Gleichberechtigte Eltern-Kind-Beziehungen

Johanna, 25.06.2007

Von Patrick Schimpke

Die Arbeit “Gleichberechtigte Eltern-Kind-Beziehungen” ist jetzt veröffentlicht. Es ist eine wissenschaftliche Arbeit, die eine Vielzahl empirischer Studien (also Studien, die nicht nur argumentieren, sondern vor allem “Fakten” in der Realität sammeln) im Hinblick darauf zusammenträgt, welche Konsequenzen zu erwarten sind, wenn Kinder und Eltern gleichberechtigt zusammenleben.

Die Ergebnisse stellen eine kräftige und so bisher nicht dagewesene Unterstützung der Gleichberechtigung dar.

Der Text ist kostenfrei downloadbar auf dem Bielefelder Server für Online-Publikationen.

Neben dem Hauptteil, in dem 202 empirische Studien zusammengefasst werden, entwickelt der Text auch die Theorie der Gleichberechtigung in vielen Punkten weiter. Der/die Leser/-in erfährt außerdem einiges über relevante psychologische Mechanismen, über die “Natur” des Menschen im Hinblick auf Hierarchie, und manches mehr.

Die psychologische Diplomarbeit wird auch von “offizieller” Seite, also von den beiden Gutachtern, Prof. Dr. Rainer Dollase und Prof. Dr. Uwe Jopt (AE Entwicklung und Erziehung, Uni Bielefeld), als seriös und inhaltlich wertvoll eingestuft. Beide haben sie mit 1,0 bewertet, und Dollase schreibt, “sie könnte zu der aktuellen psychologischen und pädagogischen Debatte um die richtige Beziehung zum Nachwuchs eine Schlüsselrolle spielen”.

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Von Johanna

Ich bin mit dem Lesen noch nicht fertig, aber ich kann jetzt schon sagen: Sie ist spannend, interessant und gut geschrieben. Einige Kommentare aus der Mailingliste:

Hallo alle!
Ich möchte euch, nachdem ich die Arbeit von Patrick mit Begeisterung gelesen habe, allen wärmstens empfehlen, euch die über 170 Seiten mal zu Gemüte zu führen! Natürlich wissen wir alle, dass ein gleichberechtigter Umgang in der Familie das nonplustultra ist :D, aber es war doch mal interessant das Ganze wissenschaftlich fundiert zu bekommen. Außerdem hat man jetzt bei
Diskussionen mit Andersdenkenden was in der Hand ;o)
Viele Grüße und ein dickes Lob an Patrick
Steffi

Ich kann die Arbeit auch empfehlen. Für mich stellt sie unter anderem dar, dass
sogar ein mehr oder weniger Gleichberechtigung positive Auswirkungen hat. Also können sich Eltern an die Gleichberechtigung heranarbeiten.
Schönen Gruß
Stephan

Was ist Freiheit?

Johanna, 26.11.2006

Um freie Entscheidungen treffen und unsere Freiheit wirklich nutzen zu können, müssen wir uns über die Folgen unseres Handeln im Klaren sein und die Folgen unseres Tuns im vollen Umfang begreifen.

Es ist also nur eine “Scheinfreiheit”, wenn das Kind “frei” entscheidet, weil es viele der Folgen nicht abschätzen kann und daher tut man dem Kind quasi einen Gefallen, wenn man eingreift und für es entscheidet.

Das Kind ist also sowieso nicht frei, Erziehung ist also auch keine “Einschränkung” (wenn keine Freiheit, dann gibts auch nichts einzuschränken). Ergo kann man reinen Gewissens weiter erziehen, ist ja keine Einschränkung, die Kinder sind ja eh nicht frei, man tut ihnen sogar einen Gefallen.

Antwort von Martin Wilke:

Demnach ist praktisch kein Menschen frei, auch die Eltern nicht. Denn auch sie können die Folgen ihres Handelns nicht völlig überblicken, was ja gerade bei der ganzen Frage der Erziehung besonders deutlich wird.

Ich finde das Argument auch gefährlich, weil es zur Legitimierung von Herrschaft dient und das Kind daran hindert, eigene Erfahrungen und eigene Fehler zu machen.

