Mein Kind fordert

Johanna, 06.09.2007

Beitrag aus der unerzogen Mailingliste

Es ging darum, dass ein Kind nicht bittet, sondern fordert, manchmal sogar mit nur einem Ruf aus dem anderen Zimmer: “WASSER!”, statt “Kannst du mir bitte ein Glas Wasser holen”?

Jemand fragte:

Sagt mal, fändet ihr es in so einer Situation falsch, wenn man freundlich sagt, “Du, ich überleg mir ob ich dir ____ bring, wenn du mich darum bittest. Ich bin nicht dein Diener, der sofort springen muss, wenn du etwas möchtest, das du dir selber holen kannst.” Und bei Gelegenheit einfügen: “ich würde es auch nie von dir verlangen, dass du mir nun sofort das-und-das holen solltest”.

Niki antwortete:

Klar kann ich mich dazu äußern (‘ich mag nicht so angesprochen werden, ich tue gerne etwas für Dich, wenn ich lieb gebeten werde’ oder so ähnlich), andererseits ist das ja eine Korrektur der Wirklichkeit, denn aus meiner Sicht passiert mit dem Befehlston doch nur eine Spiegelung dessen, was die Kinder selbst (von uns?) erfahren.

Gestern z.B. erzählte mir ein Freund, der eine Woche lang mit meinem 8-Jährigen und dessen Freund zusammen war, dass er sie mit ‘hallo?’ ansprach, wenn er sie im Verkehr, zu Hause oder so vor Gefahren schützen wollte, sich vergewissern wollte, ob eine Warnung/ein Hinweis verstanden wurde etc. Nach kurzer Zeit hat er sich anhören dürfen, wie es klingt, mit ‘hallo?’ angesprochen zu werden. Ihm hat es selbst nicht gefallen, aber was Besseres ist ihm auch nicht eingefallen und ‘hey!’ mochte er nicht sagen. Fand ich ‘ne interessante Beobachtung für jemanden, der ‘nur’ das Vergnügen von einer Woche Beziehung mit Kindern hatte.

Nachdem ich das jetzt so einige Monate einfach mache, wenn ich um etwas gebeten werde, was die Kinder schon längst alleine können (hin und wieder auch mal im Befehlston bzw. in Kurzform, wie das ‘Wasser!’ von Evas Sohn – der Mensch ist eben Ökonom!), habe ich eben auch erfahren, dass es gut angenommen wird, wenn ich um etwas bitte. Das war vorher nicht der Fall.

Die Frage ist hier, ob man seine eigene Grenze auch formuliert (ich mag nicht so angesprochen werden) oder ob ich versuche, doch irgendwie zu diktieren, wie ‘man’ miteinander spricht.

Übrigens habe ich beobachtet, dass dieser Befehlston meistens in einer eher scherzhaften Art kommt und nur in bestimmten Fällen die wütende, fordernde oder auch wirklich dringliche vorkommt. (Letzteres kurz vor’m Verlieren, wenn ich schnell noch einen Cheat eingeben soll)

Sich nicht auf diese Ebene zu begeben, wenn’s die wütende/fordernde Form ist (kam auch schonmal in Bezug auf das demütigende Moment im Geschlagenwerden hier in der Liste vor), und
es vielleicht mehr mit Humor zu nehmen: ‘Soooooofort, der Herr!’ o.ä. kann die Situation auflockern und die Beziehung wieder auf eine sichere Basis stellen. Hier sind wir vielleicht doch mehr als führende Beziehungsperson gefragt, denn als Kampfpartner, der klarstellen muss,
wer das Sagen hat …

Zu fragen, was stört mich eigentlich an dieser Ansprache genau?, das ist das Spannende!

Veröffentlicht mit Genehmigung

Gemeinsames Abendessen vs. Fernsehen

Johanna, 07.11.2006

Ein Kind hier hat 2 Monate vor dem TV gegessen, bis es freiwillig an den Familientisch zurück kam.

