Warum Gleichberechtigung keine Methode ist (1)

Johanna, 26.11.2006

Es folgt die Antwort von Willibald Papesch auf meine Frage, ob Gleichberechtigung nicht doch eine Methode ist:

Willibald, du meinst vielleicht, du hättest meine Frage beantwortet – irgendwie kommt’s mir aber nicht so vor. Oder ich kapier’s nicht. Trotz dem was du sagst, “das allgemeine Ziel wäre, einen lebenslangen Prozess in Gang zu setzen, der es den Beteiligten ermöglicht, lebenslang für alle Teile befriedigende Formen des Zusammenlebens zu entwickeln.” – so entscheiden wir uns doch als Eltern gegen Erziehung aus einem Grund...

Ich würde sagen, für eine Lebenshaltung.

...und wir meinen, so zu leben ist besser für die Entwicklung des Kindes – wie ist das dann keine “Methode”?

Bei “Methoden” geht es immer im “Techniken”:

Ich weiß nicht, ob ich ein Problem damit hätte, wenn es eine “Methode” wäre, dann ist es halt eine Methode. Es würde nur irgendwie… meine Gedanken der letzten 4 Monate erschüttern, weil ich irgendwie zuerst davon ausging, es sei eine Methode, das dann verwarf und jetzt ist es doch eine Methode. Ich bin einfach verwirrt :D Ich will’s kapieren!

Z.B. gibt es da auch immer die “Erfolgsgeschichten” – meine Freundin sagte zurecht, warum schicke ich ihr immer Willibalds Zitate aus Büchern, wo Kinder berichten, wie toll und lieb sie sind, warum erzähle ich ihr, dass meine Tochter ja auch wirklich nicht mehr so viel TV sieht, warum erzähle ich ihr (quasi stolz), dass sie zu einer “normalen” Zeit von alleine ins Bett geht – warum erzählt Willibald…

Weil er zeigen will, das so etwas durchaus möglich ist.

...wie “brav” seine Kinder doch sind und rücksichtsvoll und respektvoll und alles – wenn das alles quasi “egal” wäre…

Nein, ist es nicht.

...wenn es doch eine “Lebensphilosophie” ist…

Ja, das ist es. Aber eine Lebensphilosophie auf empirischer Grundlage. Menschen sind auf Kooperation angelegt, ihr Leben hängt davon ab. Es ist gleichsam “natürlich”, auf dies Kooperationsbereitschaft zu setzen, es ist “unnatürlich”, diese Kooperationsbereitschaft durch Erziehung zunächst zu zerstören und sie dann durch Machteinsatz und Gehorsam wieder zu erzwingen. Von aller “Lebensphilosophie” mal abgesehen, erscheint mir das rationaler und ökonomischer.

Wenn du die von mir berichteten Beispiele unter diesem Gesichtspunkt betrachtest, heißt dies: Ich habe am Lebensanfang – in etwa während des ersten Lebensjahres – einen höheren Aufwand, der sich danach sehr schnell minimiert, sprich: Es gibt so gut wie keine der üblichen Erziehungsprobleme.

...bei der es am meisten um Menschenwürde und Freiheit geht…

Nicht vergessen: Es gibt auch ‘glückliche’ Sklaven.

...und angeblich nicht um das “Ergebnis”,...

Nein, es geht nicht um irgendein “Ergebnis”, sondern darum wie ich Tag für leben möchte. Die entscheidende Frage lautet immer: “Wie möchte ich mit meinen Kindern in meiner Familie zusammenleben?” Es ist zunächst nur meine ganz persönliche Entscheidung für eine Lebensform, für die ich auch persönlich die Verantwortung übernehme.

...dass die Kinder ja doch irgendwie “von sich aus lieb, brav, sozial, respektvoll, rücksichtsvoll, hilfsbereit, keine Drogen nehmen etc. etc.”

Nein. Kinder sind von sich aus zunächst ‘nur’ kooperativ, lernbereit und bereit, den Eltern zu folgen. Was daraus wird, hängt von der Umgebung ab.

Kinder, die bei einer Räuberbande aufwachsen, werden in der Regel ebenfalls Räuber.

Wir finden doch diese “Ergebnisse” toll…

Nein. Es geht nicht um ein “Ergebnis”. Es geht darum, wie ich mich verhalte, wenn mein sechs Monate altes Kind während des Fütterns beginnt, im Essen rumzumantschen, nach dem Löffel zu tapsen, dabei evtl. den Teller runter schmeisst … Werde ich sauer, schimpfe ich – oder verstehe ich, dass dies nicht aus Bosheit geschieht, sondern der Beginn des Lernprozesses “Essen” ist?

Ich bleibe nicht deshalb gelassen und geduldig, um in 10 Monaten ein Ergebnis zu haben, sondern weil ich verstehe, was das Kind jetzt tut. Ob da einmal ein vor mir gewünschte Ergebnis heraus kommt, steht in den Sternen: Kinder beim Aufwachsen zu begleiten ist immer ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Denn schließlich haben auch sie einen ‘freien’ Willen und sind in der Lage, selbst zu entscheiden. Ob mir das immer gefallen wird – wie soll ich das bei einem sechs Monate alten Kind wissen?

Dasselbe gilt z.B. in Sudbury Valley bei meinem Lieblingsbeispiel: Der Junge, der monatelang jeden Morgen aufs Sofa liegt und den Unterricht verschläft. Niemand konnte wissen, was am Ende dabei herauskommen würde. Aber man hat seine Entscheidung geachtet.

...wir wollen sie [die Ergebnisse], und wir nutzen die nach unseren Informationen “beste Methode”...

Nein. Sondern ich behandle mein Kind in jedem alltäglichen Augenblick so, dass ich seine Fragen und Handlungen redlich beantworte: wenn das einjährige Kind im Einkaufswagen die Hand ausstreckt, weil es beim Beladen des Einkaufswagens helfen will, dann lasse ich es helfen; genauso lasse ich es an der Kasse helfen, die Waren aufs Band zu legen. Das ist die Methode und das Ziel und die Lebensphilosophie ... wie immer du das nennen willst.

...um das Ziel (vernünftige und soziale Kinder) zu “erreichen”?

Nein, sondern hier und jetzt mit meinen Kinder zu leben, Tag für Tag. Was daraus wird, wird sich zeigen. Das weiß man immer erst hinterher.

Antwort von Willibald Papesch. Veröffentlicht mit Genehmigung.

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