Was mein Sohn alles nachmacht

Johanna, 18.11.2007

Als meine Tochter (heute 8) klein war, ist mir bestimmt auch schon aufgefallen, wie viel sie so von uns Erwachsenen nachmacht. Aber mehr noch viel mir auf, was sie nicht nachmachte oder wo ich noch erziehen müsste, jedenfalls so zunehmend, dass ich immer mehr darauf achtete und mich heute nicht mehr so richtig daran erinnern kann, ob ich jemals darauf geachtet habe, wie sehr sie einen eigenen, natürlichen Trieb hat(te?), uns alles nachzumachen, sich wie Menschen in unserer Kultur zu verhalten.

Jetzt jedenfalls fällt es mir bei meinem Sohn (2) sehr auf und zwar sogar bei den unglaublichsten Kleinigkeiten, die so unwichtig zu sein scheinen, dass ich mich immer frage, wie das anderen nicht auffallen kann?

Offenbar hat bei mir eine Verschiebung der Perspektive stattgefunden. Je mehr ich darauf achte, desto mehr erwarte ich dieses Verhalten auch von meinem Sohn. Meine neue Erwartungshaltung produziert natürlich auch eine geänderte Kommunikation, eine geänderte Behandlung, die mein Sohn auch spürt.

Im Gegensatz zu vielen Kindern, die zwischen den ausgesprochenen Erwartungen einerseits (“Du sollst mit der Gabel essen”) und den nicht ausgesprochenen Erwartungen bzw. den Erwartungen “zwischen den Zeilen” andererseits hin und her gerissen sind, ist mein Sohn nur einer Erwartungshaltung ausgesetzt: Dass er sowieso alles nachmacht, was wir vorleben und für ihn wichtig ist, und wir eh keine Erziehung benötigen. (Zur Erklärung: “Wenn du nicht mit der Gabel isst, dann gibt es keinen Nachtisch”, impliziert z.B., dass man nicht daran glaubt, dass es von alleine mit der Gabel essen würde und zeigt deutlich, dass man erwartet, dass das Kind sich hier “fehl verhalten” wird.)

Schon lange will ich hier Mal sammeln, was mir so an unglaublichem Kopierverhalten auffällt. Gerade solche unwesentlichen Kleinigkeiten, aber auch wesentliche “Wichtigkeiten” zeigen mir/uns immer wieder, dass wir vollkommen auf dem richtigen Weg sind.