Da auch die Eltern sich irren können, wer gibt ihnen dann das Recht, darüber zu entscheiden, wie andere (ihre Kinder) zu leben haben?

Antwort von Martin Wilke aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht.

Antwort von Benni Baermann:

Interessantes Thema. Ein paar Anmerkungen dazu:

  • Die Unterdrücker aller Länder und Zeiten haben immer behauptet, dass es nur zum Wohle der Unterdrückten sei, dass sie unterdrückt werden, weil sie ja zu unwissend/unbeherscht/whatever seien. Das wurde den Sklaven und den Leibeigenen genauso vorgehalten wie den Frauen und den Arbeitern.
  • Kein Mensch kann die Folgen seines Handelns in vollem Umfang vorraussehen. Im Gegenteil macht es gerade die Stärke menschlichen Handelns aus, dass es ohne volle Informiertheit zu halbwegs tragfähigen Schlüssen kommt.
  • Das Ziel von Lernen sollte demnach auch nicht sein, erst dann zu handeln, wenn man meint alle Folgen abschätzen zu können, sondern dann, wenn man bereit ist die Folgen zu tragen. Nur wer Fehler machen kann, kann lernen.
  • Man wird immer Extrembeispiele finden in denen es offensichtlich ist (oder für manche auch nur zu sein scheint), dass Kinder die Folgen ihres Handelns noch in keiner Weise einschätzen können. Hier auf der Liste hatten wir diese Themen ja auch schon wiederholt (Strassenverkehr, mit Kacke spielen, Zähneputzen, ...). Es macht für mich Sinn sich mit diesen Extremfälen auseinaderzusetzen aus der Perspektive [gleichberechtigter Elter-Kind-Beziehungen]. Keinen Sinn macht es für mich aus diesen Extremfällen Regeln für das generelle alltägliche Zusammensein mit Kindern abzuleiten.

    Antwort von Benni Baermann aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht

    Antwort von Jacob:

  • Kann den eine Erwachsene immer abschätzen, daß sie nicht mit dem Flugzeug abstürzt, wenn sie einen Flug von London nach Kairo unternimmt?
  • Kann sie abschätzen, nicht entführt im Pentagon zu landen, wenn sie einen
  • Flieger benutzt?
  • Kann sie den immer abschätzen, dass sie nicht vom Laster überfahren wird, wenn sie vom Bürgersteig auf die Straße tritt?
  • Kann sie immer abschätzen, nicht von einer Bombe zerfetzt zu werden, wenn sie in London mit der U-Bahn fährt?
  • Kann sie immer abschätzen, dass sie kein Aids bekommt, wenn sie mit einem Bekannten Sex hat?
  • Kann jede Erwachsene abschätzen, dass sie nicht Opfer einer Springflutt wird, wenn sie an den Strand geht oder ins Watt hinausläuft?

    Die Folgen einer Handlung können auch Erwachsene nicht abschätzen, da die Zukunft offen und noch nicht festgelegt ist. Es ist eine Lüge, dies – mal von ganz eng eingegrenzten Bereichen abgesehen – überhaupt zu können.

    Kein Autofahrer kann im Vorwege abschätzen, dass es dieses Mal zu keinem Unfall kommt, dass die Radmuttern der Reifen sich diesmal nicht lösen und die Reifen deshalb nicht bei 120 km/h auf der Autobahn plötzlich überholen, selbst dann nicht, wenn er sie vor der Fahrt kontrolliert hat. Wir alle können nur Wahrscheinlichkeiten abschätzen, die Folge unserer Handlungen sein können, mehr nicht.

    Antwort von Jacob aus der Mailingliste Unerzogen. Veröffentlicht mit Genehmigung.

    Jedenfalls, ich habe das Kapitel “Freiheit” [aus einem Kinderbuch] gelesen und so, und da war das Bsp., dass ein Kind nur Malen will und daher mit der Schule aufhören möchte. Da stand natürlich, dass man aber als Kind die Tragweite seiner Entscheidungen nicht abschätzen kann (z.B. dass man später vielleicht kein Maler mehr werden möchte).

