unerzogen Mythen entlarven #6 – „Studien wurden nicht an freien Kindern durchgeführt!“

Johanna, 11.04.2017

Es kursiert in der unerzogen Community das Argument, dass Studien zum Konsum elektronischer Medien doch immer an erzogenen, unfreien Regelschulkindern durchgeführt worden seien, und daher die Ergebnisse nicht auf Kinder zutreffen, die Freiheit genießen, zu Hause und/oder, was ihre Bildung angeht.

Die meisten Studienergebnisse basieren auf weißen, gebildeten Europäer*innen, weil sie einfach zu findende Testpersonen sind, in greifbarer Nähe der Doktorand*innen und Professor*innen. Wissenschaftler*innen erkennen das Problem an, dass die westliche Gesellschaft eine Sichtweise auf die Natur hat, die auf Menschen wie Wissenschaftler*innen und ihre Kinder basiert. Es gibt ein paar Dinge wie intellektuelle Leistung, die nicht für alle Menschen gleich gelten, z.B. IQ-Tests, die so entwickelt sind, dass gebildete Europäer*innen gut abschneiden und etwa Aborigines nicht. Aber Europäer*innen könnten viel zu dumm sein, um in der Australischen Wildnis zu überleben. Niemand verleugnet dieses Problem. (Es nennt sich das WEIRD Problem: Proband*innen kommen aus Western, Educated, Industrialized, Rich and Democratic Ländern).

Wenn man eine an britischen Kindern gemachte Studie hätte, die sagte: wenn Kinder das neue Medikament X Fieber nehmen, mindert das [mit höherer Wahrscheinlichkeit als per Zufall] deren kognitive Leistung. Wir sagen dann nicht: „Cool, wir können dieses Medikament also getrost unseren deutschen Kindern geben!“ Bis wir ausschließen können, dass es nur bei britischen Kindern passiert, gehen wir nicht automatisch davon aus, dass nur, weil wir nicht daran gedacht haben, deutsche Kinder zu testen, oder weil wir kein Budget dafür hatten, dies nicht für deutsche Kinder gilt.

Anders gesagt, Wissenschaftler*innen und jede*r, der*die bei Verstand ist, würde jetzt wenigstens sagen, „Oh, jetzt müssen wir erstmal vorsichtig sein“ oder gerne „OK, jetzt prüfen wir das Ganze auch bei deutschen Kindern“, wenn man aus irgendwelchem Grund etwa eine Ahnung hätte, dass die Ergebnisse mit der Staatsangehörigkeit oder ihrer britischen Lebensweise mit Nachmittags-Teatime was zu tun haben könnten.

Auf ähnliche Weise können wir aufgrund der Studien, die nicht an Freien Schüler*innen oder gut gebundenen Kindern oder Kindern von liebenden Eltern oder unerzogenen Kindern gemacht worden sind, nicht darauf schließen, dass solche Kinder nicht von den Effekten betroffen sind, nur weil niemand bisher die Initiative dazu ergriffen hat, oder weil wir kein Budget haben, diese Studien nochmal durchzuführen.

unerzogen Mythen entlarven #4 – „Studie X hat positive Effekte der Mediennutzung nachgewiesen!“

Johanna, 11.04.2017

In der Mediendebatte werden häufig Studien, die positive Effekte der Mediennutzung nachweisen, als Argument gegen die “Angst” und für uneingeschränkten Medienkonsum angeführt. Sie sollen ein Beleg für die Fraglichkeit derjenigen Studien sein, die schädliche Effekte (vor allem durch) uneingeschränkten Konsum elektronischer Medien sein.

Ich streite nicht ab, dass es auch Studien mit positiven Ergebnissen gibt bezüglich des Konsums elektronischer Medien (übrigens in der Regel nur dann, wenn der Konsum bei weniger als zwei Stunden pro Tag liegt. Negative Folgen überwiegen, sobald der Konsum mehr wird, auch sind die wahrscheinlichen Folgen unterschiedlich je nach Tageszeit des Konsums).

