Was ist Freiheit?

Johanna, 26.11.2006

Um freie Entscheidungen treffen und unsere Freiheit wirklich nutzen zu können, müssen wir uns über die Folgen unseres Handeln im Klaren sein und die Folgen unseres Tuns im vollen Umfang begreifen.

Es ist also nur eine “Scheinfreiheit”, wenn das Kind “frei” entscheidet, weil es viele der Folgen nicht abschätzen kann und daher tut man dem Kind quasi einen Gefallen, wenn man eingreift und für es entscheidet.

Das Kind ist also sowieso nicht frei, Erziehung ist also auch keine “Einschränkung” (wenn keine Freiheit, dann gibts auch nichts einzuschränken). Ergo kann man reinen Gewissens weiter erziehen, ist ja keine Einschränkung, die Kinder sind ja eh nicht frei, man tut ihnen sogar einen Gefallen.

Antwort von Martin Wilke:

Demnach ist praktisch kein Menschen frei, auch die Eltern nicht. Denn auch sie können die Folgen ihres Handelns nicht völlig überblicken, was ja gerade bei der ganzen Frage der Erziehung besonders deutlich wird.

Ich finde das Argument auch gefährlich, weil es zur Legitimierung von Herrschaft dient und das Kind daran hindert, eigene Erfahrungen und eigene Fehler zu machen.

Da auch die Eltern sich irren können, wer gibt ihnen dann das Recht, darüber zu entscheiden, wie andere (ihre Kinder) zu leben haben?

Antwort von Martin Wilke aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht.

Antwort von Benni Baermann:

Interessantes Thema. Ein paar Anmerkungen dazu:

  • Die Unterdrücker aller Länder und Zeiten haben immer behauptet, dass es nur zum Wohle der Unterdrückten sei, dass sie unterdrückt werden, weil sie ja zu unwissend/unbeherscht/whatever seien. Das wurde den Sklaven und den Leibeigenen genauso vorgehalten wie den Frauen und den Arbeitern.
  • Kein Mensch kann die Folgen seines Handelns in vollem Umfang vorraussehen. Im Gegenteil macht es gerade die Stärke menschlichen Handelns aus, dass es ohne volle Informiertheit zu halbwegs tragfähigen Schlüssen kommt.
  • Das Ziel von Lernen sollte demnach auch nicht sein, erst dann zu handeln, wenn man meint alle Folgen abschätzen zu können, sondern dann, wenn man bereit ist die Folgen zu tragen. Nur wer Fehler machen kann, kann lernen.
  • Man wird immer Extrembeispiele finden in denen es offensichtlich ist (oder für manche auch nur zu sein scheint), dass Kinder die Folgen ihres Handelns noch in keiner Weise einschätzen können. Hier auf der Liste hatten wir diese Themen ja auch schon wiederholt (Strassenverkehr, mit Kacke spielen, Zähneputzen, ...). Es macht für mich Sinn sich mit diesen Extremfälen auseinaderzusetzen aus der Perspektive [gleichberechtigter Elter-Kind-Beziehungen]. Keinen Sinn macht es für mich aus diesen Extremfällen Regeln für das generelle alltägliche Zusammensein mit Kindern abzuleiten.

    Antwort von Benni Baermann aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht

    Antwort von Jacob:

  • Kann den eine Erwachsene immer abschätzen, daß sie nicht mit dem Flugzeug abstürzt, wenn sie einen Flug von London nach Kairo unternimmt?
  • Kann sie abschätzen, nicht entführt im Pentagon zu landen, wenn sie einen
  • Flieger benutzt?
  • Kann sie den immer abschätzen, dass sie nicht vom Laster überfahren wird, wenn sie vom Bürgersteig auf die Straße tritt?
  • Kann sie immer abschätzen, nicht von einer Bombe zerfetzt zu werden, wenn sie in London mit der U-Bahn fährt?
  • Kann sie immer abschätzen, dass sie kein Aids bekommt, wenn sie mit einem Bekannten Sex hat?
  • Kann jede Erwachsene abschätzen, dass sie nicht Opfer einer Springflutt wird, wenn sie an den Strand geht oder ins Watt hinausläuft?

    Die Folgen einer Handlung können auch Erwachsene nicht abschätzen, da die Zukunft offen und noch nicht festgelegt ist. Es ist eine Lüge, dies – mal von ganz eng eingegrenzten Bereichen abgesehen – überhaupt zu können.

