Manieren

Johanna, 03.06.2007

Von Joyce Fetteroll

Manieren… hmm. Kinder lernen diese von Vorbildern. Wenn du freundlich bist, werden deine Kinder lernen, freundlich zu sein.

Stimmt nicht ganz.

Ich habe Eltern gesehen, die wirklcih süß und nett und freundlcih zu ihren Kindern sind, und diese scheinen barsch, “unverschämt” und fordernd zu sein. Ich denke, Eltern sollten ihre Kinder wissen lassen, wenn sie unhöflich sind, und sie sollten wirklich mit ihnen über den Sinn von Höflichkeit reden und wie diese das Miteinander vereinfacht. Anders ausgedrückt: Ich glaube meine Kinder (die meistens sehr gute Manieren haben) haben Freundlichkeit am meisten durch ihr Leben mit Eltern gelernt, die gute Manieren haben, aber ich denke, es gibt Zeiten für Diskussionen und Zeiten, an denen man Dinge direkt in den Aufmerksamkeitsbereich der Kinder bringen sollte. Und ich denke nicht, dass Eltern ihre Kinder wirklich Unruhe stiften lassen sollten.

Wenn ein Kind “unverschämt” ist, z.B. in einem Restaurant, und andere Gäste stört – würde ich das Kind nicht bestrafen, keins “auf die Finger hauen”, nicht tadeln (wie oft hat man Eltern gesehen, die unglaublich unverschämt sind während sie ihren Kindern sagen, sie sollen nicht unverschämt sein?). Aber ich würde sagen: “Schatz, das war nicht höflich, es stört die anderen Gäste”. Und wenn das Kind weiter machen würde, würde ich mit ihm oder ihr raus gehen und es ein bisschen herum rennen lassen.

Ich schlage nicht vor, dass Eltern die Geh-und-sag-Frau-Müller-Dankeschön-Routine durchziehen sollen, sondern Informationen geben können, wie: “Frau Müller würde es wahrscheinlich mögen, wenn du ihr danken würdest.”

Es gibt sogar mit viel älteren Kindern Zeiten, wenn sie einfach nicht daran denken/begreifen, welche Wirkung sie auf andere haben. Es ist also nicht oft, aber selten, dass ich immernoch so was sage wie: “So-und-so hat sich viel Mühe für dich gemacht, hast du ihm genug gedankt?”. Und manchmal werde ich vielleicht darauf hinweisen, was für eine Wirkung Leute ohne Manieren auf andere Menschen haben, die mit ihnen interagieren – darauf hinweisen, wie Menschen viel eher irgendwas für jemanden machen, wenn diese Dankbarkeit zeigen, z.B.

Also, sei vorsichtig, dass du deinen Mann nicht falsch informierst wenn du denkst, dass radical unschooling so “Hände-Weg” ist, dass wir Informationen vorenthalten und erwarten, dass unsere Kinder nur vom Vorbild lernen.

Ich habe alles versucht von Auszeiten über Ignorieren über Zimmerarrest für den Rest des Abends bis Schlagen. Nichts hat geholfen. Jetzt würde ich alles versuchen, was dem Schlagen ein Ende bereitet, aber gleichzeitig möchte ich, dass sie befreift, dass sie ein Mitglied der Familie ist, und dass sie die anderen mit dem selben Respekt behandeln muss, den sie erhält, anstatt mit ihrer dauernd garstigen Haltung.

Wenn du dir die Liste der Dinge anschaust, die du ihr antust, so ist sie aus ihrer Sicht nicht respektvoll.

Du versuchst sie zu kontrollieren. Und sie versucht nicht kontrolliert zu werden. Ja, es wird ein Kampf sein. Es gibt keine freundliche Art, jemanden anderes daran zu hindern, das zu tun, was er für korrekt hält.

Eine Frau hier in der Mailingliste hat etwas erwähnt, das sie von der La Leche League gelernt hatte und was ihre Perspektive unheimlich verändert hat:

“Du bist nicht deines Kindes Gegner, du bist sein Partner.”

Es hilft unheimlich, wenn wir uns gedanklich davon verabschieden, unsere Kinder ändern zu wollen und uns stattdessen darauf konzentrieren, ihnen zu helfen, der Mensch zu sein, der sie sind.

