Geschützt: Geburtsbericht

Johanna, 16.02.2009

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Die Kompetenz des Säuglings

Johanna, 10.12.2006

Von Emmi Pikler

Es ist eine weit verbreitete Meinung – und zwar auch in einem großen Teil der medizinischen Literatur –, dass der neugeborene Säugling eine hilflose Kreatur sei, unfähig sein Wohlbehagen auszudrücken und alles, was er tun könne, sei Schreien, wenn er sich unbehaglich fühlt. Falls er schreit, soll man ihn beruhigen, wenn er hungrig ist, füttern. Der Säugling wird gefüttert, gehätschelt, in den Armen gehalten, weil er die Nähe eines menschlichen Körpers gern hat. Im Zusammenhang mit dieser Auffassung ist es nicht belanglos, eine Tendenz zu erwähnen, nämlich ein zunehmendes Interesse am sogenannten “Lehren” des Säuglings, um seine Entwicklung zu fördern. Man nimmt an, je mehr Wissen man in das Baby wie in einen Computer hineinfüttert, desto vorteilhafter sei es. Man erwartet von ihm, in der Position und an dem Platz zu bleiben, wo man es für gewöhnlich unterbringt, einfache Aktivitäten, die man ihm vormacht, nachzuahmen, Silben oder Worte, die man ihm wiederholt vorspricht, nachzusprechen. Also nicht nur Nahrung, sondern auch Wissen wird in das Baby hineingefüttert. In der Regel entscheidet der Erwachsene, was das Baby zu wissen hat, und wann ebenso wie es das Gelernte durchzuführen hat. Es wird angehalten, das Vorgeschriebene mit mehr oder weniger Hilfe des Erwachsenen auszuführen. Gewisse Richtungen instruieren sogar die Mütter, ihre Säuglinge systematisch mit einem bestimmten Lehrstoff und einer Zeiteinteilung, wie es in der Schule üblich ist, zu “unterrichten”.

Während dies alles vor sich geht, wird der Initiative des Säuglings wie auch seinen Signalen immer weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Demzufolge werden diese auch seltener, das Kind gewöhnt sich an Imitation und mechanische Wiederholung in praktisch allen Bereichen des Lebens. Als Folge dieser Art der Erziehung wird der Säugling im Laufes seiner Entwicklung fast vollkommen abhängig vom Erwachsenen. Sein Selbstvertrauen wird geschwächt. Diese Merkmale werden im allgemeinen als angeboren betrachtet und nicht als Folge der Art und Weise der Erziehung.

Diese Art der Erziehung von Säuglingen steht aber in Gegensatz zu dem, was man durch neuere Forschungen über die psychische Entwicklung des Säuglings herausgefunden hat. In den letzten Jahrzehnten haben wir über das Neugeborene und den Säugling sehr viel Neues gelernt. Zahlreiche Berichte wurden publiziert, die uns mitteilen, dass das Neugeborene und der Säugling gewisse Fähigkeiten besitzen, die unseren jahrhundertealten Vorstellungen widersprechen. (...)

Es ergibt sich auch die Frage, ob nicht weitere Fähigkeiten – die eventuell in dem sich entwickelnden Kind später auftauchen würden – uns entgehen könnten, weil wir den Signalen des Kindes keine Aufmerksamkeit geschenkt haben oder nicht für die entsprechenden äußeren Bedingungen seiner Umgebung gesorgt haben. (...)

Schon das Neugeborene ist z.B. fähig, sich als Antwort auf die berührenden Hand des Erwachsenen zu entspannen oder sich zu verspannen. Es kann zusammenzucken oder sich hineinschmiegen in die Hand des ihn aufhebenden Erwachsenen und so zeigen, ob ihm die Berührung angenehm oder unangenehm ist. Es kann so aufgenommen werden und so berührt werden, dass es keinen Widerstand leistet, wenn es z.B. am Hals und in den Armbeugen gesäubert wird. Schon nach wenigen Tagen – abhängig davon, wie wir dem Säugling begegnen – können wir beobachten, ob er gelöst oder verspannt reagiert, nicht nur als Antwort auf die Berührung, sondern schon vorher, schon bei der Annäherung des zu ihm kommenden, ihn pflegenden Erwachsenen. Wir können hier das frühe Auftauchen der Antizipation beobachten. In dieser Weise bildet sich schon in den ersten Tagen des Lebens ein positiver oder negativer Kontakt zwischen dem Säugling und dem für ihn sorgenden Erwachsenen aus.