    Kein Autofahrer kann im Vorwege abschätzen, dass es dieses Mal zu keinem Unfall kommt, dass die Radmuttern der Reifen sich diesmal nicht lösen und die Reifen deshalb nicht bei 120 km/h auf der Autobahn plötzlich überholen, selbst dann nicht, wenn er sie vor der Fahrt kontrolliert hat. Wir alle können nur Wahrscheinlichkeiten abschätzen, die Folge unserer Handlungen sein können, mehr nicht.

    Antwort von Jacob aus der Mailingliste Unerzogen. Veröffentlicht mit Genehmigung.

    Jedenfalls, ich habe das Kapitel “Freiheit” [aus einem Kinderbuch] gelesen und so, und da war das Bsp., dass ein Kind nur Malen will und daher mit der Schule aufhören möchte. Da stand natürlich, dass man aber als Kind die Tragweite seiner Entscheidungen nicht abschätzen kann (z.B. dass man später vielleicht kein Maler mehr werden möchte).

    Antwort von Lisa:

    Ich verstehe das so, dass der Autor damit meint, das Kind könnte den “schulischen Anschluss” verlieren, was dann dazu führt, dass es als Jugendlicher keinen Schulabschluss bekommt, keine Lehre/kein Studium machen kann, keine Arbeit findet, also kein Geld verdienen kann, und schlimmstenfalls “unter der Brücke” landet.

  • Ist einem Erwachsenen bewusst, welche Folgen es hat, in die Schule zu gehen? * Wieviele Menschen, die selbstbestimmt gelernt haben, kennt dieser Erwachsene?
  • Was bedeutet es für einen Menschen, wenn ihm von Kindesbeinen an systematisch abgewöhnt wird, nach seinem Rhythmus und seinem inneren Lernplan zu lernen?
  • Wieviel Bewusstsein für effektives Lernen haben konventionell beschulte Erwachsene?
  • Wieviele Erwachsene wissen, dass man bei der Volkshochschule Vorbereitungskurse für Schulabschlüsse machen kann (wenn ich mich recht erinnere, dauern die 1-2 Jahre statt 10 (!!!) Schuljahre), und dass man “Fremdenprüfungen” ablegen kann?
  • Welcher Erwachsene weiss besser als das Kind selbst, was es jetzt in diesem Moment am effektivsten lernen kann, was jetzt am wichtigsten ist?
  • Wem ist bewusst, wie wichtig es ist, welche innere Haltung zum Lernen man über die Jahre erhält und entwickelt?

    Antwort von Lisa aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht.

    Antwort von Yasemin Weidemeier:

    Zum Thema Schule kann ich da auch ein Beispiel von hervorragander Entscheidungsfähigkeit meiner Tochter erzählen, die für mich als die Folgen des Handelns abschätzen könnende Mutter völlig unsinnig war.

    Meine Tochter hat sich in der Grundschule schon in der dritten Klasse eher mittelmässig durch die Schule geschlagen, und das wurde in der vierten Klasse immer schlimmer, nachdem sie auch noch eine Ersatzlehrerin bekam, die meine Tochter zwar ganz gerne mochte (sie ist sehr schlampig und die Lehrerin hatte Verständnis dafür, weil sie wohl auch nicht sehr ordentlich ist), und kurz vor den Zwischenzeugnissen hat meine Tochter ihrer Lehrerin, ohne mit mir gesprochen zu haben, mitgeteilt, dass sie die Schule wechseln wird. Danach hat sie mir mitgeteilt, dass sie an eine andere Schule gehen will und in welche.

    Ich habe alle meine Argumente gegen diesen Quatsch angebracht, die mir völlig logisch erschienen: dass sie ja dann die Kinder nicht kennt, dass die neue Lehrerin vielleicht mit ihrem Chaos nicht klar kommt, usw…

    Sie hat gesagt, sie will trotzdem nicht mehr in ihre alte Schule gehen; sie wird die anderen kinder kennen lernen, und wenn ihre Lehrerin will, das sie ordentlicher ist, dann wird sie das halt machen.

    Na gut, dann bin ich, entgegen meiner eigenen Überzeugung, zum Direktor der Schule gegangen, habe die Lage erzählt usw., er meinte wir wollten wegen dem Übertrittszeugnis tricksen oder so, aber ich konnte ihm glaubhaft machen, dass es nur der Wunsch meiner Tochter ist, und nichts mit Übertritt zu tun hat.

    Sie ist in die neue Schule und ihre Noten haben sich innerhalb von einem Monat um eine Note, und bis zum ende des Schuljahres um zwei Noten gebessert.

