Die Angst vor der Freiheit. Was macht „unerzogen“ so schwierig für erzogene Menschen?

Johanna, 05.08.2009

In Diskussionen über den Gedanken, dass Kinder keine Erziehung brauchen, in der sie in eine vom Erwachsenen bestimmte Richtung gedrängt oder zu ihrem Besten gezwungen werden, habe ich öfter festgestellt, dass Erziehende und selbst Erzogene ziemlich bald nicht mehr mit Argumenten reagieren, sondern mit Feindseligkeit und Ablehnung. Sie wollen sich einfach nicht vorstellen, dass der unerzogen-Gedanke funktionieren kann.
Ich möchte hier der Frage nachgehen, wieso es für Erzogene so schwer ist, den unerzogen-Gedanken an sich heranzulassen.

Um dem näher zu kommen, versuche ich, mich einzufühlen: Wie mag es für jemanden sein, der erzogen wurde, mit dem unerzogen-Gedanken konfrontiert zu werden?

Zwei Menschenbilder
Der unerzogen-Gedanke enthält den Vorschlag, dem Kind eine Freiheit zu lassen oder zurückzugeben, die in einer erzieherischen Haltung nicht gegeben werden darf. Der Vorschlag beruht auf einem Menschenbild, das davon ausgeht, dass man dem Kind vertrauen kann, in einer respektvollen Umgebung aus eigenem Antrieb zu einem konstruktiven, sozialen, verantwortungsvollen und reifen Erwachsenen heranzuwachsen.
Der unerzogen-Vorschlag löst bei pädagogischen Menschen üblicherweise Sorgen um die Folgen aus. Diese Sorgen gehen in die Richtung, dass Kinder langfristige Konsequenzen nicht bedenken und dadurch Schaden entsteht, z. B. dass sie ihre Zähne vergammeln lassen, zuwenig Schlaf bekommen und nur leckere, aber ungesunde Nahrung essen; dass sie keine Moral entwickeln und rücksichtslos und egoistisch werden, dass sie nichts Anspruchvolleres lernen und sich nicht anstrengen.
Der gemeinsame Nenner dieser Sorgen ist, dass die Kinder nicht erwachsen werden, sondern Kinder bleiben: Sie würden auch als Erwachsene im Moment leben, gingen ihrer spontanen Lust nach und kämen in ihrem Leben auf keinen grünen Zweig. Sie würden nicht arbeiten wollen, hätten nichts gelernt, würden ungesund leben und könnten keine dauerhaften Beziehungen führen.
Grundlage dieser Sorgen ist ein Menschenbild, das davon ausgeht, dass Kinder Impulse, Wünsche, Bedürfnisse usw. haben, die zu bedrohlichen Entwicklungen führen, wenn man ihnen freien Lauf läßt. Nach diesem Bild können Kinder ihr Leben nicht eigenverantwortlich regulieren, jedenfalls nicht mit einem guten Ergebnis. Wenn man von diesem Menschenbild ausgeht, ist es verantwortunglos, Kindern Freiheit zu lassen und statt dessen erforderlich, das Gute für das Kind notfalls mit Gewalt durchzusetzen.

Argumente und Beispiele, die gegen dieses Menschenbild sprechen, prallen an Erzogenen meiner Erfahrung nach oft an einer Wand emotionaler Abwehr ab.

Daher frage ich mich: Woher stammt das der Erziehung zugrundliegende Menschenbild? Was könnte der Grund dafür sein, dass es so emotional und vehement verteidigt wird, ohne Tatsachen und Zweifel ernsthaft in Betracht zu ziehen? Ich halte dieses Menschenbild ja für falsch, umso drängender und spannender ist die Frage, warum es für Erzogene so unverrückbar gültig zu sein scheint.

Die verdrängte Erfahrung
Erzogene Menschen haben erlebt, dass sie als Kind etliche Dinge tun mussten, weil die Erziehenden das so festgelegt hatten. Da Kinder von Anfang an zwar unbeholfen, aber frei und selbstbestimmt sind, haben sie als Baby natürlich mit Schreien protestiert und sich später z. B. mit Trotz gewehrt. Aber dann kam die dunkle Seite der Erziehung: Man wurde ignoriert, abgewertet, bestraft, angeschrien oder sogar geschlagen. Diese Handlungen der eigenen Eltern waren die natürliche Folge von deren Menschenbild, nach dem Kinder nicht vertrauenswürdig sind und die Freiheit und Selbstbestimmung nicht vertragen, die sie begehren.