    Antwort von Lisa:

    Ich verstehe das so, dass der Autor damit meint, das Kind könnte den “schulischen Anschluss” verlieren, was dann dazu führt, dass es als Jugendlicher keinen Schulabschluss bekommt, keine Lehre/kein Studium machen kann, keine Arbeit findet, also kein Geld verdienen kann, und schlimmstenfalls “unter der Brücke” landet.

  • Ist einem Erwachsenen bewusst, welche Folgen es hat, in die Schule zu gehen? * Wieviele Menschen, die selbstbestimmt gelernt haben, kennt dieser Erwachsene?
  • Was bedeutet es für einen Menschen, wenn ihm von Kindesbeinen an systematisch abgewöhnt wird, nach seinem Rhythmus und seinem inneren Lernplan zu lernen?
  • Wieviel Bewusstsein für effektives Lernen haben konventionell beschulte Erwachsene?
  • Wieviele Erwachsene wissen, dass man bei der Volkshochschule Vorbereitungskurse für Schulabschlüsse machen kann (wenn ich mich recht erinnere, dauern die 1-2 Jahre statt 10 (!!!) Schuljahre), und dass man “Fremdenprüfungen” ablegen kann?
  • Welcher Erwachsene weiss besser als das Kind selbst, was es jetzt in diesem Moment am effektivsten lernen kann, was jetzt am wichtigsten ist?
  • Wem ist bewusst, wie wichtig es ist, welche innere Haltung zum Lernen man über die Jahre erhält und entwickelt?

    Antwort von Lisa aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht.

    Antwort von Yasemin Weidemeier:

    Zum Thema Schule kann ich da auch ein Beispiel von hervorragander Entscheidungsfähigkeit meiner Tochter erzählen, die für mich als die Folgen des Handelns abschätzen könnende Mutter völlig unsinnig war.

    Meine Tochter hat sich in der Grundschule schon in der dritten Klasse eher mittelmässig durch die Schule geschlagen, und das wurde in der vierten Klasse immer schlimmer, nachdem sie auch noch eine Ersatzlehrerin bekam, die meine Tochter zwar ganz gerne mochte (sie ist sehr schlampig und die Lehrerin hatte Verständnis dafür, weil sie wohl auch nicht sehr ordentlich ist), und kurz vor den Zwischenzeugnissen hat meine Tochter ihrer Lehrerin, ohne mit mir gesprochen zu haben, mitgeteilt, dass sie die Schule wechseln wird. Danach hat sie mir mitgeteilt, dass sie an eine andere Schule gehen will und in welche.

    Ich habe alle meine Argumente gegen diesen Quatsch angebracht, die mir völlig logisch erschienen: dass sie ja dann die Kinder nicht kennt, dass die neue Lehrerin vielleicht mit ihrem Chaos nicht klar kommt, usw…

    Sie hat gesagt, sie will trotzdem nicht mehr in ihre alte Schule gehen; sie wird die anderen kinder kennen lernen, und wenn ihre Lehrerin will, das sie ordentlicher ist, dann wird sie das halt machen.

    Na gut, dann bin ich, entgegen meiner eigenen Überzeugung, zum Direktor der Schule gegangen, habe die Lage erzählt usw., er meinte wir wollten wegen dem Übertrittszeugnis tricksen oder so, aber ich konnte ihm glaubhaft machen, dass es nur der Wunsch meiner Tochter ist, und nichts mit Übertritt zu tun hat.

    Sie ist in die neue Schule und ihre Noten haben sich innerhalb von einem Monat um eine Note, und bis zum ende des Schuljahres um zwei Noten gebessert.

    Besser hätte sie nicht entscheiden können.

    Ich glaube, dass Kinder immer über sich entscheiden können. Und zwar, wenn es etwas ist, was sie abschätzen können, wie ist mir zu kalt draussen, habe ich hunger oder bin müde – sowas entscheiden sie tatsächlich frei.

    Ist es etwas, was sie meinen, nicht abschätzen zu können, dann werden sie aus freien Stücken die Eltern, die die tatsächliche Autorität zu dem Thema haben, befragen und dann mit Wissen der Folgen frei eintscheiden können. Mit Autorität meine ich die Kompetenz und das Wissen der Eltern.