Wie mache ich das, wenn ich 3 Kinder habe, die dann freudestrahlend zu dritt vor dem TV sitzen würden???
Muss ich es 2 Kindern verbieten, bis Kind Nr. 1 zur Besinnung gekommen ist oder muss ich das Risiko eingehen, dass sich meine 3 Kinder bei Spongebob & Co. während des Essens köstlich amüsieren und sich nicht mehr am Tisch blicken lassen??

Erstens, wenn du deine Kinder schon immer gleichberechtigt behandelt hättest, dann würde das Problem wahrscheinlich gar nicht erst entstehen, weil die Kinder selbst den TV-Konsum schon regulieren würden und es ihnen mitunter wichtig wäre, mit euch zu essen.

Zweitens, es wäre dir wichtiger, dass deine Kinder glücklich sind anstatt dass sie unglücklich mit dir am Tisch sitzen (müssen).

Drittens, geht es nicht darum, eine “Technik” anzuwenden (die lautet “lass das Kind einfach 2 Monate vor dem TV”), um ein bestimmtes Verhalten (nämlich dass es dann an den Tisch “ohne zu mucken” kommt) zu “erzeugen”. Es geht darum, Freiheit zu geben, als Geschenk oder eher als Selbstverständlichkeit, einfach weil Freiheit wichtig ist – egal, ob es zum Essen kommt oder nicht.

Bei echter Freiheit würde das Kind bestimmt irgendwann wählen, mit dir zu essen – Eine Weile könnte es aber sein, dass das Kind den Fernseher wirklich spannender findet als dich/euch!

Glaubst du wirklich, das Kind sitzt mit 30 noch vor dem Fernseher, hat nie freiwillig mit dir gegessen und wird nie mit dir essen wollen, wenn du es respektvoll behandelst, ihr eine super Beziehung habt, du dich für sein Leben interessierst etc. und ihm die Freiheit lässt, TV zu gucken, wann es will?

Glaubst du, du wirst mit dem Fernsehverbot beim Essen erreichen, dass es gern mit dir isst? Könntest du dir vorstellen, dass so ein Verbot hervorrufen könnte, dass das Kind das willkürlich und doof findet und dich damit ein bisschen doofer findet?

Es denkt: “Meine Mama versteht mich einfach nicht. Ich will fernsehen aber ich muss am Tisch sitzen, wo die eh nur nörgeln/über uninteressante Dinge reden/es langweilig ist” oder “Meine Eltern verstehen mich nicht. Mir ist die Sendung, die immer zur Essenszeit kommt, total wichtig, die ist voll cool, aber ich muss mit ihnen essen. Ich will ja mit ihnen essen, aber ich will trotzdem auch die Sendung schauen. Schade, dass man sich entscheiden muss. Und schade, dass ich nicht diese Entscheidung treffen darf… warum eigentlich???”.

Die ganze Zeit, die deine Kinder dann am Tisch verbringen, wollen sie nur noch so schnell wie möglich fertig sein, um an den Fernseher zu gehen – oder es ärgert sie einfach, dass sie es nicht dürfen (eventuell auch danach nicht mehr!)

Was erreichst du damit? Für dich erreichst du, dass du dein Bedrüfnis, mit der Familie zu sein, stillst und dass du die “Expertenratschläge”, min. eine Mahlzeit am Tag mit der Familie zu verbringen, eingehalten hast, dann kannst du ja beruhigt sein ;-)

Iiiirgendwann wollen die Kinder dann eh freiwillig an den Esstisch – manche müssen sich bis dahin am Tisch quälen, manche durften das machen, was sie wollten. Aber wer sagt, dass sie wegen der Regel und nicht trotz der Regel freiwillig an den Tisch zurück gekehrt sind?

Zudem besteht die Gefahr, dass das Kind nie wieder an den dummen Tisch kehren will – das wäre doch schade!

Lösungen

Also um die Frage zu beantworten: Du würdest natürlich alle 3 vor dem TV lassen. Es würde eventuell länger dauern, bis der “gewünschte Effekt” eintritt – aber wenn dir Gleichberechtigung wichtig wäre, hättest du kein solches Ziel im Auge – wenn du dich auch trotzdem freuen würdest, wenn sie mit dir essen würden!

