Die Entscheidungen des Kindes sind immer „richtig“

Johanna, 07.11.2006

Geht man davon aus, dass das Kind immer “richtig” entscheidet, nur weil man es nicht erzieht??

Wir sind uns natürlich nicht 100%ig sicher, dass es immer die “richtige” Entscheidung im Sinne von die “vernünftigste” Entscheidung treffen wird. Es wird sehr wahrscheinlich sogar häufig sehr unvernünftige Entscheidungen treffen – von unserem Standpunkt aus betrachtet. Es wird aber die für das Kind in dem Moment für die Entwicklung “richtige” Entscheidung treffen. Das bedeuetet, es kann auch Mal eine in unseren Augen “dumme” Entscheidung treffen, und das, obwohl wir gewarnt, begleitet und informiert haben.

Dann hat das Kind es einfach gebraucht, die Erfahrung selbst zu machen und war somit “richtig”. Trotzdem können wir eingreifen, wenn Gefahr besteht oder auffangen, wenn es dann doch hingefallen ist. Das ist doch sogar bei Erziehern so, dass sie sagen, manchmal müssen die Kinder einfach Mal selbst auf die Schnauze fallen. Was Erzieher jedoch machen, ist allzu oft dies zu “verbieten”, oder es zulassen und danach triumphierend “Siehst du?”, oder “Dann sieh selber zu, wie du (mit den Konsequenzen) zurecht kommst” sagen. Nichterzieher würden nur eingreifen, wenn Gefahr besteht und ansonsten informieren, warnen, diskutieren, sichere Möglichkeiten anbieten aber auch akzeptieren, wenn das Kind halt trotzdem entscheidet, dass es die Erfahrung selbst machen will – in letzterem Fall würden Nichterzieher sogar möglichst helfen, diesen Weg zu gehen.

6 Kommentare zu “Die Entscheidungen des Kindes sind immer „richtig“”

Ich vermisse hier auf der Seite einen ganz wichtigen Aspekt: Die kindliche Gehirnentwiclung oder das Diskutieren der Frage “Wie lernt ein Kind?”

Alles, was hier auf der Seite zu lesne ist, verstehe ich so, dass ein Kind immer weiß, was für es selbst im Moment richtig ist. Daher kann es gar keinen falschen Entscheidungen treffen.

Ich kann mir das gar nicht so recht vorstellen, denn ein Kind macht ja kontinuierlich eine Entwicklung durch und refit permanent. Für mich ist das eine sozio-neuro-biologische Entwicklung die da abläuft und daher würde ich da erstmal keine großen Unterschiede machen wollen, ob es sich nun um ein unerzogenes oder erzogenes Kind handelt. Damit sich etwas unterscheiden kann, muss es ja erstmal da sein ;-)

Also, wenn dem also so ist, dass Kinder bestimtme Dinge erst lernen müssen, dann stellt sich für mich die Frage, wie sie dann immer und zu jeder Zeit in der Lage sein sollen, die für sie richtige Entscheidung zu treffen. Klar, FÜR DIE Kinder mag die Entscheidung im dem Moment richtig sein, was aber wenn sie für das Kind gefährlich ist? Darf man das Kind dann gewähren lassen, auch wenn man eigentlich weiß, dass das Kind davon Schäden erleiden könnte?

Ist man hier der Ansicht, dass ein Kleinkind schon erkennen und abstrahieren kann, was für langfristige Folgen seine Entscheidung / sein Handeln nach sich ziehen kann?

Bin schon auf die Antwort gespannt.

Viele Grüße,
Michi

Hallo Michi,

gerne will ich dir antworten. Danke für dein Feedback.

Alles, was hier auf der Seite zu lesen ist, verstehe ich so, dass ein Kind immer weiß, was für es selbst im Moment richtig ist. Daher kann es gar keinen falschen Entscheidungen treffen.

Es kommt drauf an, was du mit “falsch” und “richtig” meinst. Was bedeutet für dich eine “falsche” Entscheidung, z.B.?

Ich kann mir das gar nicht so recht vorstellen, denn ein Kind macht ja kontinuierlich eine Entwicklung durch und refit permanent.