Ja, ich weiß, du willst ihr nicht helfen, garstig zu sein! Aber Garstigsein ist eine Reaktion auf etwas, was in ihrem Leben gerade passiert. Es ist nicht, wer sie wirklich ist. Es ist einfach die beste Antwort auf eine untolerierbare Situation, zu der sie fähig war.

Ihr inakzeptables Verhalten kommt vom Kontrolliert Werden. Dies macht ihr Verhalten noch unakzeptabler, und so fühlt es sich so an, als bräuchte sie noch mehr Kontrolle.

Sei ihr Partner und nicht ihre Kontrolleurin und hilf ihr, das zu bekommen, was sie vom Leben erwartet.

Durch die momentanen Umstände ist sie sicherlich nicht gerade so sozial wie sie sein könnte. Aber nimm an, dass sie ihr Bestes tut und dies unter feindlichen Umständen. Sie versucht sich an das zu halten, was sie ist, und sie opfert Freundlichkeiten, um das zu erreichen. Nimm an, das ist das Beste was sie gerade tun kann und hilf ihr, noch bessere Wege zu finden.

Sei ein Vorbild in Sachen Respekt für sie. Behandele sie mit Respekt. Warte nicht, bis du denkst, sie verdient dein Respekt. Respektiere sie für das, was sie im Innern ist, anstatt für die Kreatur von der sie glaubt, sie müsste sie werden, um für Selbstkontrolle zu kämpfen.

Sieh es Mal so: Wenn ein kontrollierender Erwachsener dächte, du solltest höfliche Manieren in der Kirche auflegen und du meintest, du würdest dich längst OK verhalten, würdest du diese Person respektieren und dich hin zu seinen Ideen verändern, wenn er dir eine Auszeit geben würde, dich ignorieren würde, wenn du mit ihm sprechen würdest, wenn er dich in dein Zimmer einsperren würde oder wenn er dich schlagen würde?

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir uns für jemanden verändern wollen, der mit uns schimpft! Aber wir würden in Erwägung ziehen, jemandem einen Gefallen zu tun, der uns liebt und respektiert für das, was wir schon sind.

Wenn du uns konkretere Beispiele gibst, wäre was ich sage, vielleicht ein bisschen klarer.

Ich fühle jedoch, dass ich zu sehr brülle und zur barsch spreche. Ich hab außerdem 3 jüngere Kinder (Sohn 6, Sohn 4 und Tochter 2)

Teil des Prozesses ist sich darüber Klaren zu werden, was man tut. Wie wir gegenüber unseren Kindern reagieren, wird “automatisch” und daher müssen wir jetzt zu “auf Manuell” umschalten (vielleicht hast du diesen Teil schon gemeistert).

In letzter Zeit war ich sehr frustriert über das Verhalten meiner Kinder. Es scheint einfach so, als ob sie nur für sich selbst Respekt hätten. Ich meine mit Respekt, dass ihnen die Gefühle oder natürlichen Grenzen der anderen Mitmenschen egal zu sein scheinen.

Dies könnte Teil ihrer Persönlichkeit sein.

Aber ich denke, es ist sehr wahrscheinlich eine Reaktion auf traditionelle Erziehung. Traditionelle Erziehung ist unglaublich respektlos gegenüber Kindern. Kinder werden als defomierte Objekte behandelt, die zu anständigen Menschen umgeformt werden müssen.

Es klingt vernünftig, dass wir unseren Kindern beibringen müssen, wie man sich um andere Menschen kümmert, und dass man anderer Leute Gefühle respektiert. Also sagen wir es Kindern, wenn sie es falsch machen und bringen sie dazu, respektvoll zu (re)agieren.

Aber das kann genau das Gegenteil bewirken, weil es eigentlich besagt: Ich respektiere dich nicht, und ich respektiere deine Gefühle nicht. Du muss so agieren und fühlen, wie ich es von dir möchte.

Also fühlen Kinder, dass ihre Geüfhle nicht mit Respekt behandelt werden! Und wenn Menschen fühlen, dass ihre Gefühle nicht mit Repekt behandelt werden, tendieren sie dazu, anderer Leute Gefühle auch nicht mit Respekt zu behandeln. Und dann wird es ein Teufelskreis.