Es ist allgemein bekannt, dass Neugeborene und der Säugling während des Stillens aktiv ist. Weniger bekannt ist, dass schon das Neugeborene genau äußern kann, ob ihm die angebotene Flüssigkeit gefällt oder nicht. Wenn ja, wird es aktiv saugen und schlucken, auch wenn es mit dem Löffel gefüttert wird, und sogar manchmal ein schmatzendes Geräusch hören lassen. Wenn es aber die Flüssigkeit nicht gern hat, lässt das Kind sie aus dem Mund rinnen oder schiebt sie mit der Zunge heraus. Wenn wir aufmerksamer wären für seine feineren Signale, würde das Spucken oder Erbrechen während oder nach dem Trinken sicher seltener vorkommen.

Von seinen ersten Lebenstagen an informiert uns also der Säugling mit seinen Gesten und seinem Verhalten genau, ob er mit der jeweiligen Nahrung zufrieden ist oder nicht – noch bevor er zu schreien oder zu spucken beginnt.

Der Säugling wird auch sehr bald die Initiative ergreifen, wenn wir auf seine Signale hören, aufmerken und antworten und wird uns zu verstehen geben, ob er sich z.B. bei der Temperatur des Badewassers wohl oder unwohl fühlt und ob er sich behaglich oder unbehaglich fühlt bei der Art, wie wir ihn an- oder ausziehen. Wenn die Pflege des Säuglings immer in derselben Reihenfolge durchgeführt wird und wir aufmerksam seine Signale wahrnehmen und sie beantworten, wird das Kind sein Bein oder seinen Arm entspannen, während sie gewaschen werden. Nach einigen Wochen wird es seinen Mund formen, wenn es angesprochen wird. Es wird Laute von sich geben, uns anlächeln und antworten, wenn wir zu ihm sprechen. Es wird die Aufmerksamkeit des Erwachsenen in immer aktiverer Weise mit Lauten und Gesten auf sich lenken. Das Kind wird sich an seiner Pflege in zunehmendem Maße beteiligen. Später wird es uns helfen: Es wird seinen Arm oder sein Bein – in der Reihenfolge des Badens oder Anziehens – selbst anheben und uns entgegenstrecken, bevor wir sie anfassen. Etwas später wird es spielend statt des gewünschten Armes zuerst den anderen oder den Fuß reichen, um auf weitere Aufforderung des Erwachsenen lachend den richtigen Arm zu geben.
Wir sehen, wie im Laufe der Entwicklung einer gegenseitigen Beziehung das Kind ein kompetentes Verhalten entwickelt und ein aktiver Partner wird.

Der zufriedene, ausgeglichene Säugling, der aktiv an seiner Pflege teilnimmt, ist auch außerhalb der Pflegehandlungen voller Initiative. Er ist fähig, Gegenstände, die ihn in seiner Umgebung interessieren, selbst aufzuheben. Er ist fähig, selbständig mit diesen Gegenständen vertraut zu werden und mit ihnen zu hantieren.

Die in dieser Weise erzogenen Säuglinge und Kleinkinder benötigen in vieler Hinsicht weniger Hilfe vom Erwachsenen als üblich. So geht z.B. ihre Bewegungsentwicklung nicht von der Hilflosigkeit zur Selbständigkeit vor sich, sondern die Kinder sind in gewisser Hinsicht in jeder Phase ihrer Entwicklung zu selbständigen Bewegungsaktivitäten fähig. (...)

Verschiedene Geräte wie Babywippen, Babyhopser, Schaukeln oder Stühle mit Säuglingssitzen wurden konstruiert, um den Säugling in einer vorbestimmten, die Beweglichkeit beschränkenden Position sitzend oder stehend zu halten. In all diesen Geräten kann das Kind sich nicht umdrehen, kann sich nicht rollen, weder auf dem Bauch kriechen noch auf Knien und Händen krabbeln. In den Sitzgestellen kann es seine Position nicht einmal soweit verändern, dass es sich nach einem heruntergefallenen Spielzeug bücken könnte, um es aufzuheben.

Die Selbständigkeit und das Gefühl der Kompetenz des Kindes wird auch durch die Art behindert, in der der Erwachsene immer wieder versucht, dem Kind in seiner Entwicklung zu helfen. Die Absicht des Erwachsenen zu “Helfen” oder zu “Fördern” verhindert geradezu, dass das Kind die Initiative ergreifen kann bzw. erlaubt ihm nicht, das Angefangene selbständig zu Ende zu führen. “Ich helfe nur ein ganz klein wenig nach”, mit dieser Einstellung kommt man dem um das Aufstehen bemühte Kind zur Hilfe und reicht ihm die Hand, damit das Aufstehen leichter gelingt. Diese Hilfe aber raubt dem Kind die Freude am selbständigen Gelingen, raubt ihm das Gefühl seiner Wirksamkeit genauso wie die andere Art des “Helfens”, in der man das Kind wie einen Gegenstand behandelt, bei der nur die Erwachsenen aktiv sind, der Säugling aber vollkommen passiv.