Genau. Das gilt übrigens auch für Erwachsene.

Für mich ist das eine sozio-neuro-biologische Entwicklung die da abläuft und daher würde ich da erstmal keine großen Unterschiede machen wollen, ob es sich nun um ein unerzogenes oder erzogenes Kind handelt. Damit sich etwas unterscheiden kann, muss es ja erstmal da sein ;)

Ich mache da auch keine Unterschiede, jeder Mensch ob erzogen oder nicht entwickelt sich natürlich.

Also, wenn dem also so ist, dass Kinder bestimtme Dinge erst lernen müssen,

Hier verstehe ich nicht den Zusammenhang, den du mit “Also..” einleitest. Im vorherigen Absatz hast du nicht behauptet, dass Kinder bestimmte Dinge erst lernen müssten. Du hast nur gesagt, dass ein junger Mensch eine Entwicklung durchmacht.

Außerdem wäre ich vorsichtig mit dem Wort “müssen”, natürlich… Ich würde hier eher formulieren: Kinder werden bestimmte Dinge lernen. Das Lernen findet immer statt. Wenn bestimmte Dinge im Leben gelernt werden “müssen”, um zu überleben, um glücklich zu sein, ist es nur logisch, dass diese Dinge auch gelernt werden werden. Denn wenn sie nicht nützlich fürs Überleben und fürs Glücklichsein sind—warum “müssen” sie dann gelernt werden? Das nur am Rande.

dann stellt sich für mich die Frage, wie sie dann immer und zu jeder Zeit in der Lage sein sollen, die für sie richtige Entscheidung zu treffen. Klar, FÜR DIE Kinder mag die Entscheidung im dem Moment richtig sein, was aber wenn sie für das Kind gefährlich ist? Darf man das Kind dann gewähren lassen, auch wenn man eigentlich weiß, dass das Kind davon Schäden erleiden könnte?

Offenbar habe ich mich nicht richtig verständlich machen können in diesem Posting. Ich zitiere mich selbst: “Trotzdem können wir eingreifen, wenn Gefahr besteht oder auffangen, wenn es dann doch hingefallen ist.” und später: “Nichterzieher würden nur eingreifen, wenn Gefahr besteht und ansonsten informieren, warnen, diskutieren, sichere Möglichkeiten anbieten aber auch akzeptieren, wenn das Kind halt trotzdem entscheidet, dass es die Erfahrung selbst machen will – in letzterem Fall würden Nichterzieher sogar möglichst helfen, diesen Weg zu gehen.”

Damit meinte ich, dass—jetzt Mal unabhängig von deiner Formulierung, ob man es “darf” oder nicht—hier nicht propagiert wird, nicht einzugreifen, wenn Gefahr droht. Außerdem meinte ich, wie du es richtig formuliert hast, dass die Entscheidung für das Kind richtig ist. Nicht unbedingt auch für mich bzw. aus objektiver Sicht gesehen. Hier wird die Antwort auf die Frage wichtig, was unter “richtig” und “falsch” verstanden wird. In meinem Verständnis—und ich unterstelle das wohl auch Kindern—ist “richtig”, was sich “gut” anfühlt und “falsch”, was sich nicht gut anfühlt, primär für den Handelnden selbst, aber auch für die Beteiligten. Unser Gefühlssystem gibt uns meistens die “richtige” Antwort—schon ein Baby weint, wenn irgendwas “nicht richtig” ist, Erwachsene fühlen sich auch schlecht, wenn sie “falsch” handeln etc. Das kann ich jetzt leider nicht ausführlich beschreiben, ich hoffe, das reicht als kurze Übersicht.

Aber außer, wenn unmittelbare (oder in seltenen Fällen ‘nur’ irreversible, sehr wahrscheinliche, aber zeitlich sehr entfernte) Gefahr droht, können aber sonstige “sinnlose” Entscheidungen eines Kindes durchaus auch “objektiv” als “richtig” anerkannt werden—eben als Teil des Lernprozesses. Es wird schwierig sein, ohne Fehler zu lernen. Nicht, dass man “nur” aus Fehlern lernen könnte, ich denke aber, Fehler sind Teil des Prozesses und gerade, wenn unsere Hilfe eben nicht angenommen werden möchte, ist es die (richtige) Entscheidung des Kindes, einen Fehler in Kauf nehmen zu wollen oder eben nicht.