Erzogene haben also erlebt, dass sie entsprechend dem Menschenbild behandelt wurden, das sie jetzt mehr oder weniger bewußt vertreten. Eigentlich gibt es hier einen wunderbaren Anknüpfungspunkt für den unerzogen-Gedanken. Wenn die erzogenen Menschen sich an ihre Erziehung erinnern würden und ihre Erinnerung auch ernst nehmen würden, dann könnte man sich ja schnell darauf einigen, dass dies eine schreckliche, leidvolle Erfahrung war, die man den eigenen Kindern natürlich ersparen möchte.

Meine Erfahrung ist, dass erzogene Menschen sich häufig nicht an das Leid erinnern, das ihnen durch Erziehung zugefügt wurde. Sie lehnen vielleicht manche Methoden ihrer Eltern ab, wie z. B. Schläge, aber sie haben das negative Menschenbild der Erziehung unverändert übernommen und wehren sich daher weiterhin gegen ein Frei-Lassen der Kinder. In den seltenen Fällen, in denen sie sich an die Manipulation oder den Zwang ihrer Kindheit erinnern, bleiben sie sich selbst dabei gegenüber kalt und distanziert. Manchmal sagen sie dann über sich soetwas wie “Ich war aber auch schwierig”. Das heißt, sie fühlen nicht mit sich als leidendem Kind mit, sondern setzen die ihnen damals zugefügte Abwertung heute selbst fort.

Bindung und Trauma
Warum ist das so?
Wir haben es hier mit Vorgängen zu tun, die in der Psychotherapie gut erforscht wurden.
Ein Kind hat üblicherweise nicht die psychische Kraft, die grausame Wahrheit seiner erzieherischen Realität auszuhalten. Es erträgt die Tatsache nicht, dass die eigenen Eltern es wegen seiner Bedürfnisse und Vorhaben so erbittert und vehement bekämpfen, dass für es keinen Raum mehr bleibt, es selbst zu sein.

Warum kann das Kind das nicht aushalten? Das Kind braucht mindestens eine Person, die einen sicheren Hafen darstellt, der bei Gefahren oder Verunsicherung angelaufen werden kann. Ohne sicheren Hafen fühlt es Todesangst und erleidet massiven Stress, weil niemand da ist, der es vor den Gefahren der Umwelt schützen kann, die in unserer Gattungsvergangenheit beträchtlich waren. Daher bindet es sich unweigerlich an die Person, die für es sorgt. Es tut dies unabhängig davon, ob die Person tatsächlich ein sicherer Hafen ist oder nicht. Das Kind kann einfach nicht anders, als darauf vertrauen, dass die versorgend Person es schützt.
Wenn das Kind die erzieherische Realität voll erfassen würde, nämlich, dass seine Eltern es mit voller seelischer Wucht in seinem So-Sein bekämpfen, dann könnte es sie nicht mehr als sicherer Hafen erleben und würde sich dem Untergang geweiht fühlen.
Um das zu vermeiden und die Bindung aufrechtzuerhalten, verzichtet das erzieherisch behandelte Kind in einem Moment extremer Bedrängnis auf seine korrekte Wahrnehmung der Situation. Es hört auf, aus der Wahrheit zu leben, dass es mit seinen Bedürfnissen in Ordnung ist und trotzdem von seinen Eltern angegriffen oder verlassen wird. Es beginnt zu glauben, dass seine Bedürfnisse – und damit es selbst – schlecht, böse, gefährlich, unsozial und egoistisch sind. In dem es die zerstörerische Deutung seiner Eltern übernimmt, dass es nicht vertrauenswürdig und freiheitsfähig sei, kann es sich wieder mit ihnen versöhnen und sich sicher fühlen. Das lindert die Todesangst, hat aber einen hohen Preis: Es hat nun mit seinen Eltern zusammen einen gemeinsamen Feind, nämlich die “gefährlichen” Bedürfnisse in ihm selbst, die die Angriffe der Eltern überhaupt erst ausgelöst haben. Es hat damit sich selbst verlassen und einen Teil seiner Lebendigkeit abgeschnitten. Das Leiden unter dem Bekämpft-Werdens durch die Eltern ist überdeckt von der Erleichterung, wieder mit den Eltern versöhnt zu sein.