Doch wir sind die Erwachsenen. Wie müssen diejenigen sein, die den Teufelskreis durchbrechen.

Hast du How to Talk so Kids Will Listen, and Listen, so Kids Will Talk gelesen? Es ist sehr einfach zu lesen, mit sehr vielen verschienen Szenarios, die Lesern helfen zu verstehen, was in ihnen und in ihren Kindern vorgeht.

Ich habe das Gefühl, dass mein Verhalten dazu geführt hat. Ich habe versucht, meine Erziehung zu verändern und sie mehr zu repsektieren, aber ich frage mich, wie lange es dauern wird, um den Kreislauf zu brechen.

Vielleicht fühlen sie deine Zielsetzung: Dass du versuchst, respektvoll zu sein, weil du willst, dass sie sich verändern, um genauso respektvoll zu sein wie du.

Es könnte sein, dass du nur manchmal respektvoll bist, und manchmal eher so ‘rüber kommst: “Du bist falsch. Deine Gefühle sind falsch. Deine Haltung ist falsch. Ich muss mich dir gegenüber anders verhalten damit du dich veränderst und es richtig machst.”

Natürlich werden sie es manchmal falsch machen! Aber es hilft, zu sehen, dass ihre Gefühle ehrlich sind, auch wenn sie nicht angenehm sind. Wenn sie fühlen, sie müssten in dem Moment respektlos sein, dann deshalb, weil irgendwas in ihrem Leben ihnen gerade das Gefühl gibt, dass das die beste Reaktion darauf ist.

Es könnte sein, dass sie respektlose sind, weil du ihnen kein Feedback gegeben hast, wie es sich für dich anfühlt. Vielleiht hast du ihnen zu verstehen gegeben, dass du wütend warst, aber Wut tendiert dazu, die Verteidigungsmechanismen der Menschen zu aktivieren. Sie tendiert dazu, die Menschen dazu zu veranlassen, sich mehr an sich selbst zu halten und sich im Recht zu fühlen, auch wenn sie wissen, dass sie falsch liegen.

Du kannst sie wissen lassen, wenn etwas deine Gefühle verletzt (das “How to Talk…”-Buch ist dafür super). Aber mache es nicht mit dem Ziel, sie ändern zu wollen. Mach es, weil sie diese Information brauchen, um selbst herauszufinden, wie sie agieren und reagieren sollen. Es wird Jahre dauern, bis sie soziale Interaktionen richtig begriffen haben, also erwarte ruhig, dass du ihnen weiterhin Feedback über deine Gefühle geben musst, damit sie sich solche Sachen selbst erarbeiten können.

Ich habe bemerkt, dass wenn mir nach Brüllen ist, dann deshalb, weil ich verletzt über irgendwas bin, was sie getan haben. Ich versuche, mich zu ändern, aber sie scheinen es einfach nicht zu bemerken.

Wahrscheinlich weil du das Gefühl hast, sie handeln extra so. Und du hast das Gefühl, sie wüssten sich eigentlich besser zu benehmen, aber du seist ihnen einfach egal.

Vielleicht würde es helfen wenn du sehen könntest, dass ihre Haltungen aus drei anderen Richtungen kommen können:

1. Sie haben nicht die Information die sie brauchen, um anders zu handeln. Es könnte sein, dass du z.B. erklärt hast, dass etwas weh tut, aber sie sind emotional einfach noch nicht reif genug, um die Worte zu verstehen. Für sie ist es wie 3 Monate alt sein und irgendjemand erklärt ihnen, wie Sprechen funktioniert. Du wirst ihnen einfach weiterhin Informationen geben müssen, aber ohne zu erwarten, dass sie verstehen oder wissen, was sie mit der Info machen sollen.

Es ist das selbe, wie wenn man zu einem Kleinkind redet. Wir wissen, sie verstehen es nicht, aber sie brauchen es, dass wir mit ihnen reden, damit sie irgendwann uns verstehen können.

