„Manchmal muss man erziehen“

Johanna, 21.05.2010

Da sich rationales Denken im kindlichen Gehirn erst ab dem fünften Lebensjahr erst entwickelt [wahlweise anderes Alter einsetzen] und die Eltern gegenüber dem Kind Verantwortung tragen und eine Fürsorgepflicht haben; da die Umsetzung in vielen Fällen nicht mit “vernünftigen” Erklärungen erreicht werden kann; da die Eltern auch Bedürfnisse haben; und da wir in Kleinfamilien leben, also wenig Unterstützung und häufig viel Arbeit oder Stress haben, ist es nun mal nicht immer machbar, in allem auf das Kind respektvoll und nicht-erzieherisch einzugehen. Je nach Situation sind die Eltern oft gezwungen, ihren Kindern Entscheidungen abzunehmen, gegen deren Willen und im schlimmsten Fall sogar durch den Einsatz von Macht oder Manipulation.

Ich finde, das ist eine gut ausgeklügelte Rechtfertigung dafür, dass man die Kinder also erziehen darf – so manchmal, so ein bisschen.

Warum „müssen“ wir Macht und Manipulation einsetzen – warum „müssen“ wir nicht stattdessen z.B. in eine Hausgemeinschaft ziehen, ein Ökodorf gründen, auswandern oder in eine kinderreiche Nachbarschaft umziehen, uns Babysitting oder Elternteams organisieren, damit wir es schaffen, oder sonst wie Bedingungen schaffen, wo das nicht mehr „nötig“ ist?

Ich meine: Wenn wir schon „müssen“ und das so „schön“ zu rechtfertigen wissen, dann kann man ganz andere „Müssens“ einsetzen, die im Grunde viel logischer oder zumindest kindgerechter wären.

Natürlich hat so ein Text in gewisser Weise recht: Wir leben in Kleinfamilien und ungünstigsten Lebensbedingungen für ein respektvolles Miteinander. Es ist häufig so, dass wir uns in der einzelnen Situation “gezwungen” fühlen, und es ist definitiv ein Ist-Zustand.

Aber wir fühlen uns nur gezwungen, wir müssen nur in lebensbedrohlichen Notfällen Macht einsetzen (mir fällt kein Notfall ein, bei dem Manipulation die bessere Wahl wäre, aber vermutlich gibt es irgendwelche Ausnahmen, die man sich ausdenken kann).

Wir haben immerhin gewählt, in der Kleinfamilie zu leben – viele haben das aber eben nicht! Es ist also möglich! Sonst gäbe es ja auch keine Ökodörfer, extra gegründete Dorfgemeinschaften, es formierten sich zur Zeit nicht etliche Hausgemeinschaften oder WGs etc.

Die Bedingungen, die uns zu manipulativen bzw. erzieherischen Handlungen (angeblich) “zwingen” kann man höchstens als Ist-Zustand darstellen, mit dem man (erstmal) zurecht kommen muss – man KANN aber auf jeden Fall jeden Tag etwas dafür tun, dass sich dieser Ist-Zustand ändert.

Sich nichts vormachen, das finde ich sehr wichtig: Wenn wir erziehen, dann nicht weil wir „müssen“, sondern weil wir gewisse Lebensumstände so oder so gewählt haben. Es so wie oben darzustellen, schiebt die Verantwortung weg: “ja wir ‘müssen’ halt”. So wie wenn man einen Befehl kriegt, und man dann angeblich „nichts machen“, auch wenn es noch so ein unmoralischer Befehl war – war ja ein Befehl von oben.

Ich sage nicht, dass ICH es schaffe, auf Macht und Manipulation total zu verzichten. Bei mir ist es so, dass mir die Kleinfamilie arg zusetzt – aber dann zu sagen, “ja ich muss ja”, und mich damit wohl zu fühlen, das kann ich nicht. Ich denke dann, ich mache es (Ist-Zustand), da es aber eben Mist ist, sehe ich zu, dass ich diesen Umstand ändere. Das dauert bei mir nun schon knapp vier Jahre! Und wenn es noch weitere vier dauert, dann war das lang, aber es wird sich trotzdem noch lohnen.