    Besser hätte sie nicht entscheiden können.

    Ich glaube, dass Kinder immer über sich entscheiden können. Und zwar, wenn es etwas ist, was sie abschätzen können, wie ist mir zu kalt draussen, habe ich hunger oder bin müde – sowas entscheiden sie tatsächlich frei.

    Ist es etwas, was sie meinen, nicht abschätzen zu können, dann werden sie aus freien Stücken die Eltern, die die tatsächliche Autorität zu dem Thema haben, befragen und dann mit Wissen der Folgen frei eintscheiden können. Mit Autorität meine ich die Kompetenz und das Wissen der Eltern.

    Zu dem ‘Spät ins Bett gehen und deshalb übermüdet sein und schlechte schulische Leistungen haben’: Kinder wissen immer, wann sie müde sind, wenn man sie nicht dazu zwingt ins Bett zu gehen. Meine Kinder haben von Anfang an immer von sich aus gesagt, wenn sie müde waren und schlafen wollten, und das schon als Baby. Bei einigen war es zu früherer Uhrzeit und bei einigen ist es später, so wie sie es halt für sich brauchten.

    Und wenn sie tatsächlich Mal, so wie es meine Tochter (12) gestern gemacht hat, weil ihre Freundin bei uns übernachtet hat, bis halb eins aufgeblieben sind, dann ist der Schlaf halt Mal eine Nacht kürzer, das holen sie dann in der nächsten Nacht wieder auf, oder sie verschlafen und wissen es beim nächsten Mal auch.

    Es gibt kaum etwas, was Kinder nicht wirklich frei entscheiden können, weil sie die Folgen nicht abschätzen können, aber wie schon gesagt, bei den Themen werden sie entweder fragen oder aber den Rat der Eltern annehmen, oder zumindest anhören, weil sie wissen, dass man ihnen nicht willkürlich was erzählt.

    Antwort von Yasemin Weidemeier aus der Mailingliste Unerzogen. Veröffentlicht mit Genehmigung.

15 Kommentare zu “Was ist Freiheit?”

Der Grad Deiner Freiheit bestimmt das Mass Deiner Verantwortung. Begegne dieser Verantwortung mit Herz und Verstand

ein Lebensmotto. Und daraus ergibt sich, dass Kinder in der Tat nicht frei sein koennen, wenn sie nicht in der Lage sind die (naechsten und ihre direkte Umwelt betreffenden) Folgen ihres Handelns zu ueberblicken. Freiheit gibt es stets nur im Zusammenhang mit der daraus resultierenden Verantwortung. Wer sich Freiheit einfach herausnimmt ohne seine Verantwortung wahrzunehmen, unterdrueckt seine Mitmenschen und schadet ihnen, letztendlich schadet er damit auch sich selbst.

Schoene Gruesse,

Susanne

Liebe Susanne,

ergibt sich für dich daraus dann auch, dass man Kindern also grundsätzlich die Freiheit entsagen sollte, weil sie (angeblich) eh keine Verantwortung für die Konsequenzen ihrer “sich herausgenommenen” Freiheit übernehmen können? Ich weiß gerade nicht recht, worauf du hinaus willst.

Gruß
Johanna

Niemand kann wirklich die Folgen seiner Handlungen im vollen Umfang erkennen. Dafür fehlt es dem Menschen an Verständnis für die Dinge und Personen um ihn herum. Alles was man machen kann, ist zu versuchen die Freiheit des Einzelnen so zu fördern das dieser nicht die Freiheiten anderer verletzt.

Wenn ein Kind frei handelt, probiert es aus was funktioniert – der Mensch, auch das Kind, ist leider auf dieser Welt auch nur ein Tier mit einem entsprechend natürlichen Trieb: Rudelverhalten, Wunsch nach Führungsposition. Frei handeln die die anderen weh tun, frei nach dem Motto; Das Recht des Stärkeren.

Man muss den Menschen irgendwie dahinbringen das er den Wert des eigenen und des anderen Lebens und der unversehrtheit der Integrität schätzen lernt, und das funktioniert leider nur indem man einige Freiheiten beschneidet – Beispielsweise indem man dazwischen geht wenn der Stärkere auf den Schwächeren einschlägt. Ansonsten ist der Schwächere nämlich alles, nur nicht Frei. Gesellschaftliches Zusammenleben erfordert nun einmal von jedem gewisse Opfer in seiner Freiheit, so unschön das klingen mag.

