unerzogen Mythen entlarven #7 – Freiheit zu konsumieren

Johanna, 11.05.2017

Manchmal mutiert die Medien-Debatte zum Thema “Freiheit vs. Unfreiheit”. Das sollten wir ausklamüsern:

Wir stehen 1. vor der Wahl, einen Dienst (Medienzugang) anzubieten oder nicht, und 2. vor der Frage, ob dieser Dienst gefährlich/schädlich/unvorteilhaft ist oder nicht. Der Gegensatz von Freiheit vs. Unfreiheit ist daher eine Abweichung.

Hier sollten wir uns fragen, was bedeutet Freiheit? Zugang zu Diensten? Das Recht zu konsumieren?

Wenn wir jemandes Freiheit einschränken, schränken wir dessen Fähigkeit ein, tätig zu werden.

Jemand, der gefesselt wird, aber Zugang zu Medien hat, ist nicht frei. Jemand, der nicht gefesselt wird, aber über kein Smartphone verfügt, ist kein Gefangener.

Jede*r ist frei, tätig zu werden, z.B. auch, indem er*sie einen Service anbietet. Services werden angeboten, wir sind entweder eingeladen, sie zu benutzen, oder dürfen sie benutzen, aber wir sind nicht „frei“, sie zu benutzen. Wir benutzen das Wort „frei“ in diesem Zusammenhang immer nur umgangssprachlich (oder hat uns die Konsumgesellschaft bereits so weit, dass wir beschlossen haben, dass es sich um „Freiheit“ handelt, wenn es um den Konsum oder die Benutzung von Services handelt?)

Es geht bei einer möglichen Einschränkung des Anbietens eines Services nicht darum, die Freiheit eines Kindes zu untergraben, tätig zu werden. Es geht darum, ob die Services überhaupt angeboten werden.

Zwei Vergleiche zur Veranschaulichung:

Zurück in die Steinzeit

Nehmen wir an, wir nehmen alles weg. Internet, Autos, Computer, sogar Häuser. Wir befinden uns nun auf Erden, beraubt der technologischen Entwicklung der letzten 10.000 Jahre, in der Natur. Sind wir nicht mehr frei?

Marihuana im Haus

Stellt euch eine Familie vor, bei der Marihuana offen in der Wohnung herumliegt. Die Eltern besorgen das Gras, ein Service für die ganze Familie. Nun erfahren die Eltern, dass ihre Kinder nur noch an der Bong hängen und nichts anderes mehr machen. Sie stellen den Kauf von Gras ein, bieten den Service also nicht mehr an. Können die Kinder nun auf legitime Weise behaupten, ihre Eltern hätten sie in ihrer Freiheit beschnitten?

Bestimmung des Ausgangspunkts

Wenn der Dienst auf jeden Fall außer Frage und somit zur Verfügung steht, dann sind wir alle bereits der Freiheit beraubt, nämlich der Freiheit, darüber zu entscheiden, sogar überhaupt darüber zu reden(!), ob wir den Dienst anbieten oder nicht (= nur in diesem Moment würden wir selbst tätig).

Wenn das nämlich schon entschieden ist, ist der Rahmen ja schon viel kleiner gesteckt, sodass man sich dann – wie ihr das jetzt darstellt –, nur noch darüber unterhalten kann, wie viel „Freiheit“ wir oder die Kinder in diesem Rahmen noch haben (Service nutzen oder nicht). Das ist eine Falle.

Was, wenn der Service schon da ist, und man sich dran gewöhnt hat?

Das ist nun ein Problem mit Konsumgewohnheit – nicht ein Problem mit Freiheit.

Ich glaube nicht, dass wir uns darüber unterhalten müssen, ob wir grundsätzlich bereit sind, unsere Kinder vor Gefahren oder Schaden zu schützen, oder ob wir Entwicklungshindernisse ausräumen würden, wenn sie uns bekannt sind oder werden. Daher geht es jetzt darum, ob etwas schädlich oder ungünstig für die Entwicklung unserer Kinder ist.

