Was ist Unschooling?

Johanna, 07.10.2006

Von Joyce Fetteroll

Obwohl es die einfachste Sache der Welt ist, da es Kinder von Geburt an können, ist selbstbestimmtes Lernen ohne Schule (Unschooling) sehr sehr schwer zu erklären, weil man versucht, die Wörter an das Bild anzupassen, das man vom Lernen hat.

Die meisten von uns haben die Vorstellung, es gäbe einen Grundstock an Wissen, den man lernen muss.

Die meisten von uns haben einen Prozess durchgemacht (Schule), bei dem uns dieser Grundstock aufgezwungen wurde, und für die meisten von uns war das hart und/oder langweilig. Zumindest wissen wir, dass es 12 Jahre Engagement bedeutet hat, also wissen wir, dass es nicht einfach ist, diesen Grundstock an Wissen zu erlangen.

Die meisten von uns haben eine gewisse Vorstellung darüber, wie dieser Grundstock an Wissen an den Mann gebracht werden muss: Lehrer, Hausaufgaben, Drill/Übungen, Vorlesungen, Tests, Noten…

Wenn jemand Unschooling als die Abwesenheit jener Methoden beschreibt, dann klingt es nach Vernachlässigung, weil wir alle “wissen”, dass das alles wahr und notwendig ist.

Aber Unschooler, ohne dies, gehen tatsächlich studieren oder kriegen direkt sie persönlich erfüllende Arbeitsstellen. Und dies ohne all jenes, was angeblich unvermeidlich ist, um das “Notwendige” zu erlernen.

Also was ist Unschooling? Es ist Lernen durch Leben. Es ist ein erfülltes, neugieriges, freies Leben leben mit Eltern, die ihre Kinder unterstützen, sie ermutigen und ihnen helfen, das zu tun, was sie interessiert (und dabei Möglichkeiten zugänglich machen, um ihre Interessen zu erweitern).

Bei unbeschulten Kindern geschieht das Lernen als ein Nebeneffekt von “einfach machen”. Kein Kind muss wissen, wie man Nägel perfekt einhämmert, bevor es etwas aus reiner Freude an der Sache bauen kann. Sie hämmern. Die Art und Weise, wie der Nagel in das Holz eindringt, gibt ihnen Feedback über ihren Fortschritt – sie passen sich eventuell an, nehmen Ratschläge an (wenn sie nützlich erscheinen) und finden heraus, wie sie es eventuell besser machen können. Als ein Nebeneffekt davon, etwas zu tun, was sie gerne tun wollen (etwa ein Vogelhaus zu bauen oder einfach einen Holzklotz mit Nägeln voll zu hämmern), werden ihre – die gebrauchten – Fähigkeiten besser.

Es ist unheimlich schwer zu begreifen, wie ein Kind, das nur Video-, Brett- und Kartenspiele spielt, Geld spart und ausgibt, mit Grafik-Software spielt und mit seinen Eltern einkaufen geht und kochen hilft, das benötigte Wissen an Mathematik erlernen soll. Aber sie tun es.

Werden sie die selben Fähigkeiten erlangen wie Kinder in der Schule? Nein. Sie werden schwächer in manchen Bereichen und stärker in anderen sein.[1] Werden diese Unterschiede schädlich sein? Nein, sogar hilfreich! Denn unbeschulte Kinder werden ein tieferes, grundlegenderes Verständnis darüber haben, wie Zahlen funktionieren, in welchem Kontext verschiedene Konzepte verwendet werden und warum. Was ihnen oft fehlt, ist das Wissen darüber, wie man diese Konzepte auf Papier bringt (formelle Notation). Und das, finden sie, ist einfach zu erlangen. Es braucht nur einige Minuten, ihnen zu zeigen, wie man aufschreibt, was sie bereits zutiefst begreifen.

Es sind eher die Schulkinder, die stark beeinträchtigt sind. Sie versuchen, die Notationen von Konzepten zu verstehen, die sie kaum begreifen. Dies ist für die meisten hart. Und es bewirkt, dass sie sich von diesen Konzepten im wirklichen Leben entfernen, weil sie sie an ihre Angstgefühle und Leistungsverschlechterung in der Schule erinnern. Man hofft, dass man durch genügend häufiges Wiederholen der formellen Notation ein Verständnis für Zahlen entwickelt. Doch es misslingt so oft. (Wie viele Menschen habe Angst vor Mathe, die diesen Prozess durchgemacht haben?)

