Kind klettert auf den Tisch

Johanna, 05.11.2006

mein sohn (3) klettert zum ersten mal in seinem leben auf den wohnzimmertisch. noch nie zuvor hat er das getan. ich habe ihn sofort davon abgehalten, weil das für mich ein “no go” ist. ich möchte nicht, dass meine kinder auf tische klettern und darauf stehen oder hüpfen. ich habe ihm das erklärt und er hat sich damit zufriedengegeben, auf seine spielzeugkiste zu klettern. das darf er.

nun könnte man sagen: “meine güte, was ist dabei auf einen tisch zu klettern? vermutlich macht er es 10x und dann ist es uninteressant. also lass ihn doch.”
an die theorie, dass es irgendwann uninteressant wird, glaube ich nicht. mein sohn liebt es nach wie vor auf betten herumzuhüpfen. das habe ich ihm nie untersagt, das darf er. trotzdem wird das nicht uninteressant. es ist zwar mal eine weile uninteressant, aber taucht immer wieder auf.

mir ist klar, dass ich an dieser stelle autoritär erzogen habe (tränen oder geschrei gab es jedoch zu keinem zeitpunkt, dazu bin ich zu sanft und freundlich vorgegangen). was hätten die nicht-erzieher gemacht?

Ich habe mir das Motto zu eigen gemacht: “Es gibt immer mehr als nur 2 Möglichkeiten!”

(Achtung: die Möglichkeiten sind entweder getrennt/unabhängig voneinander oder kombinierbar)

  • Tisch einfach wegstellen. Überhaupt alles wegstellen, was gefährlich oder wertvoll ist und nicht kaputt gehen soll, solange die Kinder nicht damit umgehen können.
  • freundlich sagen, dass der Tisch nicht zum drauf stellen/setzen ist (was du gemacht hast ist absolut OK für einen Nichterzieher! Wenn das Kind einverstanden ist, ist doch OK. Kreativ muss man doch nur werden, wenn die Bedürfnisse aneinander geraten.
  • Das Bedürfnis hinter dem vermeintlichen “Fehlverhalten” aufdecken. Hat das Kind das zum ersten Mal gemacht, so kann man einfach sagen: “Das wollen wir hier nicht”. Reine Info (wie im vorherigem Punkt)! Wahrscheinlich steckt da noch kein anderes Bedürfnis dahinter als nur Neugier, Ausprobieren etc. Offensichtlich war die Information für dein Kind OK und dann ist alles in Ordnung, das Bedürfnis war auch schon gestillt oder einigermaßen gestillt.
  • Passiert das öfter könnte man sich überlegen, was denn das eigentliche Bedürfnis ist: Klettern? Etwas anbieten, worauf es klettern kann. Hüpfen? Etwas anbieten, wovon es abhüpfen kann. Aufmerksamkeit von Mama? Aufmerksamkeit schenken. Etwas hochstehendes erreichen? Ihm geben oder zeigen, wie man sonst daran kommt – für die Zukunft das Ding weiter runter stellen etc…
  • Es gibt bestimmt noch andere Möglichkeiten!

    Wenn es wirklich nicht anders geht (mit anderen Situationen), dann kann man halt “Nein” sagen. Das geht aber auch freundlich, und dass das Kind enttäuscht ist, muss man ja dann auch nicht ignorieren (habe ich zumindest damals oft gemacht nach dem Motto “Tja, Pech gehabt, mit der Enttäuschung musst du halt leben, geht halt nicht anders. Das Leben ist kein Zuckerschlecken”). Also trösten – weil wir das Kind ernst nehmen und somit auch verstehen, warum es weint. Das Ziel ist nicht, so schnell wie möglich das Weinen zu beenden. Eventuell irgendwas anbieten, um die Enttäuschung auszugleichen.

    Grundsätzlich muss man bei materiellen Dingen überlegen, ob diese wirklich wichtiger sind als die Beziehung zum Kind (etwa wenn es sehr sehr oft passiert). Das soll nicht bedeuten, dass uns “Nichterziehern” materielle Dinge überhaupt nicht wichtig sind, aber es gibt andere Wege, diese zu schützen, und man muss einfach davon ausgehen, dass Kinder an alles ranwollen, was Erwachsene benutzen und nicht unbedingt deren Sinn oder deren Tradition oder übliche Funktionsweise begreifen.