Was wir machen, wenn wir einen Fehler begangen haben, weil wir uns die Frage nicht schon vor 5 Jahren gestellt haben, oder weil wir die Folgen dessen, aufgrund seiner Neuheit, noch nicht einschätzen konnten, ist eine andere Frage. Darüber kann man sich unterhalten.

„Schädigung der Beziehung“

So meine ich auch, dass die Wegnahme eines Services auch nicht irgendwelche Beziehungen schädigt. Wenn ich meine Kinder fessele, dann schädige ich die Beziehung zu ihnen, aber nicht, wenn ich ihnen kein Gras anbiete! Sofern unsere kompetenten Kinder weder von uns Eltern noch von Werbung eingeredet bekommen, Konsumfreiheit sei Freiheit, bin auch sicher, dass sie keine Schädigung an ihren Beziehungen zu uns wahrnehmen, sofern wir generell an einer guten Beziehung zu ihnen arbeiten und uns auch selber darüber im Klaren sind, dass unsere Beziehung zu ihnen nicht von Konsumfreiheit abhängt (und wir sodann etwa ein schlechtes Gewissen bei Einstellung eines Services ausstrahlen, oder unsicher reagieren, wenn sich die Kinder darüber beschweren, dass es kein Gras mehr gibt).

So einige mögliche Services sind in unserer Gesellschaft verboten.

Wenn man eine Moralkeule zu Hause stehen hat, ist das ganz praktisch, denn so müssen wir uns gar nicht mit ein paar Dingen befassen, die wir vielleicht, wie die Gesetzgeber*innen, auch als gefährlich einstufen würden Phew!. Dann können wir die Moralkeule aber z.B. gegen Gegner*innen uneingeschränkten Medienkonsums schmettern.

Gedankenspiel: nichts ist verboten.

Wir müssten uns dann damit befassen, ob wir folgende Dinge als potenziell so gefährlich, schädlich oder so ungünstig oder hinderlich für die Entwicklung unserer Kinder einstufen würden, dass wir sie zu Hause oder an unseren freien/alternativen/demokratischen Schulen lieber gar nicht erst anbieten:

  • Glücksspielautomaten. Die ersten 10 Spiele sind kostenlos und dennoch mit hohen Gewinnchancen. Beim ersten Spiel kriegen die Kids auch ein kostenloses Girokonto mit 10000 € Dispokredit zu 13,4% Zinsen p.a.
  • Prostitution unter Minderjährigen
  • Bücher und Videos von Scientology
  • Tattoo-Angebot für Kinder ab der ersten Klasse, wir üben zunächst an Schweinehaut, dann am eigenen Bein
  • Gangbang Contest
  • SM-Pornographie-Kino-Angebot
  • Waffenbesitz
  • Biologie-Angebot mit Tierversuchen, einschließlich sezieren lernen
  • FKK Fummel- und Kuschelangebot
  • Schlachtangebot: Ausflüge zum Bauernhof
  • Klettern ohne Seil Angebot
  • tägliches Mittagessen durch McDonald’s-Delivery Service for Schools
  • Heroin und andere Drogen zur freien Verfügung
  • Alkohol destillieren oder Bier selber brauen, danach Pyjama-Party in der Schule
  • Meth-Labor und Meth-Kiosk zur Aufbesserung des Taschengelds
  • Nazi-DVDs Kino-Angebot

Sind unsere Kinder nicht frei, weil wir ihnen kein McDonald’s Mittagessenservice angeboten haben?

Die Beispiele klingen für uns nur irrsinnig, weil sie in unserer Gesellschaft nicht möglich sind und wir das ganz gut finden – wir müssen uns darüber keine Gedanken machen. Aber wenn sie nicht verboten/verpönt wären, müssten wir eine Entscheidung treffen – die hätte aber auch dann nichts mit Freiheitsberaubung zu tun. Das eine oder andere fänden wir vielleicht nicht so schlimm, ich hoffe das tut meinem Argument keinen Abbruch. Bei einigen Sachen würden wir sagen: Ja, aber nur wenn Erwachsene dabei sind und erklären können, was es damit auf sich hat – alleine lieber nicht. Wo es möglich ist/war, werden/wurden manche solcher „Angebote“ durchaus auch mal praktiziert. Z.B. in den USA: Frösche sezieren, oder was etwa Glücksspiel angeht, wurde es in Deutschland stark reguliert, weil die Produzenten sonst einfach zu dreist werden. Hier ist einfach schon hinreichend bekannt, dass das ein hohes Suchtpotenzial hat und gefährlich ist.