Übrigens war ich in der Schule sehr gut in Mathe und habe irgendwann
meinen Abschluss in Ingenieurwissenschaften gemacht. Das Konzept, all diese Jahre Mathematik durch Videospiele & Co. zu erlangen, war für mich haaresträubend. Und doch hat meine Tochter mit 13 entschieden, aus Spaß am Statistikkurs ihres Vaters am College teilzunehmen. Und hatte immer die besten Zensuren der Klasse. Mit 15 nimmt sie nun an ihrem 5. Mathekurs am College teil (der erste, der nicht von ihrem Vater gegeben wird) – wieder einfach aus Spaß. Und ehrlich, sie ist kein Mathegenie! Sie ist einfach eine normale Jugendliche, die überwiegend gerne schreibt, malt und so-tun-als-ob spielt. Sie hat weder nachts heimlich mit Taschenlampe unter einer Bettdecke Mathepuzzles gemacht noch schlug sie ihren Vater ständig im Schach ;) Was sie aber durch Leben lernen gewonnen hat, ist ein grundlegendes Verständnis darüber, wie Zahlen funktionieren. Und die Freiheit von der Zahlen- und Matheangst!

Ich sollte außerdem erwähnen, dass das Ziel von Unschooling weder gute Noten sind noch mit 13 Collegekurse zu belegen. Es ist, die eigenen Interessen zu befolgen, dabei Spaß zu haben und eine freudvolle Kindheit zu haben.

Das ist jedenfalls Unschooling in Kürze erklärt. Sollte das alles sehr merkwürdig klingen, so ist das vom Standpunkt aus, schulisch zu lernen sei notwendig, durchaus normal – es sollte merkwürdig klingen! Wenn man Unschooling mit ein paar Wörtern so erklären könnte, dass jeder wirklich versteht, worum es geht und warum es funktioniert, bräuchten wir keine Unschooling Mailinglisten, um Menschen zu helfen! ;)

Joyce

1 Und trifft das nicht auch auf ganz normale Schulkinder zu? Manche sind stärker in einigen Bereichen, manche in anderen. Das meiste meines Schulwissens war schon 3 Minuten nach den jeweiligen Klausuren weg ;) ~Johanna

Dieser Text war eine Antwort von Joyce Fetteroll aus der englischen Mailinglist UnschoolingBasics, übersetzt aus dem Englischen mit Genehmigung.

13 Kommentare zu “Was ist Unschooling?”

Unerzogen…

Grade hab ich ein sehr gutes Blog zum Thema Nicht-Erziehung/”Unschooling” gefunden: Unerzogen! Schaut mal rein, es lohnt sich :). Hier z. B. die Definition von Unshooling:
Also was ist Unschooling? Es ist Lernen durch Leben. Es ist ein erfülltes…

Meine Damen und Herren,
ich bin entsetzt und ich kann nur hoffen, dass das alles nur ein Witz ist und so wenige Eltern wie möglich diesen Rat annehmen. Wie soll ein Kind, das in eine Wissensgesellschaft hineingeboren wird, nur durch “selbermachen” das nötige Wissen erlangen, um sich im Leben, in dem dieses Wissen verlangt wird, zurecht zu finden? Ein Kind kann nicht durch “selbermachen” das nötige Wissen an Mathematik (Mathematik ist nicht Backe backe Kuchen!), Biologie und Geschichte erlernen. Dem sind Grenzen in Zeit und Intelligenz gesetzt. Wofür gibt es denn Forschung, die Wissen abwirft, das für die Gesellschaft von Nutzen ist? Die Medizin abwirft, mit denen Sie Ihre Kinder heilen können und ohne die Ihr Nachwuchs vermutlich nicht überlebt hätte?

Seien Sie nicht dumm.

Richtig, liebe Eltern…..seien Sie nicht dumm…..verinnerlichen Sie alles aus dem Artikel von Joyce Fetteroll über Unschooling und Ihre Kinder werden glückliche, aufrechte und wissende Menschen.
Ich habe sooft mit Ignoranten wie meinem Vorschreiber zu tun..es ist zu Haare raufen…....nee…meine Energie ist mir zu schade.

Es ist KEIN Kavaliersdelikt, sein Kind der Schule zu entziehen, es ist eine Straftat. Eltern die das ohne triftigen Grund tun (und Ihre kranke Ideologie ist nunmal kein triftiger Grund) gehört auf jeden Fall das Sorgerecht entzogen.