2. Sie haben die Fähigkeiten nicht, die sie brauchen, um ihr Verständnis in die Tat umzusetzen. Sie wissen vielleicht, was sie tun sollten, aber ihre Emotionen sind stark aktiviert, oder es passiert gerade sehr viel, und sie wissen nicht, wie sie es machen sollen. Betrachte es als für sie genauso schwierig wie das, was du gerade durchmachst, da du gerade versuchst, dich zu verändern. Du weißt vielleicht, dass du es anders machen solltest, aber wenn die Situation außer Kontrolle zu geraten scheint, tust du, was sich gerade als das Beste Mittel anfühlt, um die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen – obwohl du weißt, dass es nicht funktionieren wird und sogar die Dinge noch verschlechtern könnte. Und das jetzt noch, nach einem langen Leben voller Erfahrungen! Bedenke, wo sich deine Kinder befinden, nach nur 6, 4 und 2 Jahren Erfahrung.

3. Sie fühlen sich respektlos behandelt, und ihre Respektlosigkeit dir gegenüber ist eine Art, sich selbst zu schützen. Sie ist wie ein Schutzschild. Und wenn jemand schon das Gefühl hatte, ein Schutzschild verwenden zu müssen, wird es mehr als eine Handvoll Erfahrungen ohne Schutzschild brauchen, damit er oder sie das Schutzschild komplett ablegen kann. Es kann Monate oder Jahre dauern, das Vertrauen wieder zu erlangen, damit das Schutzschild nicht mehr gebraucht wird. Es wird Geduld und Verständnis erfordern.

Ich habe das Gefühl, dass meine vier ältesten Kinder andere Menschen nicht respektieren. Manchmal verhalten sie sich, als ob jeder ihnen dienen sollte. Ich möchte dazu beitragen, dass das ein Ende findet, und ich weiß, ich muss bei mir anfangen. Ideen?

Ich glaube, es würde helfen, wenn du ein paar Situationen beschreiben würdest, bei denen du das Gefühl hattest, dass sie falsch verlaufen sind – sowohl was dein als auch ihr Verhalten angeht. Dann können Leute hier erzählen, was aus ihrer Sicht, die nicht mit all euren Gefühlen und Erwartungen vermischt ist, unglücklich gelaufen ist. Das könnte dir helfen zu sehen, wie man die Idee des Respekts in die Praxis umsetzen kann. Nur darüber zu reden, dass man Kinder mehr respektieren sollte, hilft niemanden zu sehen, wie es in echten Lebenssituationen aussehen kann. Ich glaube der Grund dafür ist, dass wir dazu tendieren, das zu tun, was vernünftig erscheint. Respektvoll gegenüber Kinder zu sein, die (scheinbar!) selbst respektlos sind, scheint nicht vernünftig zu sein. Es scheint vernünftig zu sein, mit Respekt zurückhaltend zu sein, solange sie uns nicht auch respektieren können.

Es ist hilfreich, die Situation umzudrehen: Zu vertrauen, dass sie ehrlich auf die Gefühle reagieren, die sie gerade fühlen. Versuche vielleicht, dir vorzustellen, was in deinem Leben passieren müsste, wie Menschen dich behandeln müssten, damit du so reagierst wie sie. Und dann vertraue darauf, dass es sich für sie gerade genauso anfühlt. Sogar – und besonders dann – wenn es sich für dich nicht so anfühlt. Vertraue darauf, dass es für sie so aussieht. Und behandele sie so, wie du gerne behandelt werden würdest, wenn das Leben dich so behandeln würde.

Oder vergleiche die Situation mit der Interaktion zwischen Freunden. Du würdest vertrauen, dass deine Freundin sich ehrlich verhalten würde, und wenn sie gemein oder respektlos handeln würde, würdest du dich wundern, was in ihrem Leben gerade so schief läuft, dass sie so komisch reagiert, anstatt zu denken, dass sie an ihrem Verhalten was ändern müsste.

Wenn sie am schwierigsten sind, brauchen sie zumeist die meiste Liebe und Aufmerksamkeit. Wenn sie ‘patzig’ sind, umarme sie und sag ihnen ehrlich, dass du sie liebst. Es wird schwer sein! Aber es wird besser funktionieren als zu brüllen :)

Quelle: I want her to treat others with respect by Joyce Fetteroll. Mit Genehmigung übersetzt und veröffentlicht.

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