Demokratisch abstimmen

Johanna, 26.11.2006

Es folgen Antworten von Willibald Papesch auf meine eigenen Fragen:

Ich denke schon lange über “demokratisches Abstimmen in der Familie” nach. Grundsätzlich ist die Idee, den Familienalltag zu demokratisieren, ganz toll, aber findest du das wirklich die beste Lösung, miteinander in der Familie umzugehen?

Ja, für den Notfall. In Wirklichkeit gab es bei uns kaum einmal eine Abstimmung, konkret können wir uns tatsächlich an keine erinnern. Denn wichtig ist die Idee dahinter: gleiches Recht für alle.

Wenn das wirklich so gehandhabt wird, sind Abstimmungen die vollkommene Ausnahme, weil der Alltag auf der Basis des gemeinsamen Willens zur Verständigung sich weitgehend selbstverständlich regelt – aber eben unter der Bedingung: gleiches Recht für alle. Das heißt, Eltern respektieren auch Entscheidungen der Kinder, die sie für blödsinnig halten.

In so einer Kleinfamilie wie man das heute ist, ist das doch total gemein. Bei uns sind wir 4., eigentlich erst Mal nur 3, weil der Kleine (1) noch gar nichts wählen kann. Wenn wir “demokratisch” abstimmen, dann sagen zwei ja, einer nein und toll – so können die Eltern sich super durchsetzen ;)

Wenn sie das wollen, ja. Wir hatten allerdings eine Grundregel (vor allem für die Eltern): nie zwei gegen einen. Wenn also ein Elternteil mit einem Kind einen Konflikt hatte, hat der andere Elternteil immer argumentativ das Kind unterstützt.

Außerdem hat das noch nicht abstimmungsfähige Kind selbstverständlich eine Stimme. Es wäre zu regeln, wer dessen Interessen argumentativ vertritt.

Das Kind sagt immer nein, die Eltern sagen immer ja, und wir haben ja demokratisch gewählt, also wird’s gemacht.

Das ist die Theorie. Aber wenn das eintritt, ist eh schon alles schief gelaufen. Dann hilft auch kein Abstimmen mehr.

Das ist dann auch ein Drittel der “Gesamtbevölkerung”, zwar sind wir in der Mehrheit, kommt mir trotzdem total ungerecht vor. Wenn der Kleine größer wird, dann sind es 2 gegen 2 oder 2 gegen 1 und 1, und was dann? Es gibt dann keine absolute Mehrheit.

In einem solchen Fall haben wir gewürfelt. Das kam schon mal vor, aber wie und wann, erinnern wir nicht mehr. Die entscheidende Frage lautet immer: “Wie will ich mit meinen Kindern in meiner Familie zusammenleben?” Das ist der Maßstab, an dem ich mein Handeln als Elternteil messe.

Wenn wir 5 sind, ist sicher einer dabei, der es dann in der Hand hat, sich für eine der Möglichkeiten zu entscheiden. Es hält sich auch nicht die Waage, weil wir (Eltern) eigentlich meistens was anderes wählen würden.

Das entspricht nicht unseren Erfahrungen. Zum Beispiel hat unser damals etwa 8-jähriger Sohn mit seiner Argumentation den Ausschlag für den Kauf eines Autos gegeben, das so viel Geld gekostet hat, wie meine Frau und ich niemals für ein Auto ausgeben wollten. Es war bis dato unser absolut bester Kauf. Eine Folge davon: Unser Sohn ist so überzeugter Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel geworden und will überhaupt kein Auto mehr, nicht, weil das damalige so schlecht, sondern weil es so gut war, und beide Kinder haben ein durch und durch rationales Verhältnis zu Verkehrsmitteln.

Das Problem ist bei Demokratie sowieso, dass, wenn einer ein ganz “anders Denkender” ist, er dann in so einem kleineren Rahmen eh meistens “loosen” wird, weil die Mehrheit eben meistens “normal” entscheidet (verglichen mit dem Andersdenkenden).

Das ist die Frage, wie man mit Minderheiten umgeht – auch in der Familie. Bei uns war es so, dass der ‘Verlierer’ beim nächsten Mal die erste Wahl hatte.

Dieser Text war eine Antwort von Willibald Papesch aus der deutschen Mailingliste SudburryGermany. Veröffentlicht mit Genehmigung.

2 Kommentare zu “Demokratisch abstimmen”

Wenn man in der Familie zu Abstimmungen greift, sollte aber auch geklärt werden, welche Dinge überhaupt abstimmungsfähig sind. Denn manche Entscheidungen betreffen in hohem Maße die Rechte einzelner und sind daher sinnvollerweise nicht abstimmungsfähig. So sollten die Eltern beispielsweise kein Mitbestimmungsrecht haben, wenn es darum geht, welche Freunde ein Kind hat. Das ist seine individuelle Entscheidung. Und ebenso können die Kinder nicht unbedingt mitentscheiden, wenn es um persönliche Dinge der Eltern geht, etwa wer Muttis Laptop benutzen darf.

In ähnlicher Weise kann man auch bei großen Ausgaben argumentieren, dass es sich ja um das Geld der Mutter oder des Vaters handelt. Das hängt davon aber auch davon ab, ob man in der Familie eher ein System mit Privateigentum oder mit gemeinschaftlichem Eigentum sieht.

Auch wenn in bestimmten Fragen nicht alle mitENTSCHEIDEN dürfen, heißt das nicht, das man nicht trotzdem gemeinsam über die jeweilige Sache REDEN kann.

Da hast du Recht. Ich bin auch der Meinung, dass Abstimmungen meistens unfair sind zumindest in kleinen Familien. Wenn die Kinderzahl über 4 steigt ist es aber eventuell sinnvoll. Dass man abstimmt, z.B. darüber, wohin der Wochenend-Familienausflug geht, heißt ja nicht, dass man nicht auch die in der Abstimmung “untergegangenen” Bedürfnisse beachten kann oder sich für die Zukunft vormerken kann. In einer funktionierenden Familie dürfte es nicht die Regel sein, dass man das Mehrheitsrecht einfach ausnutzt.

Danke für dein Kommentar, das hat mein Puzzle in Sachen Demokratie in der Familie erweitert, auch wenn ich jetzt denke, dass ich das so auch machen würde, hatte ich noch nicht darüber nachgedacht.

Liebe Grüße
Johanna

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