Das sind alles Services, die wir vermutlich gar nicht erst anbieten oder beizeiten zurückziehen würden. Auch zu Hause bieten wir die Dinge nicht an, die wir für gefährlich, schädlich oder auch nur hinderlich für die Entwicklung unserer Kinder halten. Das stellt noch lange keine Einschränkung der Freiheit unserer Kinder dar.

Die Frage ist hier, ich wiederhole, nicht ob wir die Freiheit unsere Kinder einschränken sollten, sondern: Welche Dienste finden wir ungefährlich und günstig für ihre Entwicklung?

Im Diskussionsstrang “Auswirkungen von Mediennutzung auf…” können wir uns darüber unterhalten. Wenn es um Freiheit geht, sollten wir das lieber hier tun.

unerzogen Mythen entlarven #6 – „Studien wurden nicht an freien Kindern durchgeführt!“

Johanna, 11.04.2017

Es kursiert in der unerzogen Community das Argument, dass Studien zum Konsum elektronischer Medien doch immer an erzogenen, unfreien Regelschulkindern durchgeführt worden seien, und daher die Ergebnisse nicht auf Kinder zutreffen, die Freiheit genießen, zu Hause und/oder, was ihre Bildung angeht.

Die meisten Studienergebnisse basieren auf weißen, gebildeten Europäer*innen, weil sie einfach zu findende Testpersonen sind, in greifbarer Nähe der Doktorand*innen und Professor*innen. Wissenschaftler*innen erkennen das Problem an, dass die westliche Gesellschaft eine Sichtweise auf die Natur hat, die auf Menschen wie Wissenschaftler*innen und ihre Kinder basiert. Es gibt ein paar Dinge wie intellektuelle Leistung, die nicht für alle Menschen gleich gelten, z.B. IQ-Tests, die so entwickelt sind, dass gebildete Europäer*innen gut abschneiden und etwa Aborigines nicht. Aber Europäer*innen könnten viel zu dumm sein, um in der Australischen Wildnis zu überleben. Niemand verleugnet dieses Problem. (Es nennt sich das WEIRD Problem: Proband*innen kommen aus Western, Educated, Industrialized, Rich and Democratic Ländern).

Wenn man eine an britischen Kindern gemachte Studie hätte, die sagte: wenn Kinder das neue Medikament X Fieber nehmen, mindert das [mit höherer Wahrscheinlichkeit als per Zufall] deren kognitive Leistung. Wir sagen dann nicht: „Cool, wir können dieses Medikament also getrost unseren deutschen Kindern geben!“ Bis wir ausschließen können, dass es nur bei britischen Kindern passiert, gehen wir nicht automatisch davon aus, dass nur, weil wir nicht daran gedacht haben, deutsche Kinder zu testen, oder weil wir kein Budget dafür hatten, dies nicht für deutsche Kinder gilt.

Anders gesagt, Wissenschaftler*innen und jede*r, der*die bei Verstand ist, würde jetzt wenigstens sagen, „Oh, jetzt müssen wir erstmal vorsichtig sein“ oder gerne „OK, jetzt prüfen wir das Ganze auch bei deutschen Kindern“, wenn man aus irgendwelchem Grund etwa eine Ahnung hätte, dass die Ergebnisse mit der Staatsangehörigkeit oder ihrer britischen Lebensweise mit Nachmittags-Teatime was zu tun haben könnten.