Ist man hier der Ansicht, dass ein Kleinkind schon erkennen und abstrahieren kann, was für langfristige Folgen seine Entscheidung / sein Handeln nach sich ziehen kann?

Nein.

Bist du der Ansicht, dass du für jede deiner Entscheidungen, oder sagen wir nur für die Mehrheit deiner für dein Leben bedeutsamen Entscheidungen, immer die langfristigen Folgen erkennen und berücksichtigen kannst?

Für mich ist es immer anschaulicher, an konkreten—möglichst echten—Beispielen diese Dinge zu erklären. In der Mailingliste—aber auch hier—werden solche konkreten Fälle diskutiert. Dann geht es darum: Was ist eine konkrete “Gefahr”, was nicht? Wann ist es legitim, einzugreifen, und wann eigentlich nicht? Und falls eingegriffen werden “sollte”, wie kann das Eingreifen so geschehen, dass es die Menschenrechte des jungen Menschen weiterhin beachtet, also erziehungsfrei, gewaltfrei, zwangfrei etc. Meistens bleiben nur die ganz unmittelbaren Gefahren übrig, bei denen Zwang nötig wird (z.B. Rettung vor unmittelbaren Gefahr durch Überfahren eines Kindes durch die Straßenbahn). Ansonsten kann (fast?) immer eine andere Lösung gefunden werden, es kann gewartet werden, man kann sich informieren, man kann das Kind informieren (und warten), man kann eine “Fehlentscheidung” akzeptieren etc. etc.

Welche konkreten Beispiele könntest du bieten? Wenn du hier antwortest, kann ich nicht sofortige Antwort garantieren, aber ich versuche es. Ansonsten antworten auf der Mailingliste immer gleich mehrere.

Grüße
Johanna

Liebe Johanna,

erstmal vielen Dank für Dein ausführliches Feedback :-)
Ich werde mich hier in meiner ANtwort etwas präziser ausdrücken und auch die Beispiele nenne, die Du ja brauchst.

Mit “richtig” und “falsch” meine ich Entscheidungen, die ein Kind schädigen können. Auch ich hatte mich wohl nciht gut genug ausgedrückt, denn es ging mir dabei nicht so um die unmittelbare Gefahr, wie z.B. das Kind auf eine viel befahrene Straße laufen zu lassen oder mit einer Schere zu spielen. Mir ging es um eine “eher unsichtbare” Gefahr, z.B. Langzeitschäden durch zu viel TV-Konsum.

Ja, Du hast Recht: Auch Erwachsene lernen ständig und reifen. und dennoch ist es ja so, dass gerade in der Kindheit extrem stark reift und passiert, was sich dann im fortgeschrittenen Alter abschwächt. Allerdinsg versteh ich jetzt nicht, warum Du die Erwachsenen mit einbeiehst, es geht hier ja um die Kinder.

Die Einleitung des folgendes Satzes in meinem vorigen beitrag bezieht aich auf meine persönlich annahme, dass Kinder lernen: ” Also, wenn dem also so ist, dass Kinder bestimtme Dinge erst lernen müssen,”
Das also bezieht sich auf meine Annahme, dass Kinder lernen und nicht von Anfang an alles können. Sollte ich mit meiner Annahme Recht haben, dann stellt mir also die Frage, wie sie in der Lage sein sollen, immer die richtige Entscheidung zu treffen (Definition von “richtig” s.o.) obwohl sie ja jerst dabei sind, zu lernen.

Dein Punkt mit dem “Lernen werden” anstatt “Lernen müssen” hat mich überzeugt. Ich habe mich zu ungenau ausgedrückt. Tut mir leid.

Bezügl. der Gefahren, die ein Kind möglicherweise aus seiner eigenen Entscheidung erfahrne könnte, habe ich mich viel zu ungenau ausgedrückt. Ich meinte damit Schäden, die nicht auf den ersten Blick zu sehen sind, z.B. weil sie relativ abtrakt sind oder weil sie erst später auftreten, z.B. Langzeitschäden durch zu viel TV-Konsum.

