Bedürfnisse

Johanna, 28.11.2006

Generell wird gerne zwischen “Bedürfnissen” und “Wünschen” unterschieden. Die Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis wird z.B. gemacht, wenn man sagt, diese eine Aufgabe muss gemacht werden, die andere Tätigkeit ist nur ein Wunsch. Meine Tochter will nur laut Musik hören (Wunsch), ich muss schlafen (Bedürfniss). Ich will nicht leugnen, dass es “Bedürfnisse” gibt – aber eigentlich sind sie im Endeffekt, und vor allem für Kinder, das selbe. Für Kinder sind das entweder alles “Wünsche”, oder alles “Bedürfnisse”.

Indem man behauptet, Bedürfnisse “müssten” erfüllt werden, während Wünsche quasi nur Luxus sind, verleiht man Bedürfnissen eine besondere Macht, eine besondere Gewichtung: Bedürfnisse stehen in der Prioritätsskala höher als Wünsche.

Das spüren Kinder – Und das spüren Eltern! Deshalb sagen sie bei manchen Sachen: “Wir müssen X machen”, obwohl sie oftmals sagen könnten “Wir wollen X machen” oder “Ich möchte X machen”. Dann aber könnten die Kinder theoretisch “nein” sagen. Die Eltern fürchten, dass ihre Bedürfnisse (oder eben Wünsche) zu kurz kommen (Schlaf, Einkauf, Arbeit, ein schöner Abend nur zu zweit…), und daher nutzen sie das Wörtchen “muss”. Das Wort “Bedürfnis”, ob ausgesprochen oder in unseren Köpfen, rechtfertigt, dass wir zu dessen Durchsetzung die Freiheit anderer einschränken dürfen – es “muss” ja gemacht werden, da müssen wir durch.

Von Geburt an sind wir eigentlich frei. Diese Freiheit wird Stück für Stück von uns abtrainiert, indem (unter anderem) genau diese Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Wunsch gemacht wird. Wenn ein Kind irgendwas will, ist es ihm erst Mal völlig gleichgültig, ob das jetzt ein “Bedürfnis” ist, oder ein “Wunsch” – es will es einfach. Genauso macht es vorerst keine Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Wunsch eines Erwachsenen – bis das erfolgreich durch Erziehung antrainiert wird. Wer übrigens entscheidet, was ein Bedürfnis und was ein Wunsch ist, ist sowieso eine gute Frage (meistens entscheiden das nämlich die Eltern), und ob die Erfüllung der Wünsche nicht letztendlich auch ein Bedürfnis des Menschen ist, ist auch nicht geklärt.

Wenn wir sagen “Ich möchte heute einkaufen gehen” oder “Ich möchte, ich wünsche, dass ihr mit mir einkaufen geht”, sagt man eigentlich “Das ist mein Wunsch, du bist eingeladen mitzukommen – und du bist frei, frei zu entscheiden, ob du das eventuell auch möchtest.” Das kann Angst machen, vor allem, wenn man das nicht schon immer so gehandhabt hat (und daher erst Mal sehr oft “nein” hören wird). Wenn man schon so oft auf die “Bedürfnisse” gepocht hat, und mit ihrer Erlaubnis die Freiheit der Kinder eingeschränkt hat, werden Kinder nämlich weder Wünsche noch Bedürfnisse ernst nehmen – für sie ist es einerlei und schränkt ihre Freiheit ein. Dann ist es kein Wunder, wenn sie bei beiden “trotzen” oder versuchen ihre Wünsche durch Machtanwendung in “Bedürfnisse” umzuwandeln (→ “Machkampf”).

Wenn Menschen die Freiheit haben, Wünschen mit einem “nein” zu begegnen, und ihre eigenen Wünsche nicht zu kurz kommen, haben sie keinen Grund, ihre Wünsche “Bedürfnisse” zu nennen und/oder durch ein “nein”, ihre Freiheit schützen zu müssen.

Oder anders:

Wenn Menschen die Freiheit haben, Bedürfnissen mit einem “nein” zu begegnen, und ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen, haben sie keinen Grund, Bedürfnisse anderer als “nur Wünsche” abzutun, um ihren eigenen Bedürfnissen mehr Gewicht zu geben.