Auf ähnliche Weise können wir aufgrund der Studien, die nicht an Freien Schüler*innen oder gut gebundenen Kindern oder Kindern von liebenden Eltern oder unerzogenen Kindern gemacht worden sind, nicht darauf schließen, dass solche Kinder nicht von den Effekten betroffen sind, nur weil niemand bisher die Initiative dazu ergriffen hat, oder weil wir kein Budget haben, diese Studien nochmal durchzuführen.

unerzogen Mythen entlarven #5 – „Studien messen Schulleistungen, die wir ablehnen!“

Johanna, 11.04.2017

Viele Studien belegen schlechtere Schulergebnisse in der Schule, wenn der Medienkonsum hoch ist. In unerzogen Kreisen wird häufig argumentiert, dass solche Studien nichts wert seien, weil uns Schulleistungen und Tests doch eh nicht interessieren.

Schulergebnisse sind ein einfaches Mittel, um den Stand von Schüler*innen zu erfassen. Nur weil wir die Leistungsorientierung an Schulen ablehnen, heißt das nicht, dass die Ergebnisse verfälscht sind. Man stelle sich vor, Studien würden herausfinden, dass Kinder bei Tests an Atemgeräten schlechter abschneiden, wenn ihnen Zigaretten zum Rauchen gegeben werden. Würden Schulen dann sagen, „Dann können wir ja im Schulkiosk Zigaretten verkaufen, wir machen ja eh keine Tests an Atemgeräten“?

Für Leistungen in Testsituationen braucht es kognitive Fähigkeiten sicherlich in der Art, wie wir uns wünschen, dass sie unsere Kinder auch anders erlangen dürfen. Wir können aus den Studien also dennoch Schlüsse ziehen. Und wenn wir meinen, dass wir diese kognitiven Fähigkeiten auch anders messen sollten, um sicher zu gehen, dass das auch auf unsere Kinder zutrifft, die nicht traditionell beschult werden, dann müssen wir dennoch solange vorsichtig sein, bis dies geschehen ist. Stattdessen davon auszugehen, dass es auf unsere Kinder nicht zutrifft, nur weil sie keine Tests machen werden, ist fahrlässig.

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unerzogen Mythen entlarven #4 – „Studie X hat positive Effekte der Mediennutzung nachgewiesen!“

Johanna, 11.04.2017

In der Mediendebatte werden häufig Studien, die positive Effekte der Mediennutzung nachweisen, als Argument gegen die “Angst” und für uneingeschränkten Medienkonsum angeführt. Sie sollen ein Beleg für die Fraglichkeit derjenigen Studien sein, die schädliche Effekte (vor allem durch) uneingeschränkten Konsum elektronischer Medien sein.

Ich streite nicht ab, dass es auch Studien mit positiven Ergebnissen gibt bezüglich des Konsums elektronischer Medien (übrigens in der Regel nur dann, wenn der Konsum bei weniger als zwei Stunden pro Tag liegt. Negative Folgen überwiegen, sobald der Konsum mehr wird, auch sind die wahrscheinlichen Folgen unterschiedlich je nach Tageszeit des Konsums).

Studien können natürlich augenscheinlich gegenteilige, z.B. positive Effekte des elektronischen Medienkonsums nachweisen, das bedeutet aber nicht, dass die anderen bereits nachgewiesenen negativen Effekte verschwinden. Es sind also nicht gegenteilige, sondern zusätzliche Ergebnisse. Wissenschaftler*innen prüfen Studien anderer, indem sie diese wiederholen. Ergibt die Wiederholung nicht dieselben Werte, sind sie erst dann widerlegt oder zumindest fraglich. Oder sie wiederholen die Studie etwas abgeändert, um nachzuweisen, dass die Effekte von einem weiteren, vorher nicht mitbedachten Faktor abhängig waren (korrelierten).

Das Thema ist mindestens kontrovers – nicht vernachlässigbar

Mindestens aber macht dies das Thema kontrovers, noch besorgniserregender ist eigentlich, dass bisher niemand die gravierenden negativen Folgen ausschließen kann. Dies wünschen wir uns beim Kauf einer Matratze, eines Ranzens, bei der Entscheidung für ein Medikament oder einer Therapie, bei Zusätzen in Nahrungsmitteln, und wenn es unsere Kinder betrifft, noch doller.

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