Studien können natürlich augenscheinlich gegenteilige, z.B. positive Effekte des elektronischen Medienkonsums nachweisen, das bedeutet aber nicht, dass die anderen bereits nachgewiesenen negativen Effekte verschwinden. Es sind also nicht gegenteilige, sondern zusätzliche Ergebnisse. Wissenschaftler*innen prüfen Studien anderer, indem sie diese wiederholen. Ergibt die Wiederholung nicht dieselben Werte, sind sie erst dann widerlegt oder zumindest fraglich. Oder sie wiederholen die Studie etwas abgeändert, um nachzuweisen, dass die Effekte von einem weiteren, vorher nicht mitbedachten Faktor abhängig waren (korrelierten).

Das Thema ist mindestens kontrovers – nicht vernachlässigbar

Mindestens aber macht dies das Thema kontrovers, noch besorgniserregender ist eigentlich, dass bisher niemand die gravierenden negativen Folgen ausschließen kann. Dies wünschen wir uns beim Kauf einer Matratze, eines Ranzens, bei der Entscheidung für ein Medikament oder einer Therapie, bei Zusätzen in Nahrungsmitteln, und wenn es unsere Kinder betrifft, noch doller.

Weiter zu: “Studien messen Schulleistungen, die wir ablehnen!

unerzogen Mythen entlarven #3 – Mediendebatte: Was Studienergebnisse bedeuten

Johanna, 11.04.2017

Die möglichen negativen Folgen des (uneingeschränkten oder auch eingeschränkten) Konsums elektronischer Medien treten naturgemäß nicht immer ein: wissenschaftlich können in der Regel nur Wahrscheinlichkeiten nachgewiesen werden. Ab einer gewissen Anzahl an Treffern ist dann der Effekt “signifikant” (die Ergebnisse aussagekräftig). Wenn der Effekt häufiger/größer/... ist, als er statistisch durch Zufall gewesen wäre, ist nachgewiesen, dass ein bestimmter Effekt überhaupt auftritt. Abgesehen vom Zufall können wahrscheinliche Effekte aufgrund irgenwelcher anderen, nicht untersuchten Gründe kompensiert oder aufgehoben werden, somit gibt es z.B. immer den einen Raucher im Bekanntenkreis, der, seit er 6 Jahre alt war, immer kettengeraucht hat, bis er mit 98 Jahren nicht an Krebs gestorben ist.

Diese Einzelfälle ändern nichts an der allgemeinen Wahrscheinlichkeit der nachgewiesenen Effekte und sind deswegen nie ein Beleg gegen die gesamte Studie. Die Studie hat diese Fälle bereits mit einbezogen. Wenn der uneingeschränkte Medienkonsum für Alicia also kein Problem ist, heißt das nicht, dass es für alle anderen Kinder auch kein Problem ist, sondern dass es für X% anderer Kinder – mehr als der Zufall es wöllte – doch ein Problem ist, und dass Alicia statistisch gesehen Glück hat.

„Bei uns ist alles anderes!“

Das bedeutet auch, dass ein Elternteil sicherlich zu Hause sagen kann: “Das sind alles nur Statistiken, sie müssen nicht auf mein Kind zutreffen”, und evtl. kann ein Elter alles mögliche tun, was die Studie nicht mitbedacht hat, um einen bestimmten Effekt z.B. zu kompensieren oder zu vermeiden. Das gilt nicht, wenn der von Wissenschaftlern gemessene Effekt extrem wahrscheinlich ist, so was gibt es auch. Jedenfalls handelt es sich, sagen wir, bei einer Freien Schule mit 150 Kindern oder einer großen Gemeinschaft, sagen wir der „unerzogen Community“, um eine große Anzahl an Fällen. Bei den vielen Einzelfällen greifen jetzt quasi naturgesetztlich die Wahrscheinlichkeiten auf jeden Fall auf die gesamte Gruppe: X% werden homosexuell sein, Y% wird sich irgendwann das Leben nehmen… etc.

Sagen wir, 1% der Frauen, die von einem Mann direkt um einen One-Night-Stand heute Nacht gebeten werden, sagen zu. Wenn einer 5 Frauen auf der Straße anspricht, ob sie mit ihm heute Nacht Sex haben wollen, dann ist die Wahrscheinlichkeit einfach sehr gering, dass jemand mitkommt. Wenn er 1000 Frauen fragt, wird er einfach, weil hier Statistik greift, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit mindestens einen Treffer haben. Wir können also umsoweniger die wissenschaftlichen Ergebnisse außer Acht lassen, wenn wir über eine große Gruppe sprechen.