Ich war eben mit dem Bus unterwegs und ein Rudel Kinder/Jugendliche stieg, schreiend, pöbelnd und krach schlagend, ein – eine Frau mit Kinderwagen stieg aus, bzw. sie wollte. Die lieben Kleinen gaben ihr nicht einmal die Chance auszusteigen. hmm, was blieb mir übrig als zu helfen … was dummerweise zur Folge hatte das ein paar Kids ihrerseits wieder ausstiegen…

Hallo Ingo,

ich schätze mal, das liegt daran, dass diesen Jugendlichen nie die Gelegenheit gegeben wurde, selbst zu entscheiden, sondern sie gegängelt/bevormundet wurden. ‘Das ist besser für Dich …’ ‘glaub’ mir, ich hab’ ein paar Jahre mehr auf dem Buckel …’ sind noch die netteren Varianten der gängigen Sprüche, die sich fast jedes Kind anhören muss.

Ich behaupte, es ist nicht nötig, selbstbestimmt aufgewachsenen Kindern, die Vertrauen in ihre Entscheidungen erfahren, denen liebevolle Erwachsene als authentische Personen zur Seite stehen (und nicht in der ‘gespielten’ Rolle des Erziehers und Besserwissers) irgendwohin zu ‘bringen’. Sie schätzen aus eigener Erfahrung den Wert des eigenen und fremden Lebens, weil SIE wertgeschätzt wurden.

Gruß,
Niki

Oh, die entscheiden durchaus selbst wenn sie jemanden zusammenschlagen, schräg “anmachen” oder ausplündern. Warum auch nicht? Es sagt ihnen ja keiner das sie das nicht dürften…

Solche Kinder hatte ich als Hausdetektiv leider zu oft vor mir sitzen. Solange die Eltern nicht verständigt waren, führten sie sich auf wie Gangster aus der Bronx – oder was auch immer das für Nummern sein wollten. “Wir sind noch keine Vierzehn, kannst uns gar nix. Musst uns gehen lassen..” – gefährliches Halbwissen. Abgesehen davon das ich sie aus rechtlichen Gründen – Aufsichtspflicht – schon gar nicht gehen lassen durfte, wird bei jeder Strafanzeige eine Blattsammlung angelegt die später durchaus zu Problemen führen kann.

Naja, back to the Topic – Sobald die Eltern jedoch da waren, ging eine recht wundersamme Transformation mit ihnen vor; Brav, bieder, freundlich, ich hatte oft beinahe ein schlechtes Gewissen.

Ein Mensch erzieht sich in der Gesellschaft nicht selbst, dafür ist die Gesellschaft nicht geschaffen. Ein wenig Führung, kann nicht schaden – ist auch im Interesse des Kindes, denn sonst kommt es irgendwann in Konflkte mit den Dingen die eine Gesellschaft mit sich bringt…

hallo ingo,
ich befürchte es ist schwer das thema mit dir zu diskutieren, weil du ein völlig konträres menschenbild zu meinem hast.

menschen werden imo mit einem bedürfnis zu kooperieren geboren. sie sind sozusagen von “natur aus” sozial. meine meinung diesbezüglich wird übrigens von der neueren hirnforschung gestützt. und auch von meinen eigenen erfahrungen mit meinen kindern, anderer leute kinder und insbesondere der langjährigen arbeit mit sog. schwer erziehbaren jugendlichen.

unsere gesellschaft ist durchgehend erziehungsgeschädigt und was du da zum beispiel im bus wahrgenommen hast, ist eine auswirkung dieser schäden. ich gehe inzwischen sogar soweit, missstände wie kriege, folter, hunger auf der einen und übersättigung auf der anderen seite, selbstzerstörerischer umgang mit unserer umwelt usw., auf die verhinderung der menschlichen selbstentfaltung durch erziehung und/oder vernachlässigung zurückzuführen

ich beschäftige mich nun seit über 10 jahren mit erziehungsfreier lebensführung – sowohl theoretisch als auch praktisch – und ich bin überzeugt davon, dass sich unsere gesellschaften weltweit sehr angenehm verändern würden, wenn kindern die möglichkeit gegeben würde, ihr mitgebrachtes potential in erziehungsfreien beziehungen zu entfalten. dazu gehört auch unbedingt das selbstbestimmte lernen. schule in der heutigen form ist imo kontraproduktiv.

ich konnte und kann den heilsamen einfluss einer erziehungsfreien atmossphäre auf menschen immer wieder in der praxis beobachten und ich kann dich nur einladen augen, ohren und vorallem dein herz aufzumachen und die welt mal aus einem anderen blickwinkel zu betrachten.