  • Er sagt: “Bitte” schon seit er 15 Monate alt ist oder so.
  • Er sagt: “Danke”, auch schon sehr lange und zwar wirklich immer wenn es auch allgemein gesellschaftlich erwartet werden würde.
  • Er sagt: “Gesundheit”, immer wenn jemand niest.
  • Wenn man dann daraufhin “danke” sagt, sagt er ”...schön!” (seine Form von “Bitteschön”)
  • Er sagt: “Gesundheit”, wenn er selbst niest und niemand Gesundheit gesagt hat (quasi als Aufforderung/Erinnerung?). Wenn man dann “Gesundheit” sagt, antwortet er mit “danke”.
  • Er sagt ”...schön!”, wenn er etwas abgibt.
  • Als ich Mal große Bettwäsche nirgends außer über eine unserer großen Türen hängen konnte, mich dabei auf einen Stuhl setzte und nach meinem Freund rief, damit er mit zu Hilfe käme, stand mein Sohn prompt mit mir auf dem Stuhl und rief nach meinem Freund (per Name, statt “Papa”!)
  • Egal was meine Tochter beim Essen sagt, er sagt es nach.
  • Morgens wenn Papa ihm sagt, er soll mich mal wecken, weckt er mich haargenau so, wie es mein Freund macht: sagt: “Aufi” (für Aufstehen), tippelt mit einem Finger auf meine Schulter und zieht dann meine Bettdecke weg! (Frechheit!)
  • Er putzt dem Papa dem Mund ab, genau wie Papa das bei ihm macht.
  • Wenn jemand weint, egal ob erwachsen oder klein, geht er hin und sagt das, was in unserer Familie gesagt wird: “Ohh, was ist denn los?” (bei ihm eher: “Ohh, waselalalaLOS?” und streichelt über den Kopf und tröstet, umarmt.
  • Er will unbedingt auf dem Fahrersitz (und darf das auch wenn es möglich ist) und spielt gerne Autofahren, macht alles an und aus, benutzt das Radio…
  • Er sagt genau das Selbe wie wir, wenn Flüssigkeit verschüttet wird.
  • Wenn das Telefon klingelt und er es schafft, vor uns ranzugehen, geht er hin und sagt ”...mann?”, seine Version von meinem Nachnahmen, so gehe ich auch ran.
  • Er läuft mit dem Telefon genauso beim Sprechen rum, wie ich das mache und macht echte Gespräche nach.
  • Er isst mit Messer und Gabel (so gut er kann, gibt dann meistens auf und isst doch mit dem Löffel aber er versucht es jedes Mal wieder).
  • Wenn einer von uns rülpst, muss er unbedingt auch.
  • Wenn hier irgendeiner jemanden anderes ruft, kann es gut sein, dass er mit ruft.
  • Er benutzt(/will benutzen) den Drucker, den Fotoapparat, die Gitarre, Kaffeemaschine, den Labelmaker und andere Büroutensilien.
  • Er macht nach, wenn man bei Star Trek die Anfangsmusik mitsingt.
  • Er lacht lauthals mit, wenn man bei einem Witz lacht, auch wenn er den Sinn nicht verstanden haben kann.
  • Er will sich auch anziehen, wenn wir rausgehen, genau wie wir (Schuhe, Jacke etc.)
  • Er kocht mit, wenn er Lust hat und macht dann alles genauso, wie ich es mache.
  • Er spielt mit der Mikrowelle (an- und ausmachen, Tür auf, Tür zu)
  • Er “spielt” mit, wenn hier einer mit der Wii spielt (die Controller kann man in der Luft bewegen, diese Bewegungen werden in das Spiel integriert und er macht diese Bewegungen nach).
  • Neulich habe ich auf der Couch mit dem Laptop gesessen und bin dann kurz aufgestanden. Ich wusste, dass er gleich kommt, und mit dem Laptop spielt, das nahm ich in Kauf, weil ich wirklich nur ganz kurz weggehen würde, es war alles gespeichert und nichts konnte passieren. Als ich wieder kam, hätte ich das am liebsten fotografiert. Er saß da, genau wie ich, mit dem Laptop auf dem Schoß und guckte konzentriert auf den Monitor! und “tippte” will, genau wie ich :D Das war so süß.
  • Er “putzt” Zähne. (Na gut, er isst auch Zahnpasta ;) Wir haben extra Zahnpasta ohne Fluor gekauft, weil er so viel davon isst.)
  • Er geht ins Bett, wenn wir ins Bett gehen. Manchmal will er noch nicht, aber er kommt trotzdem nach ein paar Mal hin und her gehen.
  • Er hat schon immer mit uns gebadet, auch Mal alleine. Ich habe das Gefühl, weil wir auch baden (eher als duschen), ist das ganz normal für ihn (und nicht ein Problem, wie es etwa mit meiner Tochter früher war.
  • Er “liest” Zeitschriften auf dem Klo, wenn er sich Mal da drauf setzt. Oder wenn ich drauf sitze und dabei lese, will er auch eine Zeitschrift oder ein Buch haben.
  • Er will bei der Spülmaschine und bei der Waschmaschine mitmachen und spielt da ausgiebig. Ebenso beim Herd, wobei er mehr Respekt davor hat, er weiß, dass das heiss ist.
  • Er hat selbst angefangen, sich für das Schneiden mit Schere zu interessieren.
  • Heute habe ich meine Kartoffeln mit der Gabel geschnitten, weil ich nur eine Hand frei hatte (er war auf meinem Schoß.) Das wollte er dann auch. Es ging mit seiner Gabel nicht (auch eine große, aber anderes Modell als meine). Dann wollte er meine, weil er sah, dass es mit meiner ging. Es ging auch nicht, dann hat er länger geübt und es dann irgendwann doch geschafft.
  • Manchmal will er nichts essen, aber wenn er sieht, dass wir essen, will er doch.
  • Wenn wir was trinken, will er auch.
  • Er will mit der Sprechanlage die klingelnden Leute begrüßen und reinlassen (das macht er auch). Er macht die Tür dann auf und ruft “Hallo!” ins Treppenhaus, genauso sagt er dann auch freundlich “Tschü-üss!”, wenn sie wieder gehen (z.B. der Postbote mit einem Paket). Manchmal sagt er auch “Wer ist da?”, weil ich das auch manchmal sage.
  • Wenn wir unterwegs sind und nach Hause kommen, will er immer klingeln und dann soll jemand rangehen und Hallo sagen und so weiter, bis jemand aufmacht.
  • Er bringt Abfall (z.B. Verpackungen) in den Müll, obwohl ihm das nie wirklich jemand gezeigt hat.
  • Bei Straßenende hält er an und guckt nach links und rechts und geht erst dann (vergisst es aber manchmal, macht es aber sofort, wenn ich einfach dran erinnere).
  • Er geht in Geschäfte rein und sagt irgendwas (als ob er was kaufen wollte). Manchmal hat er “Erfolg” und bekommt etwas von den Verkäufern geschenkt ;)
  • Er begrüßt jeden freundlich (Hallo), und uns Familienmitglieder eher umgangssprachlich, etwa wie es meine Tochter macht: “Hey/Hi, Mama!” (ich weiß nie, ob es eigentlich Hey oder Hi heißen soll ;)
  • Hier fliegt so ein Gitarren-Stimmgerät herum, das hat er Mal angebracht und dachte sich schon, dass man damit was machen kann. Da ich keine Gitarre zur Hand hatte, erklärte/zeigte ich, dass man mit dem Mund Töne machen kann, und dann leuchten die Lämpchen. Das hat er gleich ganz süß in mehreren Tonlagen nachgemacht :)
  • Er sagt wie wir “Hör auf” und hört auch meistens auf, wenn wir das sagen; genauso wie wir (auch nur meistens) aufhören, wenn er das sagt.
  • Wenn er sich irgendwo gemütlich hinlegt oder hinsetzt, gibt er einen Seufzer wie von um-die-30-Jährigen, die langsam anfangen zu seufzen, wenn sie sich irgendwo hinsetzen, um sich von der Arbeit auszuruhen ;)
  • Neulich haben wir beobachtet, wie er mit dem Wasserkessel Pflanzen gegossen hat (wir machen es mit der Gießkanne, aber er kam wohl nicht ran).
  • Er will immer mit kehren und staubsaugen, nass wischen.
  • Wenn wir abends unser Abendritual beendet haben sagt er seit Neuestem: “Soo! yadadaBETT!”, genau wie wir (eher scherzhaft) die Tage davor angefangen zu sagen hatte: “Soo, jetzt gehen wir ins Bett!”