In der BRD ist es in manchen Bundesländern eine Straftat und in anderen Bundesländern eine Ordnungswidrigkeit, sein Kind aus Gründen, die der Gesetzgeber nicht akzeptiert, “der Schule zu entziehen”, was eine Formulierung. Solcherlei Gesetzgebung sagt nichts darüber aus, ob andere Meinungungen ideologisch sind und/oder krank. Nicht einmal dt. Gerichte (und auch nicht alle Schulämter oder hinzugezogene Jugendämter) urteilen so pauschal, wie Sie das hier tun, Gerhild.

Ja richtig, Till
Wir leben in einer Wissensgesellschaft. In einer Gesellschaft, die so nicht gekommen wäre, wenn wir nicht irgendwann aufgehört hätten, in unsere natürlichen Fähigkeiten zu vertrauen. Aber das ist wieder ein anderes Thema. Nun ist die Welt wie sie ist, voll mit explodierenden Beständen an Wissen, die ebenso schnell verfallen wie sie entstanden sind. Ungünstigerweise ist die Schule keineswegs genauso schnell im Bereinigen und Aktualisieren ihrer Curricula…Was nützt es in einer unbeständigen Welt Inhalte zu lernen, die entweder keiner mehr braucht oder die im schlimmsten Falle wider die menschliche Natur eingesetzt werden, wie z.B. die achso bewundernswerte Schulmedizin, die uns weis macht, wir bräuchten Aspirin obwohl wir Nährstoffe brauchen oder dass man mit Ultraschall die Schwangerschaft sicherer gestalten kann (um nur einige Beispiele zu nennen)…??? Zudem ist es ein Ammenmärchen zu glauben, man könne überhaupt irgendetwas tatsächlich lernen (d.h. danach auch anwenden), wenn man es nicht selbst gemacht hat. Was die Schule produziert, sind träge unreflektierte Wissensbestände, was das Leben produziert, ist anwendbares flexibles Wissen. Wo sind wir nur hingeraten in dieser Gesellschaft, die nicht in die Natur des Menschen vertraut und stattdessen dazu neigt diese zu disziplinieren oder zu optimieren und nun beständig damit beschäftigt ist, die dadurch entstandenen Fehlentwicklungen erneut zu disziplinieren…Aus diesem Grund halte ich ein alleiniges Unschooling durch elterliche Betreuung kaum noch für möglich, denn wie viele Eltern sind Opfer dieser Disziplinierungen geworden, sind aufgrund des schoolings frustiert, demotiviert, weit entfernt von ihrer natürlichen Gabe, zu lernen – alles in allem unglücklich.

Gerhild,
nein, es ist eher umgekehrt, Eltern die es dem Staat ueberlassen Ihre Kinder zu erziehen entziehen sich Ihrer gottgegebenen Verantwortung. Unsere moralische Verantwortung unseren Kindern gegenueber ist wichtiger als unsere legale Verantwortung gegenueber dem Staat. Wenn der Staat in Deutschland entscheidet was fuer unsere Kinder richtig ist und Menschenrechte werden verletzt haben wir von der Nazizeit leider nicht viel gelernt.

Leider ist es so wie Andre Stern es sagt, es ist wie Ketzerei wenn man etwas so altes und ja auch harterkämpftes wie die Schule für alle, in Frage stellt. Allerdings entwickeln wir uns ja nicht zurück sondern nach vorn und grade in Erziehungsfragen steckt doch alles noch in den “Kinderschuhen”. Ich habe oft bemerkt das die Freude Schule machen soll immer früher ausbleibt und die Bildung die sie verbreiten soll nicht passiert. Ich habe dann das Buch von Andre Stern ”...und ich war nie in der Schule”: Geschichte eines glücklichen Kindes gelesen und war tief berührt. Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, vor allem denen die es sich nicht vorstellen können. Es ist sicher kein Weg den alle beschreiten können oder sollten. Aber Eltern die, die Kraft, den Glauben und das Vertrauen haben um diesen Weg zu gehen, die sollten es doch dürfen dürfen. Also lieber Till und liebe Gerhild öffnet euer Herz und glaubt an uns die nach neuen Wegen suchen und liebe Nicole, Sumpffuss, Marie und Birgit rauft euch nicht haare sondern macht weiter so, es werden immer mehr.

”....rauft euch nicht haare sondern macht weiter so, es werden immer mehr.”