dem was niki geschrieben hat stimme ich voll zu.

saluti
moca

Bei der ganzen Diskussion ist ein entscheidender Punkt überhaupt noch nicht aufgetaucht: Wir können uns noch so viel Mühe geben, sinnvoll zu führen, verantwortungsvoll einzuschränken, belehrend zu fördern oder was auch immer – wir erziehen ohnehin ständig, ob wir wollen oder nicht, durch unser Beispiel. Unser Vorbild-Sein ist unser wichtigtster und effektivster Beitrag zur Erziehung. Deshalb ist es wichtiger, mit sich selbst ins Reine zu kommen und einem klaren Weg zu folgen, am besten dem des Herzens, als intellektuell geformte Erziehungsgedanken in die Tat umzusetzen, was dann sowieso nicht funktioniert.

Lieber Jan,

doch, dieser Punkt wird sehr häufig (woanders…) angesprochen und stimmt in gewisser Hinsicht natürlich auch. Außer, dass wenn wir hier bei “unerzogen” sind, es nicht sinnvoll ist, den Einfluss, den unser Vorbild ausübt, “Erziehung” zu nennen, weil dann alles absurd wird, was wir hier versuchen klar zu machen. Ich hatte noch keine Zeit, die Erziehungsdefinition hier kund zu tun, von der wir ausgehen, wenn wir eben nicht erziehen möchten – dies bedeutet nämlich nicht, dass wir auch das Vorbild ausschalten (wie soll das auch gehen?). Daher ist die Erziehungsdefinition hier recht (str)eng. Ich kopiere sie Mal aus der Mailingliste (dort wird sie in der Begrüßungsmail bekannt gegeben, wenn man sich anmeldet):

In der Unerzogenliste werden unter “Erziehung” planmäßige (absichtliche) und zielgerichtete Tätigkeiten zur Formung von (meist jungen) Menschen verstanden.

Erziehung findet nicht “ganz natürlich” bei jeder Kommunikation, bei jeder Beeinflussung, statt, sondern nur, wenn sich einer über den anderen erhebt und meint, ihn zu einem Ziel (hiner)ziehen zu dürfen oder zu müssen.

Erziehende Menschen versuchen ihre Vorstellung darüber durchzusetzen, wie eine zu erziehende Person sein soll. Erziehung hat den Anspruch, Menschen zu ändern. Eigenschaften des Zöglings, die die Erziehenden als “negativ” ansehen, versuchen sie zu unterdrücken, während sie “positive” Eigenschaften verstärken wollen.

Ausdrücklich wird unter Erziehung z.B. nicht verstanden: die Pflege eines Babys/Kindes, der Einfluss der Gesellschaft auf das Kind, der unbewusste Einfluss der Eltern auf das Kind etc.

Mir ist schon klar, dass Erziehung unterschiedlich definiert werden kann. Deine Definition zieht Vorbild z.B. eindeutig mit hinein (das ist auch in Ordnung so! Es ist dann nur sehr schwer, das, was in der obigen Definition angegeben ist, irgendwie zu “benennen”, damit man sich davon abgrenzen und darüber sprechen kann, ob man so was machen darf und was man statt dessen machen könnte.) Meiner Meinung nach ist “Erziehung” ein Begriff, der sich kaum noch positiv verwenden lässt, außer, wenn beide Kommunikationspartner genau wissen, wie er gemeint ist. Ansonsten kann damit immer ein Machtgefälle in Verbindung gebracht werden.

Liebe Grüße
Johanna

Wie seltsam. Ich beschäftige mich mit dem Thema des respektvollen Umgangs und der Nichterziehung erst seit wenigen Wochen, habe aber sofort verstanden, dass es sich dabei keinesfalls um “laissez faire” handelt und es nicht darum geht, dem Kind Verantwortung zu übertragen oder dem Kind nichts beizubringen… Das scheint vielen so gar nicht verständlich zu sein, ich frage mich, warum.
Mir ist klar, wieso manche Jugendliche kriminell, gewalttätig oder im besseren Fall unverschämt sind. Es ist ihnen vorgelebt worden von einer Führungsperson. Wenn die Eltern diese Rolle nicht übernommen haben, dann hat es wohl irgendein Kumpel getan, der es so von Eltern oder vielleicht Brüdern kannte. Von allein kommen die nicht auf sowas.
Ich werde meinem Kleinen allen Respekt entgegenbringen, den er verdient und den ich mir für mich auch wünsche. Das beinhaltet, dass ich ihm das Entscheidungen treffen behutsam beibringe. Heute darf er entscheiden, ob er die rote oder die blaue Hose anziehen will – weil es für die grüne zu kalt ist, stelle ich die nicht zur Wahl. Wenn er größer wird, stelle ich ihm anspruchsvollere Möglichkeiten zur Wahl oder frage ihn nach seinen Ideen. Es ist nicht respektlos, wenn ich ihm dann evtl erklären muss, dass er seinen Willen nicht kriegen kann, weil das Geld fehlt oder das Wetter nicht passt oder… was auch immer.

