Freundlichkeit & Respekt

Johanna, 05.10.2006

Der TV- und PC-Konsum lässt nach. Man merkt, dass es zwar eine Beschäftigung ist, die sie (7) sehr gerne macht, aber sie ist nicht mehr oberste Priorität. Mehr und mehr entscheidet sie auch gegen TV – vor allem wenn gemeinsame Unternehmungen anstehen (welche sie am Anfang auch Mal abgelehnt hat). Der PC ist viel seltener am Tag überhaupt an. Sie liebt Schloss Einstein :)

Probleme bereiten uns eher die Unfreundlichekeit und “fehlender” Respekt. Während sie am Anfang, als sie so überwältigt von der neuen Freiheit war, scheinbar so dankbar war, dass sie überfreundlich und hilfsbereit war, ist sie jetzt eher unfreundlich und verlangend. “Du sollst mir jetzt helfen!” oder so. Mir fällt aber auf, dass sie besonders dann unfreundlich wird, wenn sie eigentlich etwas mit mir machen wollte, und ich es abgelehnt habe.

Ich dachte eine Weile, dass man sich dagegen auch Mal wehren muss, wie soll sie sonst wissen, dass es einen verletzt? Aber vorsicht! Man muss nicht selbst unfreundlich werden.

Warum werden wir unfreundlich?

Weil wir davon ausgehen, dass derjenige, der unfreundlich zu uns ist, böswillig und kontrolliert unfreundlich zu uns sein will. Was ist, wenn das nicht stimmt? Versuchen wir, es aus ihrer Perspektive zu sehen. Sie möchte eigentlich mit mir was spielen, und ich habe es abgelehnt. Wird sie dann unfreundlich, weil sie mich erpressen will (“wenn du nicht mit mir spielst, bin ich halt unfreundlich”)?

Richtiger ist es, dass sie gar nicht böswillig handlet, sondern aufgrund mangelnder Erfahrung einfach nicht weiß, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen soll. Sie will sich eigentlich richtig verhalten, weiß aber nicht wie, wenn sie emotional eingebunden ist, etwa wenn sie traurig oder sauer ist, dass ich nicht mit ihr spiele.

Wenn wir Erwachsenen wegen der Arbeit genervt oder sauer auf unserem Chef sind, können wir auch oft nicht unsere Gefühle kontrollieren und lassen unseren Frust an anderen aus, auch wenn wir das eigentlich nicht wollen. Sehr häufig ist sogar zu beoabchten, dass wir den Frust an unseren Liebsten auslassen: unseren Kindern und Partner.

Lösungsansätze

Anstatt also darauf zu pochen, dass sie ‘freundlich’ ist, wollen wir ihre Gefühle nicht ignorieren und statt dessen

  • ganz normal, als Information, sagen, dass uns das Verhalten verletzt oder stört und warum.
  • versuchen herauszufinden, was das eigentliche Problem ist.
  • eine Lösung finden, die allen Gerecht wird.
  • eventuell und wenn passend Tipps geben, wie sie besser mit der Situation umgehen könnte.

    Das ist nicht immer leicht! Es fällt schwer, Ruhe zu bewahren und darauf zu vertrauen, dass sie nicht böswillig sondern unwissend handelt. Ein Versuch auf längere Zeit lohnt sich aber und wir verlieren nichts!

    Möglicherweise haben wir durch die traditionelle Art der Erziehung gerade dazu beigetragen, dass sie selbst ihre Gefühle nicht richtig zuordnen und sich entsprechend verhalten kann. Wenn man nicht nach den Ursachen forscht sondern nur oberflächlich an den Symptomen behandelt (“sag das freundlicher”), ist es kein Wunder.

2 Kommentare zu “Freundlichkeit & Respekt”

Mein Gefühl sagt mir, dass Ihr den richtigen Weg geht – von Deinem Mund in meines Partners Ohr! Der findet es nach wie vor nicht tolerabel, dass er so beschimpft wird! Außerdem äußern Kinder ihre Gefühle wie z.B. Wut – laut Jesper Juul – unterschiedlich intensiv und in ihrer Dauer, und das liege in der Natur des jeweiligen Kindes. Es macht keinen Sinn, das ändern zu wollen.

Gruß,
Niki

Aber es macht Sinn, den Kindern Werkzeuge (Wörter/”Töne”) zu geben, mit denen sie ihre Gefühle besser ausdrücken können. Oft ist Wut Ausdruck “irgendeines” Gefühls. Besonders kleine Kinder kennen sich selbst noch nicht gut genug, um überhaupt zu wissen, was in ihnen vorgeht. Und selbst wenn, haben sie oft keine Namen dafür. Hinzu kommt, dass in traditioneller Erziehung die Gefühle der Kinder oft einfach mißachtet werden (“Ach da brauchst du doch nicht wütend sein”, “Heul doch nicht”, “Das ist doch gar nicht schlimm” etc.) Für viele Kinder ist Wut also ein gutes, oft das einzige Werkzeug geworden, um gehört zu werden. Oder um zumindest den Frust raus zu lassen, der dadurch entsteht, dass man eben nie oder selten ernst genommen wird.

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