Manipulation vs. Zwang

Johanna, 10.09.2010

Aus der unerzogen Mailingliste gefischt: bq. Ist beim Zähneputzen sanfte Manipulation offenem Zwang vorzuziehen? Anuschkas Antwort: Ich versuche es mal theoretisch aufzudröseln und beginne mit dem “Werkzeug” Manipulation. Zu Manipulation geht mir (zunächst mal losgelöst von der praktischen Ebene) folgendes durch den Kopf: Manipulation definiert sich dadurch, dass der Manipulierende den Manipulierten absichtlich beeinflusst, um zu erreichen, dass dieser in bestimmter Weise denkt und handelt, ohne dass dieser es merkt. Für mich entscheidend ist dabei, dass der Manipulierende so handelt, dass der Manipulierte nicht merken soll, dass er manipuliert wird und seine Strategie genau darauf ausrichtet sowie, dass der Manipulierende die Art und Weise definiert, wie der Manipulierte sein, handeln oder denken soll. Letzteres ist für mich wesentlicher Bestandteil einer erzieherischen Haltung. Die Werbung setzt z. B. bewusst Manipulation ein und die Menschen denen das bewusst ist, empfinden das als unangenehm und vor allem unehrlich. Die Werbung wirkt

dann auch nicht mehr. Die Werbung sagt nicht vor dem Spot: Hey, ich will mein Produkt verkaufen und deswegen habe ich einen Spot entwickelt, der dich dahingehend beeinflussen will, dass Du denkst, Du bräuchtest mein Produkt, obwohl das gar nicht so ist. Die Werbeindustrie wird als unlauter, skrupellos etc. empfunden. Wenn ich für mich erspüre, was Manipulation mit mir persönlich macht, dann würde ich den offenen Zwang der Manipulation vorziehen. Ich finde die Vorstellung, dass sich jemand überlegt, wie er mich ohne mein Wissen, also hinter meinem Rücken zu einer Handlung oder einer Denkweise bewegen kann, die ich überhaupt nicht möchte als seelisch gewaltvoll und vor allem fühle ich mich hintergangen. Allein die Tatsache, dass ein anderer so über mich (nach)denkt, fühlt sich erzieherisch und scheiße an. Durchschaue ich die Manipulation, fühle ich mich erniedrigt, für wie doof mich mein Gegenüber hält, dass ich auf eine solche Manipulation hereinfalle. Manipulation ist für mich durch und durch unehrlich. Zwang ist natürlich auch scheiße, zumindest aber ehrlicher. Ich weiß dann woran ich bin und kann mich zur Wehr setzen. Manipulation ist dahingehend sogar auf ganz vielen Ebenen unfair, gemein und ungleichberechtigt, denn der Manipulierende erreicht nicht nur, was er will, sondern er erreicht es auch, ohne die eigene Position ehrlich benennen zu müssen, ohne Zwang einzusetzen, er umgeht den Konflikt, er verwischt seine eigentliche Haltung dem Manipulierten gegenüber. Kindern gegenüber kommt eine weitere Dimension dazu. Kinder können aufgrund ihrer Erfahrungen und aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses weniger gut erkennen, ob sie manipuliert werden. Das macht es Ihnen gegenüber noch gemeiner. Je mehr ich so darüber nachdenke, finde ich Manipulation (so wie ich sie oben definiert habe) eigentlich völlig inakzeptabel innerhalb einer Beziehung und ich glaube auch, dass sie schädlich für die Beziehung ist. Ein Beispiel aus meiner eigenen Vergangenheit: In einem ehemaligen Arbeitsverhältnis hat es mein damaliger Arbeitgeber geschafft, dass ich dachte, selbst davon überzeugt zu sein, Überstunden machen zu müssen, dass ich die viele Arbeit brauche, um mich erfüllt und glücklich zu fühlen. Er hat dies manipulierend gemacht, indem er mich einem Mix aus Lob und Tadel aussetzte und mir immer wieder ein schlechtes Gewissen gemacht hat. Während das funktionierte, habe ich ihn sehr nett gefunden, habe das Arbeitsverhältnis als sehr vertrauensvoll und ehrlich empfunden. Später, als ich seine Taktik für mich durchschaut hatte und endlich spürte, dass mir die viele Arbeit nicht gut tut, hat dies rückwirkend das Vertrauensverhältnis zerstört. Dass er eine solche Haltung mir gegenüber einnahm, empfand ich als sehr unangenehm, ich fühlte mich ausgenutzt. Mein Wohlergehen war ihm eigentlich die ganze Zeit egal gewesen. Das fühlte sich scheiße an und ich habe letztlich das Arbeitsverhältnis beendet und mir vorgenommen, mich