Gemeinsames Abendessen

Johanna, 10.02.2007

Ich glaube für die meisten Erzieher ist es eine Unerträglichkeit, wenn die Kinder nicht am Tisch essen, sondern z.B. am TV, alleine. Am Anfang haben wir auch Mal mit am TV mit ihr gegessen, als Kompromiss, aber das konnten wir nicht ertragen, ständig Kindersendung bei Tisch. Irgendwann, als wir wieder zum Essen ruften und die Sendung wichtiger war, haben wir ihr einfach das Essen (liebevoll, verständnisvoll) hingebracht.

Ein Graus für jeden Erzieher. Das geht doch nicht! Und selbst ich fand’s gruselig, und auch ich habe gezweifelt, ob das wirklich gut geht. Aber ich hab Mal vertraut (das hat sich einfach in letzter Zeit bewährt…) Es ging 1-2 Monate so, oder ich weiß nicht mehr wie lange. Jeden Tag hat sie dort alleine gegessen. Wir haben Bescheid gesagt, das Essen ist fertig, sie kam nicht, gefragt, ob sie dort essen will “Jaaaa!!”, irgendwann haben wir gleich gefragt, wo sie essen will und so weiter.

Fakt ist aber, dass sie vor ein paar Monaten schon angefangen hat, immer wieder bei uns zu sitzen. Der Kleine (16 Mo) ist zunehmend witzig in seinem Verhalten, und auch wir sind ausgelassen. Es macht Spaß mit uns zu essen! Meine Tochter fand es einfach lustig bei uns und zog daher ein gemeinsames Essen dem Fernsehen vor.

Immer öfter kamen Kommentare wie “ach, es ist so schön, mit euch zu essen” und so was. Irgendwann sagte sie “Ich mach die Sendung aus, und verzichte lieber, damit ich mit euch essen kann” und seit über einem Monat isst sie regelmäßig wieder bei uns zu allen Mahlzeiten, fast egal was im Fernsehen kommt oder womit sie sonst beschäftigt ist.

Wir essen aber eh unregelmäßig, kann durchaus sein, dass wir doch den Zeitpunkt einer Sendung erwischen, die sie gerade spannend findet, dann isst sie Mal dort. Sie fragt dann: “Ääähm—- (grins) macht es euch was aus, wenn ich dort esse? Ich würde wirklich gerne mit euch essen aber… ich wollt’ noch meine Sendung zu Ende sehen” :) Oder sie kommt dann, wenn die Sendung vorbei ist, mit dem Rest auf dem Teller und setzt sich wieder zu uns, oder leistet uns Gesellschaft, auch wenn sie schon fertig ist.

So stelle ich mir das vor. Freiwillig zusammen essen ist viel toller, als ein gelangweiltes Kind am Tisch, das gezwungen wird und viel lieber was anderes machen würde, weil es uns eh doof findet, da wir es an den Tisch binden.

Demokratisch abstimmen

Johanna, 26.11.2006

Es folgen Antworten von Willibald Papesch auf meine eigenen Fragen:

Ich denke schon lange über “demokratisches Abstimmen in der Familie” nach. Grundsätzlich ist die Idee, den Familienalltag zu demokratisieren, ganz toll, aber findest du das wirklich die beste Lösung, miteinander in der Familie umzugehen?

Ja, für den Notfall. In Wirklichkeit gab es bei uns kaum einmal eine Abstimmung, konkret können wir uns tatsächlich an keine erinnern. Denn wichtig ist die Idee dahinter: gleiches Recht für alle.

Wenn das wirklich so gehandhabt wird, sind Abstimmungen die vollkommene Ausnahme, weil der Alltag auf der Basis des gemeinsamen Willens zur Verständigung sich weitgehend selbstverständlich regelt – aber eben unter der Bedingung: gleiches Recht für alle. Das heißt, Eltern respektieren auch Entscheidungen der Kinder, die sie für blödsinnig halten.

In so einer Kleinfamilie wie man das heute ist, ist das doch total gemein. Bei uns sind wir 4., eigentlich erst Mal nur 3, weil der Kleine (1) noch gar nichts wählen kann. Wenn wir “demokratisch” abstimmen, dann sagen zwei ja, einer nein und toll – so können die Eltern sich super durchsetzen ;)

Wenn sie das wollen, ja. Wir hatten allerdings eine Grundregel (vor allem für die Eltern): nie zwei gegen einen. Wenn also ein Elternteil mit einem Kind einen Konflikt hatte, hat der andere Elternteil immer argumentativ das Kind unterstützt.