Eine solche Änderung kann bei jeder Familie andersaussehen, ich denke “Entlastung” ist das Stichwort: Putzhilfe, Putz-Ring mit Freunden, Hausgemeinschaft, WG, Ökodorf, Gemeinschaft, Auswandern oder umziehen dorthin, wo es Gleichgesinnte gibt, Freunde finden, anderen helfen, um selbst Hilfe zu bekommen, Kindergarten, Rockzipfel, Babysitting in Anspruch nehmen, oder weiß der Kuckuck.

Erst, wenn man alles unternommen hat, um all diese Möglichkeiten zu testen oder hinzukriegen, und es hat NIX geklappt, dann kann man sagen: “Ich musste, es ging sonst einfach nicht”. Es von vorne herein auf den Tisch zu legen für alle als bequeme Rechtfertigung, davon halte ich nichts.

4 Kommentare zu “„Manchmal muss man erziehen“”

Woher ist denn das Zitat?

Außerdem gehst Du sehr auf den letzten Abschnitt mit der Kleinfamilie ein aber nicht auf den Anfang. Fürsorgepflicht haben wir schließlich auch in der Besten aller Welten. Ich kann mir Deine Antwort ungefähr vorstellen, wollte nur darauf aufmerksam machen, dass das etwas irritiert so.

Außerdem gehst Du sehr auf den letzten Abschnitt mit der Kleinfamilie ein aber nicht auf den Anfang. Fürsorgepflicht haben wir schließlich auch in der Besten aller Welten. Ich kann mir Deine Antwort ungefähr vorstellen, wollte nur darauf aufmerksam machen, dass das etwas irritiert so.
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Hallo Benni,

wie kommst du denn darauf, dass wir eine Führsorgepflicht hätten? Ich sehe nur ein Führsorgerecht. Ich kann mich jederzeit dazu entscheiden, meinen Kindern keine Führsorge zu geben. Damit ist nicht automatisch gemeint, dass ich meine Kinder verwahrlosen lasse. Ich kann meine Kinder auch anderen Menschen anvertrauen. Ab einem bestimmten Alter können auch die Kinder sich anderen anvertrauen oder sich um sich selbst kümmern. Sicherlich wirken verschiedene Kräfte auf mich ein, die mir so eine Entscheidung erschweren. Nicht für seine Kinder zu sorgen ist (wenigestens für die Mütter und ganz langsam zunehmend auch für Väter) gesellschaftlich geächtet. Diese Entscheidung hätte also Auswirkungen auf meine gesellschaftliche Rolle. So eine Entscheidung würde auch gegen Instinkte getroffen werden müssen, wenn sie denn noch ausgeprägt genug sind. Trotzdem entscheiden sich Mütter (und noch viel mehr Väter) dazu, ihr Führsorgerecht nicht umzusetzen. Wenn es eine Pflicht zur Führsorge gäbe, dann wäre diese Entscheidung doch schon ausreichend, diese Menschen irgendwie zu verurteilen oder zu bestrafen, oder? Bestraft wird aber vielmehr eine Vernachlässigung und die muss nicht automatisch eintreten, wo Menschen sich dazu entscheiden, ihr Führsorgerecht nicht anzunehmen.
Das wollte ich nur mal geschrieben haben und nun warte auch ich darauf, dass Johanna mal schreibt, woher sie das Zitat hat :-)

LG
Andy

hallo,
mein sohn haut, schubst andere kinder,(auch die, die wir öfter treffen) setzt sich auf die rutsche wenn sie rutschen wollen, direkt vor die schaukel… er streichelt sie auch, gibt was ab… er ist 3, 5jahre alt, geht noch nicht in die kita und ich bin alleinerziehend. dieses aggressive verhalten ist natürlich äußerst unerwünscht und ich fühle mich so richtig schlecht damit. ich versuche mich so wenig gewaltvoll zu verhalten wie möglich, am liebsten überhaupt nicht.(bewußtsein, meditieren muss ich endlich mal anfangen). reicht es immer nur zu sagen das er das nicht darf, dass es weh tut… oder den spielplatz zu verlassen, oder zu drohen, dass wir erstmal nicht mehr auf den spielplatz gehen. ich weiß ja auch nicht. ist alles nicht so befriedigend. wahrscheinlich paßt meine frage nich so recht zum text. vielleicht kann mir trotzdem jemand weiterhelfen.

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