    Zu dem ‘Spät ins Bett gehen und deshalb übermüdet sein und schlechte schulische Leistungen haben’: Kinder wissen immer, wann sie müde sind, wenn man sie nicht dazu zwingt ins Bett zu gehen. Meine Kinder haben von Anfang an immer von sich aus gesagt, wenn sie müde waren und schlafen wollten, und das schon als Baby. Bei einigen war es zu früherer Uhrzeit und bei einigen ist es später, so wie sie es halt für sich brauchten.

    Und wenn sie tatsächlich Mal, so wie es meine Tochter (12) gestern gemacht hat, weil ihre Freundin bei uns übernachtet hat, bis halb eins aufgeblieben sind, dann ist der Schlaf halt Mal eine Nacht kürzer, das holen sie dann in der nächsten Nacht wieder auf, oder sie verschlafen und wissen es beim nächsten Mal auch.

    Es gibt kaum etwas, was Kinder nicht wirklich frei entscheiden können, weil sie die Folgen nicht abschätzen können, aber wie schon gesagt, bei den Themen werden sie entweder fragen oder aber den Rat der Eltern annehmen, oder zumindest anhören, weil sie wissen, dass man ihnen nicht willkürlich was erzählt.

    Antwort von Yasemin Weidemeier aus der Mailingliste Unerzogen. Veröffentlicht mit Genehmigung.

Was ist Deschooling?

Johanna, 09.10.2006

Deschooling wird die Zeit genannt, die das Kind braucht, sich von Regeln, festen Strukturen und der Schule zu erholen. Es ist die Zeit, in der das Kind seine neu gewonnene Freiheit aufs Äußerste auskostet und sowohl die Eltern als auch das Kind sich auf die neue Lebensweise einstellen.

Wie sieht Deschooling aus?

Das kann so aussehen, dass die Kinder erstmal nur noch fernsehen und nichts “Sinnvolles”[1] mehr machen und sich die Eltern darüber Sorgen machen. Es kann sein, dass sie nur noch fernsehen und sich die Eltern keine Sorgen machen! Es kann so aussehen, dass die Kinder nur noch um 4 Uhr nachts ins Bett gehen. Es kann sein, dass die Kinder gleich verstehen, dass die Einschränkungen wirklich nicht wieder kommen und sie ihre Freiheit auf viele verschiedene Arten auskosten.

Vertrauen

Es ist im Grunde die Zeit, die Eltern und Kinder brauchen, wieder Vertrauen zueinander zu gewinnen. Vertrauen seitens der Eltern, dass die Kinder selbst am besten wissen, was sie brauchen und dass sie keine verkappten Bösewichter sind, die man zähmen muss; Vertrauen seitens der Kinder, dass ihre Eltern sich wirklich geändert haben, dass sie von nun an wirklich respektiert werden, dass die Grenzen und Regeln nicht wieder eingeführt werden, und dass ihre Eltern ihnen vertrauen.

Wenn man einen langweiligen Job hat, den man hasst, träumt man ständig davon, was man alles machen würde, wenn man nur Zeit hätte. Man würde in die Bücherei gehen und ins Kino! Man würde endlich sein Englisch auffrischen und wieder ins Fitness-Studio gehen. Man würde Zeit mit seinen Kindern verbringen und an den See fahren. Man könnte endlich abends Tanzen gehen: Ach, es wäre so schön! Aber wenn man dann endlich Urlaub hat, machen viele erstmal nichts. Man liegt faul auf der Couch herum und zappt durch die TV-Programme, fühlt sich schuldig, weil man sich noch nichtmal angezogen hat und es schon 15.00 Uhr ist etc. Das ist (fast) Deschooling! Erst nach dieser notwendigen Entspannung kann man sich dem Auskosten des Lebens widmen. Schön wäre es, wenn wir unseren Kindern (und uns selbst!) die Schuldgefühle ersparten …

Wie lange noch?