Außerdem hat das noch nicht abstimmungsfähige Kind selbstverständlich eine Stimme. Es wäre zu regeln, wer dessen Interessen argumentativ vertritt.

Das Kind sagt immer nein, die Eltern sagen immer ja, und wir haben ja demokratisch gewählt, also wird’s gemacht.

Das ist die Theorie. Aber wenn das eintritt, ist eh schon alles schief gelaufen. Dann hilft auch kein Abstimmen mehr.

Das ist dann auch ein Drittel der “Gesamtbevölkerung”, zwar sind wir in der Mehrheit, kommt mir trotzdem total ungerecht vor. Wenn der Kleine größer wird, dann sind es 2 gegen 2 oder 2 gegen 1 und 1, und was dann? Es gibt dann keine absolute Mehrheit.

In einem solchen Fall haben wir gewürfelt. Das kam schon mal vor, aber wie und wann, erinnern wir nicht mehr. Die entscheidende Frage lautet immer: “Wie will ich mit meinen Kindern in meiner Familie zusammenleben?” Das ist der Maßstab, an dem ich mein Handeln als Elternteil messe.

Wenn wir 5 sind, ist sicher einer dabei, der es dann in der Hand hat, sich für eine der Möglichkeiten zu entscheiden. Es hält sich auch nicht die Waage, weil wir (Eltern) eigentlich meistens was anderes wählen würden.

Das entspricht nicht unseren Erfahrungen. Zum Beispiel hat unser damals etwa 8-jähriger Sohn mit seiner Argumentation den Ausschlag für den Kauf eines Autos gegeben, das so viel Geld gekostet hat, wie meine Frau und ich niemals für ein Auto ausgeben wollten. Es war bis dato unser absolut bester Kauf. Eine Folge davon: Unser Sohn ist so überzeugter Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel geworden und will überhaupt kein Auto mehr, nicht, weil das damalige so schlecht, sondern weil es so gut war, und beide Kinder haben ein durch und durch rationales Verhältnis zu Verkehrsmitteln.

Das Problem ist bei Demokratie sowieso, dass, wenn einer ein ganz “anders Denkender” ist, er dann in so einem kleineren Rahmen eh meistens “loosen” wird, weil die Mehrheit eben meistens “normal” entscheidet (verglichen mit dem Andersdenkenden).

Das ist die Frage, wie man mit Minderheiten umgeht – auch in der Familie. Bei uns war es so, dass der ‘Verlierer’ beim nächsten Mal die erste Wahl hatte.

Dieser Text war eine Antwort von Willibald Papesch aus der deutschen Mailingliste SudburryGermany. Veröffentlicht mit Genehmigung.

Gemeinsames Abendessen vs. Fernsehen

Johanna, 07.11.2006

Ein Kind hier hat 2 Monate vor dem TV gegessen, bis es freiwillig an den Familientisch zurück kam.

Wie mache ich das, wenn ich 3 Kinder habe, die dann freudestrahlend zu dritt vor dem TV sitzen würden???
Muss ich es 2 Kindern verbieten, bis Kind Nr. 1 zur Besinnung gekommen ist oder muss ich das Risiko eingehen, dass sich meine 3 Kinder bei Spongebob & Co. während des Essens köstlich amüsieren und sich nicht mehr am Tisch blicken lassen??

Erstens, wenn du deine Kinder schon immer gleichberechtigt behandelt hättest, dann würde das Problem wahrscheinlich gar nicht erst entstehen, weil die Kinder selbst den TV-Konsum schon regulieren würden und es ihnen mitunter wichtig wäre, mit euch zu essen.

Zweitens, es wäre dir wichtiger, dass deine Kinder glücklich sind anstatt dass sie unglücklich mit dir am Tisch sitzen (müssen).

Drittens, geht es nicht darum, eine “Technik” anzuwenden (die lautet “lass das Kind einfach 2 Monate vor dem TV”), um ein bestimmtes Verhalten (nämlich dass es dann an den Tisch “ohne zu mucken” kommt) zu “erzeugen”. Es geht darum, Freiheit zu geben, als Geschenk oder eher als Selbstverständlichkeit, einfach weil Freiheit wichtig ist – egal, ob es zum Essen kommt oder nicht.