    Insgesamt habe ich erst mit ihm verstanden, warum man sagt, dass Kinder so viel “Freude” ins Haus bringen. Ich habe wirklich früher daran gezweifelt, bzw. dachte das wäre so “theoretisch” gemeint, praktisch hatte ich nur Stress jeden Tag und wenig Freude. Heute ist das ganz anders und ich genieße das sehr (das heißt nicht, dass ich nicht auch manchmal genervt oder gestresst bin!).

    Mir ist schon klar, dass das nicht ewig so weiter gehen wird. Es gibt natürlich auch viele Dinge, die er ganz alleine erfunden hat oder Dinge, die er noch nicht nachmacht (und vielleicht auch nie nachmachen wird). Aber es zeigt mir ganz deutlich, dass er genau das lernt, was er für sein Leben gerade braucht, nützlich oder witzig/cool oder was auch immer – eben wichtig – findet, und dass das einfach so weiter gehen wird. Warum sollte das irgendwann aufhören? Warum sollte ich irgendwie eingreifen, wenn schon so viel so Unerwartetes von ganz von alleine kommt (z.B. hätte ich nie gedacht, dass ein Kind gerade Danke, Bitte und Gesundheit ganz von alleine sagt.)

    Ich werde die Liste immer wieder Mal erweitern, wenn mir was Neues auffällt.

12 Kommentare zu “Was mein Sohn alles nachmacht”

ein kind macht das, was du von ihm erwartest,
nicht das, was du ihm sagst. ;-)
lg

Ja, eben! :) Ich bin froh, dass mein Sohn heute einer eindeutigen Erwartungshaltung ausgesetzt ist. Bei meiner Tochter ist es noch nicht ganz so. Die Art, wie ich manchmal reagiere, zeigt bestimmt oft genug noch, dass ich manches “Fehlverhalten” erwarte, anstatt zu erwarten, was ich theoretisch weiß: Dass sie immer ihr Bestes gibt :)

Bei ihr das aber nicht so auffällig wie bei meinem Sohn, so dass sich da noch kein solcher “Engelskreis” ergeben hat.

“Er sagt genau das Selbe wie wir, wenn Flüssigkeit verschüttet wird.”