Meiner eigenen Erfahrung nach und nach dem, was ich so gehört habe, brauchen alle – sowohl Eltern als auch Kinder – eine gewisse Zeit, sich vom Schul- und Erziehungsstress zu erholen. Je länger das Kind vorher in der Schule gewesen ist, desto länger wird es zum Deschoolen brauchen. (Man rechnet allgemein mit einem Monat pro Schuljahrbesuch; es kann aber auch kürzer oder länger dauern.)

Wie es mit Nichterziehung aussieht, das weiß ich (noch) nicht. Nach 2 Monaten Nichterziehung steckt meine Tochter definitiv noch in diesem Prozess, und ich weiß nicht, ob es je richtig aufhören kann, da sie ja täglich ein bisschen von der Schule deschoolen muss.

Allerdings sehen wir definitiv auch Fortschritte. Nachdem sie nun alle Kinderprogramme im Fernsehen kennt, kann sie schon viel besser abwägen, welche Sendungen sie wirklich gucken möchte. Beim PC hat sie offensichtlich verstanden, dass sie sowieso jederzeit wieder spielen kann. Manchmal spielt sie, hört dann auf und spielt später wieder, manchmal bleibt er ganz aus. Wenn sie ein neues Spiel bekommt/kauft, sitzt sie allerdings den ganzen Tag dran, bis sie das Spiel “durch hat” – aber das kann ich gut verstehen, das habe ich auch gemacht.

1 Unschooler finden TV durchaus sinnvoll! Dazu ein andermal mehr…

Was ist Unschooling?

Johanna, 07.10.2006

Von Joyce Fetteroll

Obwohl es die einfachste Sache der Welt ist, da es Kinder von Geburt an können, ist selbstbestimmtes Lernen ohne Schule (Unschooling) sehr sehr schwer zu erklären, weil man versucht, die Wörter an das Bild anzupassen, das man vom Lernen hat.

Die meisten von uns haben die Vorstellung, es gäbe einen Grundstock an Wissen, den man lernen muss.

Die meisten von uns haben einen Prozess durchgemacht (Schule), bei dem uns dieser Grundstock aufgezwungen wurde, und für die meisten von uns war das hart und/oder langweilig. Zumindest wissen wir, dass es 12 Jahre Engagement bedeutet hat, also wissen wir, dass es nicht einfach ist, diesen Grundstock an Wissen zu erlangen.

Die meisten von uns haben eine gewisse Vorstellung darüber, wie dieser Grundstock an Wissen an den Mann gebracht werden muss: Lehrer, Hausaufgaben, Drill/Übungen, Vorlesungen, Tests, Noten…

Wenn jemand Unschooling als die Abwesenheit jener Methoden beschreibt, dann klingt es nach Vernachlässigung, weil wir alle “wissen”, dass das alles wahr und notwendig ist.

Aber Unschooler, ohne dies, gehen tatsächlich studieren oder kriegen direkt sie persönlich erfüllende Arbeitsstellen. Und dies ohne all jenes, was angeblich unvermeidlich ist, um das “Notwendige” zu erlernen.

Also was ist Unschooling? Es ist Lernen durch Leben. Es ist ein erfülltes, neugieriges, freies Leben leben mit Eltern, die ihre Kinder unterstützen, sie ermutigen und ihnen helfen, das zu tun, was sie interessiert (und dabei Möglichkeiten zugänglich machen, um ihre Interessen zu erweitern).

Bei unbeschulten Kindern geschieht das Lernen als ein Nebeneffekt von “einfach machen”. Kein Kind muss wissen, wie man Nägel perfekt einhämmert, bevor es etwas aus reiner Freude an der Sache bauen kann. Sie hämmern. Die Art und Weise, wie der Nagel in das Holz eindringt, gibt ihnen Feedback über ihren Fortschritt – sie passen sich eventuell an, nehmen Ratschläge an (wenn sie nützlich erscheinen) und finden heraus, wie sie es eventuell besser machen können. Als ein Nebeneffekt davon, etwas zu tun, was sie gerne tun wollen (etwa ein Vogelhaus zu bauen oder einfach einen Holzklotz mit Nägeln voll zu hämmern), werden ihre – die gebrauchten – Fähigkeiten besser.