Wenn dir aber das gemeinsame Essen soooo furchtbar wichtig ist, dann würdest du sagen, “Jungs, passt auf, wir haben ein Problem. Ich möchte mit euch essen – ihr wollt dabei TV gucken. Was könnten wir machen?”

Jeder dürfte seine tollen und auch unsinnigen Vorschläge machen, alle würden notiert, keine würden kommentiert. Dann würdet ihr streichen, was inakzeptabel ist und schauen, ob ihr auf eine Lösung kommt, die allen gefällt.

Das kommt wieder auf die jeweiligen Bedürfnisse an:

Warum wollen die Kinder Fernsehen? Ist es sonst langweilig? -> Gespräche Kindgerechter machen (und nicht “was hast du heut gemacht?” die Frage nervt eh total) – Geschichten erzählen, Spiele spielen, die man sprechend spielen kann… Verpassen sie sonst eine Sendung? Videorecorder einschalten und dann später anschauen, so geht beides. Würden sie gerne einfach Mal gleichzeitig essen und fernsehen? Vielleicht könnte man einen Tag in der Woche als “Fernsehfamilientag” machen, Popcorn machen und einen Film ausleihen und alle essen und schauen gemeinsam, sicher ein Heidenspaß und alle finden es toll, dass ihre Bedürfnisse gestillt und ersnt genommen wurden.

Und: Welches Bedürfnis hast du eigentlich? Willst du nur nach Ratgeber “das Richtige” machen? Eventuell sind deine Kinder die besseren Ratgeber! Geht es dir um die “Gemeinsamkeit”? Man kann auch gemeinsam fernsehen – hole Popcorn und Gemütlichkeit ins Haus, einen lustigen Familienfilm…

Oder man könnte “eine Woche jeder isst wo er will, eine Woche essen alle am Tisch” machen. Oder alle zwei Tage so, dann wieder so, und nimmt die Sendungen trotzdem auf. Oder man lässt sich Mal darauf ein (zurückstecken) und guckt sich die Sendungen einfach immer gemeinsam an und achtet dabei darauf, was sie daran so witzig finden. Oder man verschiebt das Essen um 20 Minuten nach hinten. Oder man holt den Fernseher in die Küche. Oder man sagt, man würfelt jedes Mal. Oder man macht aus, dass die Kinder ab und zu kochen – sie wollen wahrscheinlich nicht, dass alle dann vor dem Fernseher sitzen und das tolle Essen nicht so richtig beachten, dann würden sie vielleicht die Eltern verstehen. Man könnte nachfragen, was die Kinder am gemeinsamen Essen stört, und das dann ändern oder einen Kompromiss finden… Oder X!

Wenn man sich wirklich nicht einigen kann, stimmt man ab, würfelt man, mal du mal ich, etc. etc. etc.

Es gibt immer mehr als nur zwei Möglichkeiten! Und in diesem Beispiel handelt es sich einfach nicht um Gefahr!

Will nicht mitgehen

Johanna, 05.11.2006

ich bin heute mit söhnen (3/1) alleine, mann muss arbeiten. heute vormittag musste ich besorgungen machen für das wochenende, elementar wichtige dinge wie brot und milch. mein sohn ging schon mal nach draußen zum auto und traf auf den 60jährigen nachbarn, der gerade holz wegkarrte. mein sohn wollte unbedingt mitmachen. ich sagte: “ok, dauert eh noch, bis der bruder im auto sitzt und das auto aus der garage gefahren ist, so lange kannst du.”

nun wollte ich los. bruder saß im auto, auto lief. ich holte meinen sohn. der, ihr ahnt es, wollte aber nicht. er wollte nicht mit einkaufen. er wollte weiter helfen. ich sollte alleine fahren. das aber ging nicht. ich konnte und wollte dem arbeitenden nachbarn nicht zumuten, auf meinen sohn aufzupassen. er bot es auch nicht an. es gab niemand anders, der hätte aufpassen können. also MUSSTE mein sohn mit. ende vom lied: ich trug das protestierende kind zum auto und schnallte es an, worauf es natürlich begann zu weinen. ich erklärte die situation, schimpfte nicht, strafte nicht, blieb freundlich, aber eben konsequent.

was hätten nicht-erzieher gemacht? das auto ausgestellt, den bruder wieder rausgeholt, später gefahren, gar nicht gefahren, den nachbarn um babysitterdienste gebeten…?