Weiter zum Mythos: “Studie X hat positive Effekte der Mediennutzung nachgewiesen!

unerzogen Mythen entlarven #2 „Uneingeschränkter Medienkonsum und Freies Lernen sind vereinbar“

Johanna, 09.04.2017

In diesem Text wird erklärt, warum der uneingeschränkte Medienkonsum das Freie Lernen verhindert.

Ich persönlich finde das Sudbury Valley Modell für demokratische Schulen sehr ansprechend, genauso wie Unschooling (letzteres aber nur, wenn ein Elternteil zu Hause bleiben kann, und sich ausgiebig um seine Kinder kümmern kann). In beiden Modellen stellt Langeweile eines der Grundpfeiler des Freien Lernens dar!

Im Sudbury Valley Modell wird Langeweile als Ursprung eigenverantwortlichen Handelns betrachtet:

„At The Clearwater School, boredom is considered a phase of learning. Bored students are not punished or labeled. Staff members do not try to alleviate boredom by offering entertainment or ideas for productive uses of time. If staff offer help, it is to help the student understand and learn from the experience of boredom.“ (clearwaterschool.com)

Der Artikel ist von 2001. Die flächendeckende Nutzung von Smartphones, Tablets und Handkonsolen sowie portablem Internet gibt es erst seit 3-4 Jahren.

Langeweile ist eher unangenehm. Die Idee ist, dass die jungen Menschen selbst etwas tun sollen, um aus diesem Zustand herauszukommen, so üben sie Eigenverantwortung. Sie lernen, auf sich zu hören. Und sie erfahren, was sie wirklich selbst tun und lernen wollen.

Jeder Mensch lernt, immer, irgendwas.
Schon beim ersten Greifen nach diesen Geräten lernt man schnell, dass die unangenehme Leere der Langeweile dadurch schnell weggeht. Daher wird die Langeweile auch schon dann gekillt, wenn die Mediennutzung noch nicht suchtartig geworden ist.

Wir brauchen alle unsere Tätigkeiten, um Dopamin zu produzieren. Videospiele, Videos/Filme und soziale Medien (noch einen Artikel hier, nettes Erklärvideo hier), versprechen nicht nur einen Dopamin-Schuss in 2 Wochen, wenn mein Bauprojekt fertig ist und ich diesen stolz anderen zeige oder benutzen kann, oder in 2 Tagen, wenn mein Physikprojekt abgeschlossen ist, oder in 1 Stunde, wenn ich ein Matheproblem gelöst habe, oder in 3 Jahren, wenn ich endlich einigermaßen geil Geige spielen kann, sondern garantieren ihn in 5 Minuten oder gar sofort. Es ist quasi ganz natürlich, dass der Mensch hier einen einfachen Weg geht. Jeder Mensch ist „süchtig“ nach Dopamin.

Langeweile ist der Motor für eigene Ideen, für eigene Projekte, für eigene Ziele. Meine Beobachtung ist, dass nie genug Langeweile aufkommen kann, wenn der Zugang zu Medien jederzeit greifbar ist. Es ist insofern auch ein Teufelskreis: Wenn es nicht genügend Zeit gibt, sich irgendwas anderes, eigenes auszudenken, dann bleibt auch nur die Beschäftigung mit den Ideen, Projekten und Zielen anderer (etwa Spielemacher).

Ein Teufelskreis ist keine Freiheit, und die ist mir für meine Kinder wichtig. Und nochmal: Wer seine Freiheit aus-übt, indem er viel zockt und YouTube glotzt, wird gut darin, zu zocken und YouTube zu glotzen. Wer an eigenen Projekten arbeitet, wird gut darin, an eigenen Projekten zu arbeiten. Wer ist am Ende freier?

Mein Vorschlag lautet, uneingeschränkten Medienkonsum als Gefahr zu erkennen und auch so zu behandeln. Das geht auch mit der unerzogen Philosophie konform.

Unerzogen Magazin