Elterliche Führung („Lenken“)

Johanna, 26.11.2006

Von Willibald Papesch

Wie kann elterlich Führung aussehen? Wenn ich es richtig erinnere, hast du auf unerzogen.de beschrieben, wie eure Tochter nach dem Eintreten in die “Freiheit” – salopp ausgedrückt – die Nächte durchmachte, so dass ihr schließlich gezwungen wart, um eurer selbst willen das zu ändern.

Der Fehler lag darin, dass ihr so gehandelt habt:

Eltern ← Kind.

Wir sind in so einem Fall selbstverständlich ins Bett gegangen, das Kind hätte aufbleiben können – was es nie getan hat. Das führte auch zu Erlebnissen, die bis heute Gesprächsstoff sind.

Beispiel 1

In einem Europokal-Rückspiel spät abends lag der FC Uerdingen zu Hause gegen Dynamo Dresden zur Halbzeit 1:4 zurück. Unser Sohn wollte das Spiel dennoch zu Ende sehen. Ich meinte: “Das geht nichts mehr, ich gehe ins Bett”, was dann der Sohn murrend auch tat.

Am anderen Morgen in der Zeitung: Uerdingen-Dresden 7:4. Uerdingen hatte in der zweiten Halbzeit noch 6 Tore geschossen. Was war unser Sohn sauer! :(

Beispiel 2  

Jean und Paul Ritter ließen ihre Kinder schon den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts ‘antiautoritär’ aufwachsen nach dem Beispiel von Summerhill. Sie schrieben darüber ein Buch: Freie Kindererziehung in der Familie, das 1972 von Rowohlt neu aufgelegt wurde (rororo 7162). Im Anhang beschreiben ihre Kinder, damals im Alter von neun bis zweiundzwanzig, ihre Erfahrungen.

Viel zu viele Leute sehen die Erziehung ihrer Kinder als einen Balanceakt zwischen der eigenen Nachgiebigkeit und der Möglichkeit an, von den Kindern Gehorsam zu erzwingen. Das Dilemma entsteht, weil sie das Eltern-Kind-Verhältnis als einen Konkurrenzkampf empfinden. Die Selbstbestimmung löst dieses Problem. Dadurch, dass sich das Eltern-Kind-Verhältnis auf Zusammenarbeit gründet, wird das leben für beide Teile so angenehm wie möglich. Das heißt, dass die Eltern ihr Recht auf ein angenehmes Leben verteidigen und ihren Kinder gleichzeitig die Möglichkeit geben, über sich selbst zu bestimmen. Die Kinder bekommen damit all das, was sie sich wünschen und was sie brachen. So erklärten mir meine Eltern, als ich noch klein war, dass sie am Abend gerne allein sein möchten und bestanden auf ihrem Recht auf Frieden und Ruhe zu bestimmten Zeiten. Außer bei besonderen Gelegenheiten, etwa wenn ich aufbleiben und mir eine bestimmte Fernsehsendung ansehen durfte, ging ich deshalb zu einer festgesetzten Zeit in mein Schlafzimmer. Jedoch hatte auch ich meine rechte. Meine Abwesenheit befriedigte das Bedürfnis meiner Eltern, ein wenig Ruhe zu haben. Ich aber konnte, obwohl meistens selbst den Wunsch hatte, ins Bett zu gehen, aufbleiben und spielen oder lesen, solange ich nur in meinem Zimmer bliebe.

Leonora Ritter, geb. 1949, damals 22 Jahre alt (S. 284)

Beispiel 3

Es zeigt, wie sich ein solches Verhältnis der Verständigung, Abstimmung und Zusammenarbeit im Laufe der Zeit entwickelt und auswirkt.

So etwa mit 14/15 hatte unser Sohn eine Art schwarze Phase: nur schwarze Klamotten von Kopf bis Fuß – und die Gruppe, in der er verkehrte, ebenfalls: alles schwarz.
 
Wir dachten, was halt Eltern in so einem Fall denken: “O Gott, wenn das mal gut geht”, mischten uns aber zunächst nicht ein.

Eines Tages kommt er heim:

“Mama, gehst du mit? Ich kauf mir Springerstiefel.”
 
Ein Hammer! Jetzt dachten wir nur noch “o Gott, o Gott, o Gott  –  und die ganze Kette lief ab: schwarze Klamotten – Springerstiefel – Gewalt  – Skinheads – Rechtsextremismus – Ausländerfeindlichkeit …” und das in einem Lehrerhaushalt auf dem Dorf. Hatten wir doch alles falsch gemacht?

Meine Frau sagte nur:

“Wenn du  Springerstiefel willst, musst du sie dir selber kaufen. Da gehe ich nicht mit.”

Jetzt war der Sohn völlig perplex: Das hatte es noch nie gegeben. Während ich einkaufen hasse, gingen unsere Kinder immer gerne mit der Mutter zusammen. Das war und ist weiterhin ein gemeinsames Erlebnis.

Dass nun die Mutter nicht mitgehen wollte, traf ihn völlig unvorbereitet. Er verstand sofort, dass es ihr sehr wichtig war.  

Er kaufte keine Springerstiefel. Unsere Befürchtungen erwiesen sich später als völlig unbegründet. Schwarze Klamotten waren schwarze Klamotten und damals altersgemäß chic – sonst nichts. Springerstiefel sind übrigens – vorurteilslos betrachtet – ideales Schuhzeug für junge Leute, wie wir Jahre später feststellten, als ihm die Bundeswehr welche verpasste.

Dennoch hatte ein einfaches, aber im gewohnten Umfeld unübliches Signal genügt. Wenn es der Mutter so wichtig war, nahm er selbstverständlich darauf Rücksicht. Dank jahrelanger (Einkaufs- und Verständigungs-)übung hatte die gegenseitige Verständigung auch diesmal geklappt.

Antwort von Willibald Papesch. Veröffentlicht mit Genehmigung.

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