  • Wenn man eine gute Beziehung pflegt und das Kind gut kennt, kann man erstens versuchen, gar nicht erst in die Situation zu kommen. Eltern gleichberechtigter Kinder sind keine Übermenschen und werden es auch nicht immer schaffen! Sie werden je nach Kind versuchen, ihren Blick darauf zu trainieren, solche Situationen bereits vorher zu erkennen! (Ich z.B. brauche einen solchen Blick bei meiner Tochter (7) nicht. Ich brauche einen Blick für ihren Hunger – da wird sie nämlich unfreundlich und weiß gar nicht richtig warum. Hat sie was im Bauch, ist das Problem “gegessen”)
  • Wenn das nicht geht, dann kann man schauen, ob man wirklich aus der 1 Minute nicht wenigstens 5 machen kann oder 10 aus 5…
  • Meistens kann man auch mit Jüngeren handeln. Wichtig ist, dass man die Bedürfnisse offiziell ernst nimmt. “Ich will einkaufen, damit wir heute Abend kochen können. Du willst noch helfen. Und das gleichzeitig! Was könnten wir machen?” – wer weiß, vielleicht reicht das schon, und das Kind sagt selbst “na dann lass uns gehen!” Hast du das versucht?. Wenn das nicht schon reicht, wird ein erzogenes Kind nicht unbedingt auf viele Vorschläge kommen (außer “du gehst und ich bleibe” oder so). Wenn doch, ist vielleicht einer dabei, der hilft? Man könnte noch mehr Vorschläge machen und was aushandeln: “Du willst hier noch weiter helfen – es scheint dir wirklich Spaß zu machen. Der Laden macht allerdings gleich zu, wir müssen wirklich gehen, und alleine lassen geht nicht. Gibt es irgendwas im Laden, dass dir genauso viel Freude wie Holz machen würde? Du könntest vielleicht das Obst wählen? Oder einen eigenen Kindereinkaufswagen kriegen und dafür zuständig sein? Wie ich sehe macht dir ‘Beladen’ viel Spaß” ... Situations- und Bedürfnisabhängig!
  • Wenn man die 5 Minuten Zeit gehabt hätte, hätte man vielleicht beide damit spielen lassen können
  • Ob man den Nachbarn als Babysitter engagiert hätte, hängt selbstverständlich davon ab, ob man ihn kennt oder nicht, ob man ihm vertraut, oder nicht, ob das Kind das überhaupt will oder nicht! Wenn du dem Nachbarn vertraut hättest, aber dich nur nicht trautest, ihn zu fragen, hätte die Lösungsfindungsdiskussion vielleicht ihn selbst auf die Idee gebracht, das anzubieten.
  • Auch hier gilt, wenn es echt nicht geht, dann ist es sowieso “echt”, authentisch, und es kann gar keine erzieherische Intention dahinter stehen, daher kann es sich für das Kind nicht “falsch” anhören und sich zusammen mit allen anderen (willkürlichen) Neins bis hin zum Vertrauensbruch summieren. Aber trotzdem wird das Kind dann weinen und enttäuscht sein! Hattet ihr das Gefühl, Eltern gleichberechtigter Kinder denken/sagen, ihre Kinder sind insofern “glücklicher”, als dass sie “nie” weinen oder enttäuscht sind? Vielleicht ist das das große Missverständnis. Klar weint es dann und ist enttäuscht. Aber auch da gibt es große Unterschiede (wie und ob man tröstet).
  • Und wieder gilt – was war das Bedürfnis des Kindes? Wollte es Mal den Nachbarn kennen lernen? Man kann auch nach dem Einkauf z.B. den Nachbarn noch Mal besuchen gehen. Wollte es Mal mit Holz spielen? Man könnte versprechen, dass man später irgendwann mit Holz spielen geht. Wollte es gerne selbst zu Hause Holz haben? Das könnte man besorgen. Brauchte es körperliche Aktivitität? Vielleicht sollte es mehr Sport treiben – Was weiß ich!

