Will nicht mitgehen

Johanna, 05.11.2006

ich bin heute mit söhnen (3/1) alleine, mann muss arbeiten. heute vormittag musste ich besorgungen machen für das wochenende, elementar wichtige dinge wie brot und milch. mein sohn ging schon mal nach draußen zum auto und traf auf den 60jährigen nachbarn, der gerade holz wegkarrte. mein sohn wollte unbedingt mitmachen. ich sagte: “ok, dauert eh noch, bis der bruder im auto sitzt und das auto aus der garage gefahren ist, so lange kannst du.”

nun wollte ich los. bruder saß im auto, auto lief. ich holte meinen sohn. der, ihr ahnt es, wollte aber nicht. er wollte nicht mit einkaufen. er wollte weiter helfen. ich sollte alleine fahren. das aber ging nicht. ich konnte und wollte dem arbeitenden nachbarn nicht zumuten, auf meinen sohn aufzupassen. er bot es auch nicht an. es gab niemand anders, der hätte aufpassen können. also MUSSTE mein sohn mit. ende vom lied: ich trug das protestierende kind zum auto und schnallte es an, worauf es natürlich begann zu weinen. ich erklärte die situation, schimpfte nicht, strafte nicht, blieb freundlich, aber eben konsequent.

was hätten nicht-erzieher gemacht? das auto ausgestellt, den bruder wieder rausgeholt, später gefahren, gar nicht gefahren, den nachbarn um babysitterdienste gebeten…?

  • Wenn man eine gute Beziehung pflegt und das Kind gut kennt, kann man erstens versuchen, gar nicht erst in die Situation zu kommen. Eltern gleichberechtigter Kinder sind keine Übermenschen und werden es auch nicht immer schaffen! Sie werden je nach Kind versuchen, ihren Blick darauf zu trainieren, solche Situationen bereits vorher zu erkennen! (Ich z.B. brauche einen solchen Blick bei meiner Tochter (7) nicht. Ich brauche einen Blick für ihren Hunger – da wird sie nämlich unfreundlich und weiß gar nicht richtig warum. Hat sie was im Bauch, ist das Problem “gegessen”)
  • Wenn das nicht geht, dann kann man schauen, ob man wirklich aus der 1 Minute nicht wenigstens 5 machen kann oder 10 aus 5…
  • Meistens kann man auch mit Jüngeren handeln. Wichtig ist, dass man die Bedürfnisse offiziell ernst nimmt. “Ich will einkaufen, damit wir heute Abend kochen können. Du willst noch helfen. Und das gleichzeitig! Was könnten wir machen?” – wer weiß, vielleicht reicht das schon, und das Kind sagt selbst “na dann lass uns gehen!” Hast du das versucht?. Wenn das nicht schon reicht, wird ein erzogenes Kind nicht unbedingt auf viele Vorschläge kommen (außer “du gehst und ich bleibe” oder so). Wenn doch, ist vielleicht einer dabei, der hilft? Man könnte noch mehr Vorschläge machen und was aushandeln: “Du willst hier noch weiter helfen – es scheint dir wirklich Spaß zu machen. Der Laden macht allerdings gleich zu, wir müssen wirklich gehen, und alleine lassen geht nicht. Gibt es irgendwas im Laden, dass dir genauso viel Freude wie Holz machen würde? Du könntest vielleicht das Obst wählen? Oder einen eigenen Kindereinkaufswagen kriegen und dafür zuständig sein? Wie ich sehe macht dir ‘Beladen’ viel Spaß” ... Situations- und Bedürfnisabhängig!
  • Wenn man die 5 Minuten Zeit gehabt hätte, hätte man vielleicht beide damit spielen lassen können
  • Ob man den Nachbarn als Babysitter engagiert hätte, hängt selbstverständlich davon ab, ob man ihn kennt oder nicht, ob man ihm vertraut, oder nicht, ob das Kind das überhaupt will oder nicht! Wenn du dem Nachbarn vertraut hättest, aber dich nur nicht trautest, ihn zu fragen, hätte die Lösungsfindungsdiskussion vielleicht ihn selbst auf die Idee gebracht, das anzubieten.
  • Auch hier gilt, wenn es echt nicht geht, dann ist es sowieso “echt”, authentisch, und es kann gar keine erzieherische Intention dahinter stehen, daher kann es sich für das Kind nicht “falsch” anhören und sich zusammen mit allen anderen (willkürlichen) Neins bis hin zum Vertrauensbruch summieren. Aber trotzdem wird das Kind dann weinen und enttäuscht sein! Hattet ihr das Gefühl, Eltern gleichberechtigter Kinder denken/sagen, ihre Kinder sind insofern “glücklicher”, als dass sie “nie” weinen oder enttäuscht sind? Vielleicht ist das das große Missverständnis. Klar weint es dann und ist enttäuscht. Aber auch da gibt es große Unterschiede (wie und ob man tröstet).
  • Und wieder gilt – was war das Bedürfnis des Kindes? Wollte es Mal den Nachbarn kennen lernen? Man kann auch nach dem Einkauf z.B. den Nachbarn noch Mal besuchen gehen. Wollte es Mal mit Holz spielen? Man könnte versprechen, dass man später irgendwann mit Holz spielen geht. Wollte es gerne selbst zu Hause Holz haben? Das könnte man besorgen. Brauchte es körperliche Aktivitität? Vielleicht sollte es mehr Sport treiben – Was weiß ich!