Bei echter Freiheit würde das Kind bestimmt irgendwann wählen, mit dir zu essen – Eine Weile könnte es aber sein, dass das Kind den Fernseher wirklich spannender findet als dich/euch!

Glaubst du wirklich, das Kind sitzt mit 30 noch vor dem Fernseher, hat nie freiwillig mit dir gegessen und wird nie mit dir essen wollen, wenn du es respektvoll behandelst, ihr eine super Beziehung habt, du dich für sein Leben interessierst etc. und ihm die Freiheit lässt, TV zu gucken, wann es will?

Glaubst du, du wirst mit dem Fernsehverbot beim Essen erreichen, dass es gern mit dir isst? Könntest du dir vorstellen, dass so ein Verbot hervorrufen könnte, dass das Kind das willkürlich und doof findet und dich damit ein bisschen doofer findet?

Es denkt: “Meine Mama versteht mich einfach nicht. Ich will fernsehen aber ich muss am Tisch sitzen, wo die eh nur nörgeln/über uninteressante Dinge reden/es langweilig ist” oder “Meine Eltern verstehen mich nicht. Mir ist die Sendung, die immer zur Essenszeit kommt, total wichtig, die ist voll cool, aber ich muss mit ihnen essen. Ich will ja mit ihnen essen, aber ich will trotzdem auch die Sendung schauen. Schade, dass man sich entscheiden muss. Und schade, dass ich nicht diese Entscheidung treffen darf… warum eigentlich???”.

Die ganze Zeit, die deine Kinder dann am Tisch verbringen, wollen sie nur noch so schnell wie möglich fertig sein, um an den Fernseher zu gehen – oder es ärgert sie einfach, dass sie es nicht dürfen (eventuell auch danach nicht mehr!)

Was erreichst du damit? Für dich erreichst du, dass du dein Bedrüfnis, mit der Familie zu sein, stillst und dass du die “Expertenratschläge”, min. eine Mahlzeit am Tag mit der Familie zu verbringen, eingehalten hast, dann kannst du ja beruhigt sein ;-)

Iiiirgendwann wollen die Kinder dann eh freiwillig an den Esstisch – manche müssen sich bis dahin am Tisch quälen, manche durften das machen, was sie wollten. Aber wer sagt, dass sie wegen der Regel und nicht trotz der Regel freiwillig an den Tisch zurück gekehrt sind?

Zudem besteht die Gefahr, dass das Kind nie wieder an den dummen Tisch kehren will – das wäre doch schade!

Lösungen

Also um die Frage zu beantworten: Du würdest natürlich alle 3 vor dem TV lassen. Es würde eventuell länger dauern, bis der “gewünschte Effekt” eintritt – aber wenn dir Gleichberechtigung wichtig wäre, hättest du kein solches Ziel im Auge – wenn du dich auch trotzdem freuen würdest, wenn sie mit dir essen würden!

Wenn dir aber das gemeinsame Essen soooo furchtbar wichtig ist, dann würdest du sagen, “Jungs, passt auf, wir haben ein Problem. Ich möchte mit euch essen – ihr wollt dabei TV gucken. Was könnten wir machen?”

Jeder dürfte seine tollen und auch unsinnigen Vorschläge machen, alle würden notiert, keine würden kommentiert. Dann würdet ihr streichen, was inakzeptabel ist und schauen, ob ihr auf eine Lösung kommt, die allen gefällt.

Das kommt wieder auf die jeweiligen Bedürfnisse an:

Warum wollen die Kinder Fernsehen? Ist es sonst langweilig? -> Gespräche Kindgerechter machen (und nicht “was hast du heut gemacht?” die Frage nervt eh total) – Geschichten erzählen, Spiele spielen, die man sprechend spielen kann… Verpassen sie sonst eine Sendung? Videorecorder einschalten und dann später anschauen, so geht beides. Würden sie gerne einfach Mal gleichzeitig essen und fernsehen? Vielleicht könnte man einen Tag in der Woche als “Fernsehfamilientag” machen, Popcorn machen und einen Film ausleihen und alle essen und schauen gemeinsam, sicher ein Heidenspaß und alle finden es toll, dass ihre Bedürfnisse gestillt und ersnt genommen wurden.