    Beim “Versprechen” aber gilt, wie beim Spielzeugladen auf dem Weg zum Arzt: was man versprochen hat, hält man – egal ob man es offiziell “versprochen” hat, oder ob man es nur “gesagt” hat. Für ein Kind ist alles, was wir sagen “versprochen”!!! Es gibt da nicht “du hast das ja vergessen”, sondern wir sind zuständig, es zu behalten und notfalls aufzuschreiben (viele Eltern gleichberechtigter Kinder schreiben sich solche Sachen echt auf, das zeigt übrigens auch, dass man es besonders ernst nimmt, weil man es nicht vergessen will).

    Man könnte am nächsten Tag (oder irgendwann) sagen “du wolltest doch gestern zum Spielzeugladen und es ging nicht – jetzt wäre der beste Zeitpunkt dafür, hast du Lust?” Wenn nein, dann hat sich die Sache erledigt. Aber sehr wahrscheinlich wird sich das Kind sehr sehr sehr freuen, dass die Mutter daran gedacht hat, die Bedürfnisse so ernst genommen hat etc.

    Und wenn es wirklich nicht geht, dann bleibt immer noch:

  • verständnisvolles Trösten,
  • Ja statt nein sagen (ja, morgen, ja, wenn wir Geld haben, ja, wenn ich fertig bin, ja, wenn wir gegessen haben, ja, wenn Papa da ist, ja, wenn ich einen Babysitter habe, ja wenn….)
  • und/oder das Bedürfnis dahinter verstehen und zumindest für die Zukunft eine bessere Lösung für solche Probleme finden.

Es geht darum, Kinder Ernst zu nehmen – und zwar wirklich Ernst. Nicht nur verständnisvolles Nicken und dann sagen “ja, das verstehe ich Schatz, aber es geht nicht”. Eltern gleichberechtigter Kinder wollen möglichst versuchen, alles zu tun, um die Wünsche zu ermöglichen (wie gesagt im Rahmen der Möglichkeiten – und da sind sie sehr kreativ drin).

*Wirklich* Ernst nehmen bedeutet, dass ich die Wünsche des Kindes alle als Bedürfnisse deklariere und für genauso wichtig erkläre wir meine Bedürfnisse. Ob sich alles machen lässt, ist eine andere Frage, aber wie man damit umgeht – darum geht es in gleichberechtigten Eltern-Kind-Beziehungen (*unter anderem*). Es kann außerdem durchaus sein, dass das Kind nach einer fairen Besprechung entscheidet, dass das Bedürfnis doch nicht so dringend ist, doch nicht so wünschenswert war… Oder eben, dass es doch sehr dringend ist!

Kind klettert auf den Tisch

Johanna, 05.11.2006

mein sohn (3) klettert zum ersten mal in seinem leben auf den wohnzimmertisch. noch nie zuvor hat er das getan. ich habe ihn sofort davon abgehalten, weil das für mich ein “no go” ist. ich möchte nicht, dass meine kinder auf tische klettern und darauf stehen oder hüpfen. ich habe ihm das erklärt und er hat sich damit zufriedengegeben, auf seine spielzeugkiste zu klettern. das darf er.

nun könnte man sagen: “meine güte, was ist dabei auf einen tisch zu klettern? vermutlich macht er es 10x und dann ist es uninteressant. also lass ihn doch.”
an die theorie, dass es irgendwann uninteressant wird, glaube ich nicht. mein sohn liebt es nach wie vor auf betten herumzuhüpfen. das habe ich ihm nie untersagt, das darf er. trotzdem wird das nicht uninteressant. es ist zwar mal eine weile uninteressant, aber taucht immer wieder auf.

mir ist klar, dass ich an dieser stelle autoritär erzogen habe (tränen oder geschrei gab es jedoch zu keinem zeitpunkt, dazu bin ich zu sanft und freundlich vorgegangen). was hätten die nicht-erzieher gemacht?

Ich habe mir das Motto zu eigen gemacht: “Es gibt immer mehr als nur 2 Möglichkeiten!”