Die eben geschilderten Abläufe in der kindlichen Seele liefern eine Erklärung dafür, warum Erzogene so viel Mühe haben, einfühlsam das Leid zu erleben, das ihnen durch Erziehung zugefügt wurde. Es steht die alte Notgemeinschaft mit ihren Eltern im Wege, und der übernommene Glaube, dass die eigenen Bedürfnisse gefährlich sind.

Die Gefährlichkeit der Freiheit
Der unerzogen-Gedanke stellt diesen Glaubenssatz infrage. Was löst das in einem erzogenen Menschen aus? Er erinnert sich unbewußt an seinen Freiheitsdrang als Kind, aber auch an das Grauen, das damit verbunden war, von den Eltern damit bekämpft zu werden. Mehr oder weniger bewußt steht der Mensch damit wieder vor der Entscheidung, vor der er schon als Kind stand: Entweder stelle ich mich der Tatsache, dass ich selbst in Ordnung bin, frei und konstruktiv, aber verbunden mit der grausamen Wahrheit, dass ich von meinen Eltern, die eigentlich Sicherheit spenden sollten, bekämpft wurde. Oder ich verrate mich selbst, stimme dafür aber den feindseligen Definitionen der Autoritäten zu.
Der Erwachsene wäre jetzt, wo er groß ist, eigentlich stark genug, sich dieser Todesangst zu stellen und sie zu überwinden, da er die Bindungspersonen nicht mehr zum Überleben braucht. Wenn er die Angst so verstehen könnte, wie wir es hier getan haben, würde er sich ihr wohl stellen wollen, vielleicht mit Hilfe einer Psychotherapie. Aber bei der Konfrontation mit dem unerzogen-Gedanken spürt er zunächst nur eine mächtige Angst, ohne sie zu verstehen. Da kann es leicht geschehen, die Angst als Sorge um die Zukunft der Kinder zu interpretieren und die Chance zu verpassen, die die Angst bietet.

Müssen unsere Kinder nicht auf gesellschaftliche Regeln vorbereitet werden?

Johanna, 07.02.2007

Häufig hört man die Kritik, Kinder müssten doch aufs Leben vorbereitet werden, wie es draußen auch wirklich ist – voller Regeln. Das ist richtig, und die Regeln in unserer Gesellschaft sind ja auch nicht vollkommen willkürlich. Sie haben einen Sinn (oder sollten einen haben), den man (meistens) nachvollziehen kann.

Erst einmal sollte man klar stellen, dass es in einem gleichberechtigten Haushalt durchaus auch Regeln geben kann. Wir verzichten nicht grundsätzlich auf Regeln. Zumindest nicht auf sinnvolle. Wir sind gegen willkürliche: “Um 8 ins Bett, egal ob du müde bist oder nicht, sonst X”. Regeln sollten für alle verständlich sein und den Ablauf vereinfachen. Und wir sind gegen Regeln, die von Erziehenden aufgestellt werden, um ein Erziehungsziel zu erreichen. Regeln sollten allen dienen (nicht nur den Machtinhabern) und von allen zumindest akzeptiert werden – lieber noch, von allen gemeinsam beschlossen werden.

Wenn wir (bei uns) Regeln aufstellen, dann deshalb, weil wir alle die Notwendigkeit einer solchen Regel einsehen und uns auf eine einigen. Wir haben z.B. zu Hause eine “Regel”, dass wenn jemand putzen will und möchte, dass andere mitputzen, weil es ihm/ihr selbst zu viel wird, er dies um 21:00 mach soll und nur 15 Minuten lang. Das ist eine für uns alle erträgliche Länge und Uhrzeit. Außerdem gehört zur Regel, das niemand mitmachen muss. Meistens machen aber alle mit.