Und: Welches Bedürfnis hast du eigentlich? Willst du nur nach Ratgeber “das Richtige” machen? Eventuell sind deine Kinder die besseren Ratgeber! Geht es dir um die “Gemeinsamkeit”? Man kann auch gemeinsam fernsehen – hole Popcorn und Gemütlichkeit ins Haus, einen lustigen Familienfilm…

Oder man könnte “eine Woche jeder isst wo er will, eine Woche essen alle am Tisch” machen. Oder alle zwei Tage so, dann wieder so, und nimmt die Sendungen trotzdem auf. Oder man lässt sich Mal darauf ein (zurückstecken) und guckt sich die Sendungen einfach immer gemeinsam an und achtet dabei darauf, was sie daran so witzig finden. Oder man verschiebt das Essen um 20 Minuten nach hinten. Oder man holt den Fernseher in die Küche. Oder man sagt, man würfelt jedes Mal. Oder man macht aus, dass die Kinder ab und zu kochen – sie wollen wahrscheinlich nicht, dass alle dann vor dem Fernseher sitzen und das tolle Essen nicht so richtig beachten, dann würden sie vielleicht die Eltern verstehen. Man könnte nachfragen, was die Kinder am gemeinsamen Essen stört, und das dann ändern oder einen Kompromiss finden… Oder X!

Wenn man sich wirklich nicht einigen kann, stimmt man ab, würfelt man, mal du mal ich, etc. etc. etc.

Es gibt immer mehr als nur zwei Möglichkeiten! Und in diesem Beispiel handelt es sich einfach nicht um Gefahr!

Unordnung

Johanna, 22.10.2006

Von Deb Lewis

Vielleicht ist es hilfreich, die Sachen unserer Kinder nicht mehr als “Unordnung” zu betrachten

Wir haben auch überall im Haus unsere Sachen verteilt! Wir legen Teppichvorleger auf dem Boden und verteilen unsere Sachen, Pflanzen, Körbe, Fotos, Vasen, Sammlerstücke überall im Haus. Warum sind diese Sachen “Dekoration” und die Dinge unserer Kinder “Unordnung”?

Meine “Deko” ist zwar was anderes als wenn ich meine Stricksachen rausgeholt habe oder mein Schreibzeug benutzt und Post-Its überall verteilt habe, oder wenn meine Rezeptkarten auf dem Wohnzimmertisch herumliegen. Aber selten denke ich von meinen Sachen, sie seien “Unordnung”. Es ist eher “Zeug”. Ist dieser Unterschied nicht einleuchtend genug, um sich darüber zu wundern? :)

Wenn du deine eigenen Sachen als “Unordnung” ansiehst, könntest du das vielleicht in deinem Kopf in “Zeug” umändern. So könntest du anfangen, den Wechsel von Negativ zu Positiv anzugehen. Wenn du es so sehen kannst, dass das Zeug deiner Kinder ebenso zum Haus gehört wie deine Fotos und Teppichvorleger und was auch immer, dann ist es weniger stressig für dich, wenn “Zeug” liegen gelassen wird.

Manchmal wirst du irgendwelches Zeugs wegräumen wollen, sodass man sich hinsetzen und essen oder fernsehen kann oder tanzen, aber wenn es nicht eine “Unordnung” ist, “die man aufräumen muss”, sondern einfach “Zeug, dass man weglegt oder wegstellt”, ist es anders in deinem Kopf, erzeugt weniger Stress und verbindet keine schlechten Gefühle oder Groll mit der Sache.

Ich glaube mein Haus wäre viel praktischer für meinen Mann, wenn ich nicht auf jeden flachen Untergrund eine Pflanze gestellt hätte. Er könnte stattdessen seine Autohandbücher dorthin stapeln. Wenn ich keine Holzenten auf dem Klavier stehen hätte, könnte er seine Baseballmützen dorthin legen. Meine “Deko” könnte von anderen Familienmitgliedern also durchaus als “Unordnung, die mir im Weg steht” gesehen werden, wenn sie das wollten.

Wenn du bespielsweise den einen Tisch nicht mit Fotos vollgestellt hättest, könnten deine kinder dort ein Lego-Schloss bauen! Warum hast du deine Unordnung nicht weggemacht? ;)

Kindern sollte es möglich sein, ihre Sachen um sich zu haben. Kinder sind dem Boden und den Stuhl und Sofasitzflächen näher. Das sind natürliche, logische Orte für Kindersachen ;-)

Deb Lewis

Dieser Text war eine Antwort von Deb Lewis aus der englischen Mailinglist UnschoolingBasics übersetzt aus dem Englischen mit Genehmigung.

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