    Es ist dabei unbedingt wichtig, das Bedürfnis dahinter zu verstehen – beim ersten mal ist es nur ausprobieren/entdecken/Neugier. Das kann man also Mal gelten lassen. Dann kann man sagen: “Sooo, jetzt hast du den Tisch von oben bis unten erkundet. Jetzt bist du anscheinend fertig. Normalerweise klettern wir (hier in unserer Familie/Gesellschaft/Community/wasauchimmer nicht auf dem Tisch. Das soll auch so bleiben. Wenn du klettern willst – benutze dies hier.” Wenn es das Kind dann noch Mal tut, erinnert man es an die andere Kletterhilfe: “Oh, du hast Mal wieder Lust zu klettern – schau, hier geht das besser….” etc.

    Es geht nicht um “alles erlauben”, sondern darum, Bedürfnisse ernst zu nehmen und zu stillen – auch die eigenen. Da dies automatisch zu Konflikten führt, führt dieser Ansatz auch automatisch zur aktiven Lösungsfindung, die für unsere Kinder sehr wertvoll ist. Die Lösungsfindung hilft uns, den Bedürfnissen aller Familienmitglieder so gut es geht – im Rahmen der Möglichkeiten (auch der gesetzlichen!!!) – gerecht zu werden!

4 Kommentare zu “Kind klettert auf den Tisch”

Wenn Ihr Kind Münzen in den Mund nimmt, stellen sie sie weg.
Wenn Ihr Kind auf Bäume klettert, ziehen Sie irgendwohin, wo es keine gibt.
Wenn es Blumen isst, ziehen Sie irgendwohin, wo es keine gibt.
Wenn es dauernd Gläser kaputt macht, kaufen Sie einfach Becher aus Plastik.

Erklären Sie ihm bloß nicht, wozu diese Dinge da sind, denn so bringen Sie Ihr Kind etwas bei. Bringen sie ihm nicht bei, warum man diese Dinge schätzen soll und wie man sie hütet.

Tun sie einfach so, als gäbe es alles Wertvolle nicht, dann sind Ihre Kinder auf jeden Fall glücklich und können sie sich austoben in einer kindgerechten Welt.

Falls Ihr Kind auf dem Tisch tanzen will, obwohl alle anderen in dem Moment essen, ist es weil es seine Freiheit gerade auszuleben übt. Aber wenn Ihnen gerade nicht passt, stellen sie den ganzen Tisch einfach weg! Aber wohin damit? Egal, ein Tisch braucht man nicht. Zertrümmern Sie ihn und lassen sie Ihre Kinder damit feuer machen, das macht Spaß :)

Ach so und falls es öfter mal die Fenster kaputt macht, weil es in der Wohnung Ball spielt (Im Spielplatz sind zu viele gefährliche, anders denkende Leute), dann benotieren Sie ihre Wohnung einfach zu, dann ist alles jut.

@ rafa
Und falls sie mit ihren Kindern nicht reden, aber trotzdem eine perfekte Wohnung wollen,
lassen Sie das mit dem ungeschützten Geschlechtsverkehr…

@rafa und roro

Schade, mit solchen nicht konstruktiven Kommentaren macht man vieles kaputt.
Ich bin gerade suchend auf diese Seite gestoßen, vieles hier ist mir aufgrund meiner eigenen Erziehung “noch” fremd. Johannas Antwort auf die Frage des Elternteils kam mir aber sehr plausibel und nachvollziehbar vor und als ein besserer Weg als der, den mein Mann und ich als Eltern derzeit gehen und mit dem ich total unzufrieden bin.
Darum wurde mein Interesse geweckt an dieser Denkweise, die ich so gar nicht gewohnt bin. Eure Kommentare empfinde ich jedoch abschreckend und von oben herab.
So erreicht ihr niemanden.
Es ist sehr schön für euch, wenn ihr eine unerzogene Denkweise mit auf den Weg gegeben bekommen habt.
Andere hatten das Glück nicht.
Eltern, die hier ja versucht werden zu erreichen, die erst noch lernen müssen umzudenken, werden von solchen Kommentaren direkt wieder abgeschreckt.

Finde ich schade.

hei, interessante webseite, gucke mich gerade um. zum dem tischeklettern fällt mir ein: warum ist es so schwer, es so zu machen wie vorgeschlagen, nämlich: ich habe ein bedürfnis, das dem meines kindes in dem moment entgegen steht, also erkläre ich es ihm und wir versuchen, das ganze anders zu lösen…? sollte doch einfach sein. oder auch mal einfach eigenes bedürfnis durchsetzen, nein sagen – und wenn das kind dann weint, wie erwähnt, unbedingt trost anbieten – ja! das einzige, was mir dabei irgendwie komisch vorkommt ist, dass ich es tröste, obwohl ich “schuld” an seinem weinen bin! ist das nicht irgenwie schizophren oder könnte dem kind so vorkommen…? wäre kühles: pech gehabt – authentischer? hm… nee…

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