Wenn die oben erwähnten Jugendlichen zuschlagen, entscheiden die das nicht selbst, das hat vor längerer Zeit jemand anders entschieden, und sie gehorchen sozusagen.
Die Heranwachsenden, die so den Bach runtergehen, sind niemals zuhause respektvoll behandelt worden – sie wurden unterdrückt oder nicht beachtet. Sie wurden zuhause nicht liebevoll und voller Vertrauen motiviert, für sich selbst etwas zu leisten. Ihnen wurde nicht vorgelebt, wie man sich selbst wert schätzen kann und auf gesunde Art Spaß zu haben.

Seit ich meinem Kind nix mehr aufzudrücken versuche, was für mich nicht gilt, macht er viel öfter genau das, worum ich ihn bitte. Ich sage ihm nie, wie er was zu tun hat oder welche Wörter er sagen soll. Seit ein paar Tagen sagt er “Danke”, wenn ich ihm etwas gebe oder etwas für ihn getan habe. Er hat sich vorher gegen alles gewehrt, egal ob er eigentlich gut fand, was mit ihm passiert – wenn es über seinen Kopf hinweg passierte, war es falsch.

Mein Sohn ist jetzt genau ein Jahr alt. Wer behauptet, Kinder seien nicht von Natur aus soziale Wesen oder müssten zu bestimmten Dingen unbedingt gezwungen werden, der hat einfach keine Ahnung hat selbst nie (weder als Kind noch als Erwachsener) erlebt, wie echter Respekt sich auswirkt.
Man muss erst mal sich selbst so annehmen, wie man ist, und ohne Falschheit zu sich stehen. Das machen die Mitmenschen, denen man wichtig ist, und die eigenen Kinder dann auch.

Auch, wenn diese Diskussion schon lange her ist, diese meine Meinung wollte ich trotzdem noch beisteuern…

Liebe Grüße an alle, die das noch lesen…

Wann ist denn ErZIEHung überhaupt ErZIEHung? Wenn ich aus der Ich-kann-Schule in die Du-musst-Schule schaue, sehe ich sie immer DRUCK machen, wenn sie erZIEHen. Und wenn es nicht klappt, machen sie noch mehr Druck. Und das lernen dann alle so. Wenn ich das Radio aufdrehe und Nachrichten höre, macht die ganze Welt ständig DRUCK, wenn sie Probleme lösen will. Und die Probleme wachsen und wachsen. Druck komprimiert sie, das ist das Gegenteil von Lösung. Sie werden zurückgestaut, werden dichter und schwerer – und explosiver. Und wir alle leben in dem Wahn, das sein ErZIEHung. Wir sind also zu dämlich, die simple Verwechslung von Druck und Zug zu erkennen.
Wo soll bei soviel Stur- und Starrsinn Freiheit gelebt werden können? Nicht, dass die Freiheit nicht da wäre, aber wir haben immer Wichtigeres zu tun.
In der Ich-kann-Schule gehört Druck nicht zur Wortfamilie “ziehen”. Ich ersetze die üblichen pädagogischen Erpressungsversuche aber auch nicht dadurch, dass ich nun anfange, die Kinder dahin zu zerren, wo ich sie haben will. Nein, nicht ich ziehe sondern ES zieht. Meine Arbeit besteht darin, dass ich mir was eimnfallen lasse, was ZIEHT. Das ist ErZIEHung. Und die braucht es.
Zur ErZIEHung gehört vor allem die Achtsamkeit. Die zeigt mir, dass der Mensch nicht nur Körper- sondern Seelen- und Geisteskräfte hat. Und die letzteren haben genauso HUNGER wie der Körper und ich spüre den SOG DES HUNGERS und ich gebe den Talenten gerne zu essen, was ihnen und ihrer Entwicklung Kraft verleiht: meinen Respekt, mein Interesse, Ermutigung, Stärkung, Aufrichtung, aber auch Lenkung und Herausforderung. Immer unter dem Aspekt: Was ZIEHT?
Und ich gebe den Kräften stets die volle Freiheit. Meinerseits darf kein Milligramm Druck dabei sein. Ich baue allein auf die SOG-Wirkung. Ich gebe ihnen reichlich Stärkung und stelle noch mehr n Aussicht dafür, dass sie zeigen, was sie können. Damit sprengen sie natürlich den Rahmen jeder Schule, aber wenn man ihnen zeigt, wie sie mit ihrer Potenz umgehen können, dann können sie das auch nett machen für die Schule. Da sind wir dann so frei.
Franz Josef Neffe