Wenn man zwischen Bedürfnissen und Wünschen unterscheidet, wird man oft vor einer Art Wettkampf (Machtkampf) stehen: Welches unserer “Bedürfnisse” ist “höher”, welches ist eigentlich “nur” ein Wunsch? Wenn du dein Bedürfniss erfüllt kriegst, kann ich nicht meinen Wunsch erfülle, oder umgekehrt. Meins ist aber eigentlich ein Bedürfnis – nein, es ist nur ein Wunsch. Wenn du laut Musik hörst, kann ich nicht schlafen – ich muss schlafen, dein Wunsch nach lauter Musik ist nicht “gültig”, nicht “gewichtig” genug.

In einem nächsten Schritt geht es daher darum, die Wünsche/Bedürfnisse aller in der Familie miteinander vereinbar zu machen. Da “muss” ;) man oft kreativ sein. Aber da es eigentlich in der Natur des Menschen liegt, frei zu sein, wird es auf lange Sicht nicht so schwer sein, kreativ zu sein, um Lösungen zu finden, die die Freiheit aller in der Familie beachten, weil jeder daran ein Interesse hat, frei zu sein. Wir müssen uns nur “abtrainieren”, Wünsche und Bedürfnisse so heftig zu unterscheiden. Kopfhöhrer oder Ohropax könnten das Problem lösen, Übernachten bei einer Freundin oder in einem anderen Zimmer ebenfalls (um nur ein paar Lösungsvorschläge für das Beispiel zu nennen).

Wenn Familien gelernt haben, alle Wünsche und Bedürfnisse gleich wichtig zu nehmen und sie möglichst alle zu erfüllen und miteinander vereinbar zu machen, haben Kinder weder einen Grund, bei der Erfüllung der Wünsche anderer Familienmitglieder nicht mitzuwirken, noch einen Grund, ihre Wünsche “Bedürfnisse” zu nennen, damit wenigstens manche davon erfüllt werden (müssen).

Ich bevorzuge es, Wünsche und Bedürfnisse gleichsam “Bedürfnisse” zu nennen, weil ich sie gleich wichtig finde. Mir ist schon klar, dass es theoretisch eine Unterscheidung gibt – es geht mir hier nur darum, beiden Begriffen die selbe Wichtigkeit zu geben. Es ist klar, dass wenn es hart auf hart kommt (Krieg, Hungersnot…), Bedürfnisse höher stehen – aber zum Glück leben wir nicht im ständigen Notfall. Zudem bin ich überzeugt, dass im Notfall auch Kinder die Notwendigkeit der Unterscheidung und der Prioritätensetzung begreifen.

Warnung:

Wurde ein Kind in seiner Freiheit eingeschränkt und will man dies nicht mehr tun, braucht es eine gewisse Zeit (das kann sich über Monate hinziehen), bis es wieder Vertrauen hat und bis es genug Freiheit “nachgeholt” hat. Es folgen also Monate, in denen man besonders kreativ sein muss, und besonders viel “Nein” zu hören bekommt. Geduld!

Inspiriert von Scott Noelle .

2 Kommentare zu “Bedürfnisse”

Da ist aber was schief gegangen. Bedürfnisse werden alle! einer Hierarchie zugeordnet. Sie sind unterteilt in kognitive, sozial – emotionale und körperliche Bedürfnisse. So kann der Wunsch nach einer neuen Hose Ausdruck eine körperlichen Bedürfnisses nach Schutz sein (es wird kalt) oder z. B. ein Bedürfnis nach Anerkennung (die anderen Hosen sind nicht hip) Der Wunsch an sich stellt den Ausdruck eines Bedürfnisses dar. Die Unterscheidung findet also ganz woanders statt als bei wichtig und unwichtig, das mag in manchen Familien alltagssprachlich so gehandhabt werden, hat aber keine Grundlage. (z.B. Maslow) Es können sich also nur zwei Bedürfnisse gegenüber stehen. Wünsche sind konkreter und eher Ausdruck von Bedürfnissen. Ein Wunsch kann aber z.B. auch neben dem Bedürfnis liegen. Z.B. Kind will im Supermarkt Süßes – aber das Bedürfnis nach Zuwendung z.B. ist vorher nicht erfüllt worden. Es ist sehr wichtig zwischen Wunsch und Bedürfnis zu unterscheiden, aber nicht um das eine als wichtiger zu erachten, sondern um zu gucken, durch welches Bedürfnis der Wunsch motiviert ist. . Vielleicht muss man mal ein bisschen lesen, bevor man irgendwas ins Netz schreibt, was niemanden hilft, schon gar nicht Kindern.