Es ist unheimlich schwer zu begreifen, wie ein Kind, das nur Video-, Brett- und Kartenspiele spielt, Geld spart und ausgibt, mit Grafik-Software spielt und mit seinen Eltern einkaufen geht und kochen hilft, das benötigte Wissen an Mathematik erlernen soll. Aber sie tun es.

Werden sie die selben Fähigkeiten erlangen wie Kinder in der Schule? Nein. Sie werden schwächer in manchen Bereichen und stärker in anderen sein.[1] Werden diese Unterschiede schädlich sein? Nein, sogar hilfreich! Denn unbeschulte Kinder werden ein tieferes, grundlegenderes Verständnis darüber haben, wie Zahlen funktionieren, in welchem Kontext verschiedene Konzepte verwendet werden und warum. Was ihnen oft fehlt, ist das Wissen darüber, wie man diese Konzepte auf Papier bringt (formelle Notation). Und das, finden sie, ist einfach zu erlangen. Es braucht nur einige Minuten, ihnen zu zeigen, wie man aufschreibt, was sie bereits zutiefst begreifen.

Es sind eher die Schulkinder, die stark beeinträchtigt sind. Sie versuchen, die Notationen von Konzepten zu verstehen, die sie kaum begreifen. Dies ist für die meisten hart. Und es bewirkt, dass sie sich von diesen Konzepten im wirklichen Leben entfernen, weil sie sie an ihre Angstgefühle und Leistungsverschlechterung in der Schule erinnern. Man hofft, dass man durch genügend häufiges Wiederholen der formellen Notation ein Verständnis für Zahlen entwickelt. Doch es misslingt so oft. (Wie viele Menschen habe Angst vor Mathe, die diesen Prozess durchgemacht haben?)

Übrigens war ich in der Schule sehr gut in Mathe und habe irgendwann
meinen Abschluss in Ingenieurwissenschaften gemacht. Das Konzept, all diese Jahre Mathematik durch Videospiele & Co. zu erlangen, war für mich haaresträubend. Und doch hat meine Tochter mit 13 entschieden, aus Spaß am Statistikkurs ihres Vaters am College teilzunehmen. Und hatte immer die besten Zensuren der Klasse. Mit 15 nimmt sie nun an ihrem 5. Mathekurs am College teil (der erste, der nicht von ihrem Vater gegeben wird) – wieder einfach aus Spaß. Und ehrlich, sie ist kein Mathegenie! Sie ist einfach eine normale Jugendliche, die überwiegend gerne schreibt, malt und so-tun-als-ob spielt. Sie hat weder nachts heimlich mit Taschenlampe unter einer Bettdecke Mathepuzzles gemacht noch schlug sie ihren Vater ständig im Schach ;) Was sie aber durch Leben lernen gewonnen hat, ist ein grundlegendes Verständnis darüber, wie Zahlen funktionieren. Und die Freiheit von der Zahlen- und Matheangst!

Ich sollte außerdem erwähnen, dass das Ziel von Unschooling weder gute Noten sind noch mit 13 Collegekurse zu belegen. Es ist, die eigenen Interessen zu befolgen, dabei Spaß zu haben und eine freudvolle Kindheit zu haben.

Das ist jedenfalls Unschooling in Kürze erklärt. Sollte das alles sehr merkwürdig klingen, so ist das vom Standpunkt aus, schulisch zu lernen sei notwendig, durchaus normal – es sollte merkwürdig klingen! Wenn man Unschooling mit ein paar Wörtern so erklären könnte, dass jeder wirklich versteht, worum es geht und warum es funktioniert, bräuchten wir keine Unschooling Mailinglisten, um Menschen zu helfen! ;)

Joyce

1 Und trifft das nicht auch auf ganz normale Schulkinder zu? Manche sind stärker in einigen Bereichen, manche in anderen. Das meiste meines Schulwissens war schon 3 Minuten nach den jeweiligen Klausuren weg ;) ~Johanna

Dieser Text war eine Antwort von Joyce Fetteroll aus der englischen Mailinglist UnschoolingBasics, übersetzt aus dem Englischen mit Genehmigung.

Unerzogen Magazin