Und es zieht auch größere Kreise. :) In der Zeitschrift Erziehungskunst Ausgabe 11/2010 gefunden: Kolumne von Henning Köhler, Mit Blaulicht zur Schule

”...Vor 40 Jahren wurde Pater Ivan Illich mit seiner Forderung Entschulung der Gesellschaft (Buchtitel) berühmt. Heute erleben wir einen beklemmenden Trend zur totalen Verschulung des Lebens der Kinder. Wie sich die Zeiten ändern. Doch langsam formiert sich wieder eine Gegenbewegung. Literatur für Interessierte: Andre´Stern: ...und ich war nie in der Schule. Geschichte eines glücklichen Kindes. [Johannnes Heimrath (Hrsg.): Die Entfesselung der Kreativität. Das Menschenrecht auf Schulverweigerung.] Klein aber fein: die Zeitschrift unerzogen

Ich wünsche allen eine friedliche Weihnachtszeit.

Heike

@Gerhild und Gleichdenkende

In anderen europäischen Ländern ist e keine Straftat und auch keine Ordnungswidrigkeit für dieBildung seines kindes selbst zu sorgen. Und diese Länder sind die großen Gewinner der PISA-Studien:
Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland…...

Es gibt sehr viele Kinder, die unter dem Zwang die Institution Schule zu besuchen stark leiden, psychosomatische Beschwerden und Depressionen bekommen und dort gar nicht die Kraft mehr haben überhaupt etwas zu lernen!

Es gibt nict DEN einen richtigen Weg! Für meine Tochter war die staatliche Schule wunderbar; sie ist mit Freude und Fleiß dahingegangen und steht nun ehrgeizig vor ihrem Abitur.
Meinen Sohn hat die staatliche Schule fast kaputt gemacht: Depressionen mit 8!!!! Autoaggressionen, Minderwertigkeitgefühle, Mobbing und so weiter;
Seit er da raus ist, blüht er auf, hat Spaß am Lernen bekommen, baut Selbstbewusstsein auf!
Nach dem Thema Homeschooling beschäftige ich mich nun auch mit Unschooling.
Ich bin offen und werde den besten Weg für meinen Sohn finden.

Ein bischen Vertrauen in die Liebe und die Fürsorge der Eltern, das fehlt uns hier in Deutschland!
Und ein bischen Toleranz für andere Meinungen, unbekannte Methoden….

Hallo an alle!

Ich habe mir das Thema durchgelesen und vor einiger Zeit eine Amerikanerin kennenlernen dürfen, die genau das mit ihren Kindern praktiziert. Diese Kinder sind weder verlaust, noch asozial, noch dumm – sie bringen alles mit, was ein Kind an sozialen Fähigkeiten mitbringen sollte. Ihre Begeisterung zu lernen ist wesentlich höher als die meiner 9jährigen Nichte, der die Schule jetzt schon auf die Nerven geht.

Mein Kind ist noch nicht auf der Welt, aber ich informiere mich jetzt schon darüber was ich tun kann, dass es nicht den Zwang dieser krankgemachten Gesellschaft unterliegen wird. Es mag sein, dass das ein oder andere Kind gerne zur Schule geht, dann sollte das auch in Ordnung sein – ich bin jedoch durch den Druck krank geworden. Wir leben in einer Demokratie und für mich heißt das, dass jeder Einzelne so handeln sollte wie es für sie/ihn gut ist ohne jemand anderen zu verletzen. Verletze ich mein Kind, wenn es nicht in die Schule geht bzw. ich ihm die Entscheidung selbst überlasse?

So langsam sollten wir aufwachen, denn der deutsche Staat wird immer mehr zu einer Diktatur ausgebaut. Wo haben wir denn noch Rechte? Schulpflicht gibt es schon ewig, da kann ich nichts mehr zu sagen, aber was war mit dem Euro – heute regen sich die Leute deutschlandweit auf, dass der Euro alles kaputt gemacht hätte und dass wir nicht gefragt wurden. Weshalb wehren wir uns nicht? Weshalb gehen wir nicht auf die Straßen demonstrieren, weshalb sammeln wir keine Unterschriften?

Ich respektiere jede Meinung und ich respektiere auch das Handeln aller – auch wenn es mir manchmal schwer fällt, weil ich es nicht verstehe. Genau das will ich auch von anderen Menschen! Ich verlange, dass meine Meinung und mein Handeln mit Respekt und Achtung gehandhabt wird und nicht durch irgend ein blödes Gesetz meine Würde zunichte macht!

Ich wünsche allen nur das Beste und folgt euerm Gefühl, dann ist alles im Lot!

Schon lustig, dass ausgerechnet das Ergebnis beim PISA-Test belegen soll, dass Unschooling die bessere Alternative ist!

Selten so gelacht!

sorry, hab mich vorhin verschrieben:
unter Fazit soll es natürlich heissen: ...bedeutet keine vermehrung von geld (und nicht von kind)
danke
annette

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