Wie ich eben sehe, hat Johanna diesen Artikel vor über 3 Jahren geschrieben – und würde mittlerweile bestimmt ein bisschen anders argumentieren oder zumindest anders formulieren… ;-)

Ich für meinen Teil sehe den Sinn nicht, zwischen Wünschen und Bedürfnissen zu unterscheiden.
Ich sehe auch keine Veranlassung, Wünsche oder Bedürfnisse meines Kindes höher zu stellen als meine eigenen. Das ist alles das gleiche, auch wenn die Positionen andere sind.
Klar bin ich erwachsen, habe Erfahrung, größeres Wissen, eine besser trainierte Frustrationstoleranz. Aber auch in mir steckt noch das erzogene Kind, dessen Eltern den kindlichen Gefühlen wenig Bedeutung beigemessen haben. Auch ich will gehört und beachtet und respektiert werden. Mein Kind hingegen ist noch jung, und je jünger und unerzogener ein Kind ist, desto anpassungsfähiger und verzichtbereiter ist es.
Und so wie mein Kind von mir erwarten kann, dass ich sowohl seine Wünsche als auch seine Bedürfnisse erfülle, SOWEIT ES MIR MÖGLICH IST, ist auch mein noch nicht mal 2jähriger bereit, es gelassen hinzunehmen, wenn ich MEINE Bedürfnisse einfach durchsetze (von ihm aktive Erfüllung meiner Bedürfnisse zu erwarten wäre wohl doch zuviel…)
Ich finde, der Vergleich passt. Wenn Kind und Mutter gleichermaßen respektiert werden müssen, dann auch Wunsch und Bedürfnis, weil eins zum anderen gehört, weil das eine das Kind des anderen ist.

Und: in Drittweltländern (nicht NUR dort) ist es der Normalzustand, dass wenige Bedürfnisse hinreichend erfüllt werden. Da geht es einfach nicht. Aber die Bedürfnisse werden nicht geleugnet, nicht kleingeredet, nicht lächerlich gemacht, und es werden einem Kind keine Schuldgefühle eingeredet, weil es unerfüllte Bedürfnisse hat. Sie werden respektiert und verstanden. Und darum leidet ein Kind nicht allzu sehr.
Hierzulande wird ein Wunsch geäußert, dem ein Bedürfnis zugrunde liegt – und BEIDES wird allzu oft geringschätzig kommentiert, und eine Erfüllung gar nicht in Erwägung gezogen. DARUNTER würde jeder leiden, ob Kind oder Erwachsener.

So wie die meisten Menschen es hassen, sofort Lösungen aufgedrückt zu bekommen, sobald sie über ihre Sorgen reden – und trotzdem ihren eigenen Kindern jede Sorge sofort aus den Händen nehmen – genauso verstehen viele Erwachsene nicht, dass Kinder genau wie sie selbst durchaus gern mal auf was verzichten – eine Mahlzeit oder eine Veranstaltung oder ein Kleidungsstück – wenn der Preis eindeutig zu hoch wäre oder jemand leiden würde, falls man selbst zufriedengestellt würde.

Nur da, wo aus Prinzip oder auf beleidigende Weise und ohne vernünftigen Grund etwas abgelehnt wird, sind wir alle wirklich gekränkt.

Das Beispiel mit den Süßigkeiten, die Ersatz für Zuwendung sein sollen, ist in meiner kleinen Familie überhaupt nicht vorstellbar, weil die beiden Sachen miteinander gar nichts zu tun haben. Das mag in anderen Familien anders sein, wo Süßigkeiten bei Wohlverhalten erlaubt und bei Fehlverhalten verboten sind. Da wird ein Kind vermutlich schreien und toben, um etwas TROTZ Fehlverhaltens zu bekommen, was mit Liebe gleichgesetzt wird. Einfach nur, um das Gefühl zu bekommen, dass es in jeder Lebenslage geliebt ist. Aber wenn ein Kind sowas nötig hat, ist doch schon allzu viel schief gegangen…

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