu nehmen. Wenn das Kind das will und wann es will.

Gerade beim Nuckeln finde ich es gemein das Kind zuerst dran zu gewöhnen und ihm später die Sache zu verbieten. ME ist bei den meisten Kindern der Nuckel ein Ersatz für die Brust: Die Mutter will nicht “ständig stillen” und schon gar nicht “ewig” und sie will die Unmutsäußerungen des Kindes nicht so oft hören, also gibt es den Nuckel. Aber selbst dem darf das Kind nicht selbst entwachsen…. meineTheorie ist somit, dass ein Kind den Nuckel weniger braucht, wenn es lange und nach Bedarf gestillt wird. Sicher gibt es auch hier Ausnahmen (Vielstillkinder die trotzdem “plastenuckeln”) aber der Ansatz scheitn mir zu stimmen. In jedem Fall denke ich, dass es nicht meine Aufgabe ist darüber zu entscheiden was mein Kind braucht, wenn es mir dies so deutlich kommunizieren kann wie im Falle der Dreijährigen mit Nuckelwillen.

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