so nicht mehr behandeln zu lassen und Menschen zu meiden, die eine solche Haltung mir gegenüber einnehmen. Spannend ist auch: Wie fühlt sich Manipulation für einen Erwachsenen an, wenn er die Rolle des Manipulierten hat? Jetzt zurück zur Eltern-Kind-Beziehung. Nun gibt es (hoffentlich) einen Unterschied zwischen der Werbeindustrie und Eltern. Der Werbeindustrie (und meinem ehemaligen Arbeitgeber) ist unser Wohlergehen wurscht, sie will Umsatz machen, deswegen setzt sie Manipulation ein. Das Elternteil möchten im Zahnputzbeispiel durch die Manipulation erreichen, dass es seinem Kind wohl ergeht, es gesund bleibt und keine Karies bekommt und/oder es möchte keinen Zwang anwenden (müssen), um das Ziel Kariesvermeidung zu erreichen (mit Gewalt putzen), weil Zwang/Gewaltanwendung als (noch) schädlicher für die Beziehung empfunden wird als Manipulation. Gleichzeitig steht das Ziel Kariesvermeidung/ Gesundheitserhaltung nicht zur Diskussion. Die Frage zu beantworten, ob es (immer vorausgesetzt, dass die Entscheidung lautet: Zähne putzen oder welches Ziel auch immer MUSS erreicht werden) für ein junges Kind weniger schädigend ist, sanft manipuliert zu werden durch Tricks oder offen gezwungen zu werden, finde ich extrem schwierig zu beantworten. Letztlich muss das jeder Elter mit sich selbst ausmachen. Aber z. B. bei den “Tricks” lohnt es sich, genau hinzusehen. Auch wir haben zu Hause verschiedene Sorten Zahnpasta, viele verschiedene Zahnbürsten, es kann überall in der Wohnung geputzt werden, wir laden zum Zähneputzen ein, wir bitten darum, wir nerven auch mitunter damit, wir informieren, machen immer wieder deutlich, dass wir Angst haben, dass die Zähne unseres Sohnes (3,5) kaputt gehen und ihm dann weh tun, es teuer ist, das wieder zu reparieren etc. Wir haben gemeinsam einen Film geschaut, damit ihm klar wird, warum wir glauben, Nichtputzen mache die Zähne kaputt und gerade bei viel Zuckerkonsum könnte das Kaputtgehen schneller gehen. Aber der für mich wichtige Unterschied ist: Wir spielen mit offenen Karten. Wir sagen dem Kind offen, dass wir ihn mit den o. g. Handlungen/Infos dazu bringen möchten, Zähne zu putzen oder ihm das Zähneputzen für ihn attraktiver zu gestalten, weil ICH Angst habe, dass seine Zähne kaputt gehen. Ich werde kreativ und versuche Umstände zu schaffen, die es ihm leichter machen, sich für das Zähneputzen zu entscheiden. Ich appelliere an sein Vertrauen mir gegenüber. Das ist für mich keine Manipulation (und damit auch keine Erziehung). Natürlich versuche ich, ihn zu beeinflussen, ihn zu überzeugen, aber ich tue dies offen, meine Intention ist dem Kind bekannt. Und Kind kann sich TROTZDEM gegen Zähneputzen entscheiden, was er auch oft genug tut. Ich finde das oft genug scheiße, aber es ist halt so. Kürzlich nervte ich meinen Sohn und brabbelte vor mich hin, dass ich ja auch Zähne putze und ich es doof finde, dass er es nicht macht, und es ja schnell geht und ich ja auch helfe meckermecker und darauf sagte er zu mir: “Du bist Du und ich bin ich, ich will jetzt nicht, ich putze morgen!” Solche Antworten zeigen mir, dass ich – würde ich ihn zwingen – einfach total krass in seine persönliche Freiheit eingreifen würde, was unsere Beziehung nachhaltig schädigen würde. Er hat tatsächlich an nächsten Tag geputzt und mich auch darauf hingewiesen. Ich arbeite gerade daran, ihn nicht mehr vollzulabern, sondern loszulassen. Das würde uns beiden gut tun. Er würde wahrscheinlich sogar ÖFTER putzen. Was mir beim Schreiben gerade klar wird: Es ist für mich die grundsätzliche Entscheidung für Ehrlichkeit, mich GEGEN Manipulation zu entscheiden. Ob sanft oder krass ist mir in dem Zusammenhang egal. Wenn ich mir vorstelle, dass mein Sohn irgendwann zu dem selben Schluss mir gegenüber kommt, wie ich meinem ehemaligen Arbeitgeber… grusel!

1 Kommentar zu “Manipulation vs. Zwang”

Mir gefällt der Artikel sehr gut.
Nicht so gut finde ich, dass oft der Begriff “scheiße” benutzt wird. Ist “scheiße” überhaupt ein Adjektiv?
Gruß von Liesel

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