Es gibt weitere Regeln, die gar nicht benannt werden, weil sie einfach selbstverständlich sind: niemand will geschlagen werden; wen man auf Toilette geht, spült man; wenn man geduscht hat, macht man danach das Wasser aus…

Ich glaube, wenn Kinder zu Hause sinn-volle Regeln kennen lernen, haben sie gar kein Problem damit, sinnvolle gesellschaftliche Regeln zu verstehen und zu akzeptieren, z.B. dass man zu Fremden freundlich ist, auch wenn man schlecht drauf ist. Oder dass man in der Öffentlichkeit eher keine Schimpfwörter benutzt, und auch nicht rülpst. Wenn man auf Toilette ist, macht man die Tür zu. Im Restaurant stellt man die Ellenbogen nicht auf dem Tisch.

Mit solchen Regeln könnten Kinder anecken, wenn sie zu Hause zum Beispiel Schimpfwörter benutzen dürfen. Oder die Ellenbogen egal sind, oder gerülpst werden darf nach Lust und Laune, und dann Gäste eingeladen sind, oder man sich in die Öffentlichkeit begibt. Es ist daher verständlich, dass wir unseren Kindern entsprechende Informationen weitergeben möchten.

Ich rede durchaus mit meiner Tochter darüber, wie es außerhalb der Familie abläuft. Wir erklären ihr die Regeln, die sich draußen abspielen, und das nicht immer nur erst dann, wenn sie bereits damit kollidiert ist. Manchmal kann man letzteres nicht vermeiden – im Erziehungsverhältnis aber übrigens auch nicht, und laut meinen Beobachtungen kollideren erzogene Kinder sehr häufig mit den Regeln der Gesellschaft, viel häufiger, als es bei meiner Tochter der Fall zu sein scheint (ich kann es aber nicht 100%ig sagen, da ich nicht Buch geführt habe).

Ich glaube der Grund dafür ist, dass sie zu Hause so viele willkürliche und/oder aus ihrer Sicht unverständliche und/oder von oben aufgedrückte Regeln kennen, und sie sich dadurch so eingeschränkt fühlen, dass sie einfach gegen jede Art von Einschränkung sind. So sehr darauf konzentriert, nicht mehr eingeengt zu werden, dass sie gar nicht mehr unterscheiden können, welche Regeln vielleicht doch sinnvoll und beachtenswert sind.

Es ist meiner Meinung nach wirklich wichtig, die Kinder dabei zu unterstützen, mit ihrer Umwelt klar zu kommen. Natürlich lassen wir sie nicht dabei alleine! Wir nerven aber auch nicht mit solchen Informationen, und wir bereiten sie nicht mit Extra-Übungen auf das Leben “da draußen” vor, sondern sprechen darüber, wenn es sich eben ergibt, z.B. wenn man direkt gefragt wird oder wenn es einem einfach gerade einfällt. Erfahrungsgemäß braucht man aber nicht in Eigeninitiative unterstützen, da Kinder sowieso von selbst um Rat fragen, wenn sie nicht mehr weiter kommen.

So was kann passieren, wenn man selbst aktiv unterstützen will: Als meine Tochter neulich spontan entschied, bei ihrer Freundin zu übernachten, bestellte ich sie in ein abschließbares Zimmer und flüsterte ihr zu “Aber du weißt, hier gelten andere Regeln, als bei uns zu Hause. Wenn die Mama deiner Freundin sagt, es ist Bettzeit, dann ist Bettzeit und so–” – ”Jajajajajajaja….ich weiß schon, ich weiß schon” :) Sie wusste es schon ganz genau! Aber da war selbst ich unsicher, ob sie nicht doch einer kleinen Erinnerung bedurfte – ... da habe ich sie wohl doch Mal genervt.

Direkte Fragen kommen übrigens sehr häufig, was ja auch klar ist, weil die Kinder die Welt beobachten und sehen, dass es z.T. sehr anders sein kann und sich dann natürlich fragen, wieso das so ist.

Wenn solche Gespräche ganz natürlich entstanden sind, aus der Neugier des Kindes heraus, oder aus einer aktuellen Situation, wenn es also Sinn ergibt, wird die Information meiner Erfahrung nach gut gespeichert und entsprechend auch angewendet.