@Franz Josef Neffe: Hältst du nicht auch sturr an deiner Wahrheit von ErZIEHung fest? “Wo soll bei soviel Stur- und Starrsinn Freiheit gelebt werden können?”
Du siehst dein Konzept im Widerspruch zu den Ideen, die dieses Blog vertritt – Verstehe ich dich da richtig? Wozu brauchst du denn dein Konzept?

@sumpffuss: Ich will nicht behaupten, ich wüsste, was FJN denkt, aber ich habe ihn bisher so verstanden, dass er die Ideen, die hier vertreten werden ganz richtig empfindet, aber doch darauf hinweisen will, dass die Nomenklatur sinnverdrehend wirkt. Das ist meiner Ansicht nach völlig richtig, ich bin selbst so eine Wortklauberin ;-D und rege mich über falsche Bezeichnungen oft sinnlos auf. Darum gehe ich davon aus, dass er es auch so meint.

Der für mich bedeutendeste Grund, die Bedeutung des WORTES “ERZIEHUNG” grundlegend zu überdenken ist der, dass andere Menschen sofort mit Ablehnung reagieren, wenn ich davon spreche, dass ich mein Kind nicht erziehen will. Ändere ich aber in meinem Kopf und in meinem Empfinden die Bedeutung des Wortes in dem positiven und logischen Sinne, wie FJN das beschreibt, kann ich ohne zu lügen, ohne mich zu schämen, ohne Leute zu erschrecken ganz offen sagen, dass ich mein Kind seiner Persönlichkeit entsprechend liebevoll ERZIEHE. (Im direkten Kontakt mit UNERZOGEN-Leuten meide ich das Wort lieber…) Die Menschen hören sich auch viel lieber an, was man anders macht, wenn man ihnen nicht quasi sofort ins Gesicht sagt, dass man das, was sie mit ihren Kindern tun, entsetzlich findet. Sowas mögen wir ja auch nicht.

Ich finde es zu anstrengend, mich ständig ins solziale Abseits zu setzen mit der Ablehnung von etwas, das mein Umfeld als zwingend nötig ansieht. Ich mache es bei diesem Thema so, wie beim Thema “Reden über das eigene Kind”: Da habe ich auch leider zu oft erlebt, dass alle Mütter nur über Defizite und schlimme Angewohnheiten und sowas reden, und mittlerweile behaupte ich in Gesellschaft anderer Mütter einfach immer, alle Mütter würden ja so gerne über die Erfolge und Vorzeige-Eigenschaften reden, das wäre ja auch klar, und natürlich machen wir das alle so ;D
Bisher hat das immer gut geklappt, und die anderen haben ihren Blick auf ihr Kind deutlich verändert. Klar ist das Manipulation, aber… In dem Fall ist mir das ziemlich egal… ;)

Kommt rüber, was ich meine?

@ Franz Josef Neffe: Hab ich das richtig interpretiert?

Lieben Gruß!

Hallo Martina, da danke ich dir. Ich meine schon, dass ich verstehe, was du meinst. Ich habe keine abschließenden Gedanken zum Erziehungsbegriff. Mir kommt bei der Wortklauberei zu kurz, dass die gewöhnliche Auslegung von Erziehung Realität ist und nicht erst seit gestern. Ich weiß auch nicht, ob ich Neffe so folgen kann. Eher nicht. Ich tue die Dinge, die ich tu, wegen mir, für mich. Alles hat immer mit mir zu tun. Dafür brauche ich keine Idee von Ziehen und Erziehen. Ins soziale Abseits setze ich mich eigentlich gar nicht. Ich handle sozial. Für mich als Schutz binde ich nicht jedem auf die Nase, was ich mit meinem Kind nicht tue. Ich erwähne ja auch nicht eben mal, dass ich meinem Kind keinen Joghurt füttere, wozu dann die Erwähnung, dass ich nicht erziehe. Ich versuche zumindest jenseits der Kategorien Erziehung/ Nichterziehung zu denken/ wahrzunehmen. Das bewährt sich in vielen Situationen, in denen ich dann einfach ausdrücken kann, was mich gerade stört, was ich will oder nicht will, wie ich mich fühle oder gern fühlen würde. Vielleicht ähneln sich unsere “Strategien” sehr, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung über den Begriff sind.