Wen z.B. ein Nichterzieher einem 3-jährigen Kind den Hinweis gibt, das zu viel TV agressiv und unkonzentriert machen kann oder zu Alpträumen führen kann (und an keiner der drei zuvor genannten Folgen zweifle ich), dan kann sich das Kind das zwar anhören, aber es trifft trotzdem seine eigene Entscheidung. Und wenn die dann so aussieht, dass es lange TV gucken will und dann agressiv wird oder Alpträume hat, was dann?
Ein anderes Beispiel wäre ein 2,5 Jahre altes Neurodermitis-Kind, das auf Schokolade heftige Hautreaktionen zeigt. Es möchte gerne die Schokolade haben, ich sage ihm, was dadurch mit seiner Haut passieren kann und dennoch entscheides es sich dafür. Kann es wirklich schon so abstrakt denken, dass es das Prinzip von Ursache (Schokolade essen) und Wirkung (heftige Juckanfälle einen halten Tag später, die starke Medikation bedürfen) erfassen kann?

Du schreibst ja in Deinem vorigen Beitrag, dass Du selbst meinst, dass ein Kind das noch nicht kann (abstrahieren). Daher farge ich mich, wie man als liebende und verantwortungsvolle Mutter seinem Kind langen TV-Konsum erlauben kann, wenn man doch weiß, dass ein kind die Langzeitfolgen nicht abschätzen kann (ich als Mutter aber schon).

Du beantwortest meine Farge nach dem Abstraktionsvermögen von kleinen Kindern zwar deutlich mit NEIN, lenkst dann aber ab, ob ich das als Erwachsene kann. es geht nicht darum, wa sich als erwachsener kann (obwohl ich durchaus der Ansicht bin, dass ich durchaus viele Langzeitfolgen meiner Entscheidungen absehen kann. zumindest aber VIEL VIEL MEHR UND AUCH VIEL CIEL ÖFTER, als es bei kleinen Kindern der fall ist). Aber wie gesagt: es geht nicht darum, ob ICH es kann, sondern ob ein kind das kann. Denn davon ist ja abhängig, ob ich als Mutter eingreifen muss oder nicht.

Die unmittelbaren und konkreten Gefahren ( z.B. Rettung des Kindes vor dem Überfahren durch eine Straßenbahn) machen mit kein Kopfzerbrechen. es sind vielmehr die abstrakten gefahren, wie z.B. TV-Konsum, oder aus die Schulwahl (das Kind möchte auf die Schule seiner Freundin gehen. Da herrscht aber viel Kriminalität und die Schuhe hat keinen guten Ruf. Soll ich mein Kind trotzdem dort einschulen, weil es das will? Kann es erkennen, dass es dann zwar bei seiner Freundin ist, aber u.U. eher mal verprügelt wird, als auf der anderen Schule? Versteht es, was ich meine, wenn ich von einem “guten Schulabschluss” spreche?)

Ich bin schon sehr gespannt auf Deine Antwort, auch wenn sie nicht innerhalb der nächsten paar Stunden eintrifft ;-)

Viele Grüße,
Michi

[...] Ein Beitrag über die Entscheidungsfreiheit des Kindes zog ein Gespräch per Kommentarfunktion mit sich. Meine Antwort nun zu lang geworden, ich habe sie lieber als neuen Artikel verarbeitet. Ich zitiere hier Michi, die auf besagten Artikel Kommentare hinterlassen hat. [...]

Hallo Michi,

es ist so lang geworden, dass ich meine Antwort lieber als neuen Artikel gespeichert habe:

http://unerzogen.de/fernsehen/2009/02/02/schadliche-entscheidungen/

Wir können uns dort weiter unterhalten, wenn du möchtest.

Grüße
Johanna

[...] Ein Kommentaraustausch zum Beitrag über die Entscheidungsfreiheit des Kindes zog diesen Beitrag nach sich, woraufhin wieder viele Kommentare hinterlassen wurden. Vielen Dank dafür – es ist schön, Rückmeldungen zu lesen, um den Dialog aufrecht zu erhalten. [...]

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