    Beim “Versprechen” aber gilt, wie beim Spielzeugladen auf dem Weg zum Arzt: was man versprochen hat, hält man – egal ob man es offiziell “versprochen” hat, oder ob man es nur “gesagt” hat. Für ein Kind ist alles, was wir sagen “versprochen”!!! Es gibt da nicht “du hast das ja vergessen”, sondern wir sind zuständig, es zu behalten und notfalls aufzuschreiben (viele Eltern gleichberechtigter Kinder schreiben sich solche Sachen echt auf, das zeigt übrigens auch, dass man es besonders ernst nimmt, weil man es nicht vergessen will).

    Man könnte am nächsten Tag (oder irgendwann) sagen “du wolltest doch gestern zum Spielzeugladen und es ging nicht – jetzt wäre der beste Zeitpunkt dafür, hast du Lust?” Wenn nein, dann hat sich die Sache erledigt. Aber sehr wahrscheinlich wird sich das Kind sehr sehr sehr freuen, dass die Mutter daran gedacht hat, die Bedürfnisse so ernst genommen hat etc.

    Und wenn es wirklich nicht geht, dann bleibt immer noch:

  • verständnisvolles Trösten,
  • Ja statt nein sagen (ja, morgen, ja, wenn wir Geld haben, ja, wenn ich fertig bin, ja, wenn wir gegessen haben, ja, wenn Papa da ist, ja, wenn ich einen Babysitter habe, ja wenn….)
  • und/oder das Bedürfnis dahinter verstehen und zumindest für die Zukunft eine bessere Lösung für solche Probleme finden.

Es geht darum, Kinder Ernst zu nehmen – und zwar wirklich Ernst. Nicht nur verständnisvolles Nicken und dann sagen “ja, das verstehe ich Schatz, aber es geht nicht”. Eltern gleichberechtigter Kinder wollen möglichst versuchen, alles zu tun, um die Wünsche zu ermöglichen (wie gesagt im Rahmen der Möglichkeiten – und da sind sie sehr kreativ drin).

*Wirklich* Ernst nehmen bedeutet, dass ich die Wünsche des Kindes alle als Bedürfnisse deklariere und für genauso wichtig erkläre wir meine Bedürfnisse. Ob sich alles machen lässt, ist eine andere Frage, aber wie man damit umgeht – darum geht es in gleichberechtigten Eltern-Kind-Beziehungen (*unter anderem*). Es kann außerdem durchaus sein, dass das Kind nach einer fairen Besprechung entscheidet, dass das Bedürfnis doch nicht so dringend ist, doch nicht so wünschenswert war… Oder eben, dass es doch sehr dringend ist!

Einen Kommentar schreiben

* = Pflichtangabe

Unerzogen Magazin