Dich verstehe ich, bei Neffe habe ich noch nicht verstanden, ober er die Macher und Fans dieser Seite von seinem Erziehungskonzept überzeugen und auf den richtigen Weg führen will. Diesen Eindruck hatte ich bislang.

Danke für die lieben Grüße, dir auch einen Gruß, s.

Ich finde, es ist nichts dagegen einzuwenden, es so zu machen, wie du, Martina. Es ist nur wichtig, dass es Menschen gibt, die den Unterschied kennen und ihn auch entgegen der allgemein gültigen Meinung ganz “klar und deutlich” sagen. Du definierst den Begriff “Erziehung” einfach für dich um – das ist OK. Hätte es aber keine Leute gegeben, die das genau NICHT getan haben, wäre es dir vermutlich nie aufgefallen, dass da “irgendwas nicht stimmt”. So wärest du nie auf deine Lösung gekommen. Mit deiner Art hast du einen Weg gefunden, die Idee zu multiplizieren (also anderen nahe zu bringen). Der einzige Wermutstropfen ist, dass du dazu dann doch auf “Erziehung” in der alten Definition zurück greifst. Und irgendwie hängt das doch damit zusammen, dass du nicht “Klarschiff” machst, wenn ich es richtig verstanden habe, oder?

Das Argument mit dem sozialen Abseits kann ich verstehen. Aber es kann auch anders gehen. Wenn man “ganz ehrlich” eben “Klarschiff” macht, dann gehen alte soziale Netze vielleicht verloren, es entstehen aber neue, weil plötzlich ganz andere Leute im Leben auftauchen. Ich bin ganz und gar nicht im sozialen Abseits – ich fühle mich mitten drin.

Um Leute nicht gleich abzuschrecken, gibt noch einen anderen Mittelweg: Das Wort “Nichterziehung” (sowie “unerzogen”, “Antipädagogik” etc.) vermeiden – aber dann auch nicht gleich Erziehung dafür verwenden. Man kann ja noch ganz andere Wörter verwenden (Beziehung, Beziehung zu seinen Kindern, Umgang mit Kindern, Kinder unterstützen, etc.) Es gab bisher nur selten Situationen, bei denen mir die Suche nach einem Alternativwort schwer gefallen ist, aber selbst dann kann man es umschreiben.

Aber wie gesagt, dein Weg ist auch ein Weg. Das wichtige ist, dass Kinder nicht erzogen werden ;)

Nun, wir haben doch alle eine SOGwirkung und es kann doch nur von Nutzen sein, wenn man diese erkennt, beobachtet, versteht, bewusst ändern lernt. Erzieher sind m.E. nicht deswegen für soviele eine traumatische Erfahrung, weil sie erziehen, sondern weil sie dabei fast alles verkehrt machen. Nun müsste ich ja jedesmal ein Wort aus der deutschen Sprache streichen, wenn genügend viele Leute genügend viele Fehler damit machen. Damit würde ich niemand dienen und meine Möglichkeiten, etwas Wesentliches zu sagen, beschneiden. Also verwende ich meine Worte und zeige ggf. am Beispiel, wie es gemeint ist.
Ews kann durchaus ein Vorteil sein, unerzogen zu sein, aber das ist noch nicht alles. Die SOGkräfte des Lebens wuirken dennoch unablässig und fordern, achtsam mit ihnen umzugehen. Immer die Straßenseite zu wechseln, wenn eine Sogwirkung daherkommt, ist nicht die Achtsamkeit, die ich mir für die Menschenwürde vorstelle.
Ich ziele auch gar nicht darauf ab, meine Ansichten jemand aufdrücken zu wollen, das wäre mir peinlich. Ich denke nur, dass einiges von meinen Beispielen eine SOGwirkung auslösen könnte, für sich selbst der Sache auf den Grund zu gehen. Und wenn es einen ZIEHT und man infolgedessen gerne lernt und daran wächst, würde ich das sicher nicht “erdrückt” nennen sondern “erzogen”. Das Wort ist mir aber nicht so wichtig sondern der Geist, in dem wir tun, was wir tun.
Ich grüße herzlich.
Franz Josef Neffe

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