Themen und Fragen über gesellschaftliche Regeln, die wir so im Laufe der Zeit besprochen haben:

  • Wieso erzählt mir die Zahnarzthelferin eine Lüge?
  • Die Schulregel, dass man falsch geschriebene Wörter mit Bleistift durchstreichen muss, anstatt einfach mit dem Füller, den man bereits in der Hand hat.
  • Wieso muss man in die Schule?
  • Wieso reden Ärzte über ihre Kinder mit den Eltern und nicht mit den Kindern?
  • Wieso gibt es Gesetze?
  • Warum kann man nicht (so einfach) mit Frau Merkel persönlich sprechen?
  • Schimpfwörter bitte nur zu Hause sagen.
  • Wem man was anvertrauen kann.
  • Welche “Regeln” Freundschaft mitbringen.
  • Laut rülpsen – nicht in der Öffentlichkeit.
  • Wieso ist dir X peinlich?
  • Wieso traust du dich nicht, Y zu sagen?
  • Was man als Kind für Leute ansprechen sollte, wenn man Hilfe braucht.
  • Wieso kannst du ihm/ihr das nicht einfach sagen?
  • Wieso schmeissen Menschen Müll auf dem Boden?
  • Wieso sollte man den Papierkorb benutzen?
  • Die Notwendigkeit von Fahrschulen.
  • Warum manche Lehrer so streng sind.
  • Wofür Hausaufgaben gedacht sind.
  • ...

    Vielleicht habt ihr Lust, mit Beispielen oder Erfahrungsberichten zu ergänzen? Fallen euch noch mehr solcher Themen oder Fragen ein, die von ganz allein im Alltag entstanden sind?

„Na viel Spaß bei diesem Experiment!“

Johanna, 09.11.2006

Ich sehe da nicht als “Experiment” :) Oder wenn, dann machen alle Eltern ein “Experiment” mit ihren Kindern. Keiner weiß, was dabei rauskommt. Es gibt keine Garantien, auch nicht für Erziehung!

Was Eltern gleichberechtigter Kinder machen (bzw. nicht machen), tun sie aus ethischen Gründen und weil es ihnen einleuchtet, dass man Kindern zu nichts zwingen darf. Nur verantwortungsvoll begleiten können wir.

Wir tun das nicht, “um herauszufinden, ob so was klappen kann” (was für mich die Essenz des “Experiments” wäre). In diesem “Klappen” wäre auch enthalten, dass man eine gewisse Erwartungshaltung hat, dass das Kind so oder so wird. Gerade darum geht es eben nicht :)

Glaubwürdigkeit und Vertrauen

Johanna, 07.11.2006

Glaubt ihr, dass unsere [erzogenen] Kinder total nach einem enggestrickten Protokoll leben, nur weil wir am Tisch und nicht vor dem TV essen? Nur weil unsere Kinder eben gleichmaessig ins Bett gehen um gleichmaessig aufzustehen?

Nein, wir glauben nur, dass ihr an Glaubwürdigkeit verliert, wenn ihr bei bestimmten Sachen sagt: “es geht so nicht”, “es muss so und so sein”, “das macht man so”, “wenn du x machst, passiert y”, “wenn du x machst, kriegst du 1 Punkt und bei 10 Punkten kriegst du Y” etc., somit euer Vertrauensverhältnis gestört wird und ihr immer mehr Erziehung braucht, um trotzdem akzeptables Verhalten seitens des Kindes hervorzurufen. Erziehung bis hin zu Zwang – für uns völlig inakzeptabel wegen der Menschrechte, die für uns auch für Kinder gelten.

Es geht bei Gleichberechtigung in Eltern-Kind-Beziehungen zwar nicht nur um Vertrauen, aber ein großer Bestandteil davon ist Vertrauen. Wenn das Kind wahrhaftig vertraut, dann macht es bestimmte Dinge auch einfach so, weil es von Geburt an sozial ist und sich an unserer Kultur beteiligen will – etwa den TV-Konsum regulieren, am Erwachsenentisch mitessen wollen, Geld in Maßen ausgeben, Zähneputzen, vernünftig ins Bett gehen etc etc. Wenn das Vertrauen gebrochen wird, oder das Vertrauen seitens der Eltern einfach von vorne rein nicht richtig da ist (“du würdest bestimmt eh nicht Zähne putzen, daher zwinge/manipuliere ich dich”), dann kann das natürlich nicht funktionieren.

Unerzogen Magazin