(Achtung: die Möglichkeiten sind entweder getrennt/unabhängig voneinander oder kombinierbar)

  • Tisch einfach wegstellen. Überhaupt alles wegstellen, was gefährlich oder wertvoll ist und nicht kaputt gehen soll, solange die Kinder nicht damit umgehen können.
  • freundlich sagen, dass der Tisch nicht zum drauf stellen/setzen ist (was du gemacht hast ist absolut OK für einen Nichterzieher! Wenn das Kind einverstanden ist, ist doch OK. Kreativ muss man doch nur werden, wenn die Bedürfnisse aneinander geraten.
  • Das Bedürfnis hinter dem vermeintlichen “Fehlverhalten” aufdecken. Hat das Kind das zum ersten Mal gemacht, so kann man einfach sagen: “Das wollen wir hier nicht”. Reine Info (wie im vorherigem Punkt)! Wahrscheinlich steckt da noch kein anderes Bedürfnis dahinter als nur Neugier, Ausprobieren etc. Offensichtlich war die Information für dein Kind OK und dann ist alles in Ordnung, das Bedürfnis war auch schon gestillt oder einigermaßen gestillt.
  • Passiert das öfter könnte man sich überlegen, was denn das eigentliche Bedürfnis ist: Klettern? Etwas anbieten, worauf es klettern kann. Hüpfen? Etwas anbieten, wovon es abhüpfen kann. Aufmerksamkeit von Mama? Aufmerksamkeit schenken. Etwas hochstehendes erreichen? Ihm geben oder zeigen, wie man sonst daran kommt – für die Zukunft das Ding weiter runter stellen etc…
  • Es gibt bestimmt noch andere Möglichkeiten!

    Wenn es wirklich nicht anders geht (mit anderen Situationen), dann kann man halt “Nein” sagen. Das geht aber auch freundlich, und dass das Kind enttäuscht ist, muss man ja dann auch nicht ignorieren (habe ich zumindest damals oft gemacht nach dem Motto “Tja, Pech gehabt, mit der Enttäuschung musst du halt leben, geht halt nicht anders. Das Leben ist kein Zuckerschlecken”). Also trösten – weil wir das Kind ernst nehmen und somit auch verstehen, warum es weint. Das Ziel ist nicht, so schnell wie möglich das Weinen zu beenden. Eventuell irgendwas anbieten, um die Enttäuschung auszugleichen.

    Grundsätzlich muss man bei materiellen Dingen überlegen, ob diese wirklich wichtiger sind als die Beziehung zum Kind (etwa wenn es sehr sehr oft passiert). Das soll nicht bedeuten, dass uns “Nichterziehern” materielle Dinge überhaupt nicht wichtig sind, aber es gibt andere Wege, diese zu schützen, und man muss einfach davon ausgehen, dass Kinder an alles ranwollen, was Erwachsene benutzen und nicht unbedingt deren Sinn oder deren Tradition oder übliche Funktionsweise begreifen.

    Es ist dabei unbedingt wichtig, das Bedürfnis dahinter zu verstehen – beim ersten mal ist es nur ausprobieren/entdecken/Neugier. Das kann man also Mal gelten lassen. Dann kann man sagen: “Sooo, jetzt hast du den Tisch von oben bis unten erkundet. Jetzt bist du anscheinend fertig. Normalerweise klettern wir (hier in unserer Familie/Gesellschaft/Community/wasauchimmer nicht auf dem Tisch. Das soll auch so bleiben. Wenn du klettern willst – benutze dies hier.” Wenn es das Kind dann noch Mal tut, erinnert man es an die andere Kletterhilfe: “Oh, du hast Mal wieder Lust zu klettern – schau, hier geht das besser….” etc.

    Es geht nicht um “alles erlauben”, sondern darum, Bedürfnisse ernst zu nehmen und zu stillen – auch die eigenen. Da dies automatisch zu Konflikten führt, führt dieser Ansatz auch automatisch zur aktiven Lösungsfindung, die für unsere Kinder sehr wertvoll ist. Die Lösungsfindung hilft uns, den Bedürfnissen aller Familienmitglieder so gut es geht – im Rahmen der Möglichkeiten (auch der gesetzlichen!!!) – gerecht zu werden!

Unerzogen Magazin