In besonderer Gefahr sind Kinder, deren Entwicklungsrhythmus auf einem oder auf mehreren Gebieten langsamer als bei den übrigen Kindern verläuft. So lässt man die sich langsam entwickelnden Kinder gewöhnlich zu einem Zeitpunkt etwas üben, zu dem sie dazu noch nicht reif sind. Das Kind wird passiv in immer höher entwickelte Positionen gebracht, und man erwartet von ihm immer höher entwickelte Leistungen. Es muss etwas zu einer Zeit vollbringen, in der es dazu selbständig noch nicht fähig ist. Oft wird das sonst normale, aber sich langsam entwickelnde Kind dadurch unbeholfen und ungeschickt gemacht. Heute wissen wir schon, dass es besser ist, später in die Schule zu kommen, als in jeder Klasse hinter den anderen zurückzubleiben und den Unterrichtsstoff “nicht oder mangelhaft zu können”. Es ist für jeden günstiger, auf seinem eigenen Niveau, dem Niveau seiner Entwicklung aktiv und vielseitig Möglichkeiten zu realisieren, als immer “verspätet” zu sein. Ganz besonders gilt dies für das Säuglings- und Kleinkindalter.

Lehrer und besonders Wissenschaftler sind ernstlich besorgt über die mangelnde Eigeninitiative der Kinder. Die Kinder ziehen es vor, nachzumachen statt selbst zu erfinden und eigene Ideen zu verwirklichen. Kein Wunder, denn seit ihrer frühesten Kindheit wird ihre Initiative systematisch unterdrückt und ihnen die Lust zum Ausprobieren eigener Aktivitäten genommen.

Es ist notwendig, der Art und Weise, wie wir Säuglinge und junge Kinder erziehen, und der Wirkung dieser Erziehungsmethoden auf ihr ganzes weiteres Leben gewahr zu werden.

(...)

Es wäre ratsam, die Aufmerksamkeit der Eltern auf die Signale der Kleinkinder zu lenken, damit sie dies ernst nehmen und darauf antworten. Man könnte die Eltern dahingehend unterrichten, die Bedeutung der selbständigen Bewegungsaktivität wahrzunehmen. Man könnte die Einstellung der Eltern in der Richtung beeinflussen, den Säugling nicht als Objekt ihrer eigenen Aktivität – dem sie alles beibringen müssen – zu betrachten, sondern als einen aktiven Partner. Man könnte die Eltern dafür interessieren, dass es neben den mannnigfaltigen Aufgaben der Pflege ihre wichtigste Aufgabe ist, die Kompetenz des Säuglings zu vermehren.

Wenn man der Kompetenz des Kindes genügend Aufmerksamkeit widmen würde und dementsprechend mit dem Säugling und Kleinkind umginge, könnte man möglicherweise auch gewissen späteren psychischen und somatischen Störungen vorbeugen.

Unsere Erfahrung zeigt, dass auf die geschilderte Weise friedlichere Kinder aufwachsen können, die in einem besseren seelischen Gleichgewicht sind. Ihre Art des Hantierens oder Spielens mit Gegenständen ist unabhängiger vom Erwachsenen, ihre Bewegungen sind ausgewogener und anmutiger. Sie haben eine gesunde und aktive Beziehung zu ihren Eltern und allgemein zu den Erwachsenen. Dies bedeutet nicht einfach ein festeres Anklammern an die Wärme jedes beliebigen menschlichen Körpers, sondern eine menschliche Bindung, die auf der Basis gegenseitiger Anpassung und einem gegenseitigen Verständnis beruht. Auf der Grundlage einer solchen Beziehung geht das soziale Sich-Einordnen des Kindes als ein gesünderer Prozess, mit weniger Zusammenstößen als üblich, vor sich, und das emotionale Leben ist reicher und ausgeglichener.

“Die Kompetenz des Säuglings”, Vortrag vor der Vereinigung Ungarischer Kinderärzte, 1978, von Emmi Pikler , veröffentlicht in ‘Lasst mir Zeit’, Pflaum, 1997, S. 167-173

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