Ach ja? Was sagt Ihr denn da so? ;P

Ich freu’ mich mit Dir über die neu gewonnene Freude – ein Freund sagte mal, dass sie ‘seit ihren Kindern’ nicht mehr ins Kino gehen brauchen, sie hätten die Unterhaltung gratis zuhause ;)

Liebe Grüße!
Niki

Wir sagen: “Oh nein!” oder “Oh Mann!” (manchmal auch “Ach Kacke” – ich hasse es, wenn Flüssigkeit verschüttet wird, das finde ich so was von lästig und unnütz im Leben…. aber bisher hat er nur “Oh nein” oder “oh Mann” gesagt :D Ich hole dann wie von Heike vorgeschlagen einfach Tücher für mich und ihn und er wischt ganz selbstverständlich mit :)

Liebe Grüße auch!
Johanna

ist ja krass, deine liste könnte ich fast 1:1 für meine tochter (18 monate) übernehmen. ich finde es auch sehr erfrischend und beglückend zu sehen, wie selbstverständlich sie das alles macht, ohne druck, ohne lob. freude natürlich und ab und zu erstaunen, dass sie das jetzt auch schon sagen kann:-) “bitte” ist z.b. grad aktuell und “oh oh” wenn was runtergefallen ist.
trotzdem bin ich gespannt auf die “trotzphase”, die ja wohl jedes kind durchmacht. oder nur die erzogenen? gute frage.

lg manuela

Ich kann noch etwas sehr eindrucksvolles zu dieser Liste hinzufügen: Seit ein paar Tagen “stillt” meine Tochter (23M, stillt selbst noch sehr viel) ihre Babypuppe – sie legt sich ins Bett, lüpft ihren Pulli, legt sich die Puppe auf den Bauch und sagt dann “M. (ihr Name) nani (unser Codewort fürs stillen)!”. :)))))))

Hallo Johanna,

bin von derListe sehr beeindruckt. Mein Sohn Moritz wird an Weihnachten ein Jahr alt und seit etwa zwei Wochen macht er x Sachen mit/auch/nach oder es fällt mir jetzt erst auf ;)
– Egal, was ich esse, er muss es unbedingt probieren. Wenn es ihm nicht schmeckt, spuckt er es wieder aus, wenn er es gut findet, sagt er “Njam Njam” und will manchmal mehr davon.
– Er will alleine mit dem Löffel essen, was auch (ganz OK) klappt. Abwechselnd füttert er dann mich und seinen Vater. Wenn er z. B. Brot oder Apfel isst, popelt er minikleine Fitzel ab und möchte sie uns in den Mund stecken. Wenn wir dankend ablehnen, lacht er und steckt es sich selbst in den Mund.
– Er “putzt” sich die Zähne. Er steckt mir seine Zahnbürste in den Mund und “putzt” mir die Zähne.
– Er “bürstet” sich die Haare und mir auch.
– Er möchte Freunde/Verwandte/Menschen, die ich mit einer Umarmung/einem Kuss begrüße/verabschiede, auch umarmen und küssen. Er muss immer an der Tür winken,
wenn jemand wieder geht.
– Er trägt/schmust eine kleine Babypuppe, ähnlich wie er getragen/geschmust wird.
– Er räumt Besteck aus dem Besteckkorb der Spülmaschine in eine Schublade und Spielzeug in die Spülmaschine.
– Er schaltet das Radio an und bewegt sich zur Musik. Er macht den Kassettenrekorder lauter und leiser, nimmt die Kassette heraus und möchte sie wieder einlegen (was er noch nicht hinkriegt).
– Er drückt auf dem Telefon (auf dem echten genauso wie auf der defekten Spielvariante) herum und hält es sich dann ans Ohr. Zieht die Augenbrauen hoch und gibt den Höhrer weiter an mich/seinen Papa/die Oma/ein anderes Kind).
– Er drückt auf den Fernbedienungen von TV/Festplattenrekorder rum und schaut auf die Geräte, ob etwas passiert.

Wahrscheinlich ist das alles völlig “normal”? Wir sind verzückt, verzaubert, und oft sprachlos.
Ebenso wie bei dieser Website. ;-)

Viele Grüße, Anuschka

[...] Ich gebe eben “Sudbury Düsseldorf” ein in die Suchmaschine … und lande unter anderem im Unerzogen-Blog … beim Grundschultreff und dann schließlich im Blog Freies Lernen in Deutschland. [...]

Hallo Johanna,
ich hab mal wieder reingeschaut:: herrlich und herzerwärmend deine Wahrnehmungen.

Willibald

Ja, ja und nochmal ja.
Und dazu bekommt man auch noch die Ruhe geschenkt, diese Wunder genießen zu können – weil man so viel Zeit dadurch gewinnt, nicht erziehen zu müssen.
Kann das Leben nicht schön sein?
Rudy

Hallo,

ich habe Deinen Beitrag über Facebook gefunden und bin total begeistert – es ist beeindruckend, wie viel man ohne aktive Erziehung erreichen kann, wenn man einfach davon ausgeht, dass das Kind nicht von grundauf geformt werden muss, sondern von sich aus den Antrieb hat, zu uns zu gehören.

Ich habe ganz viel bei meinem Sohn wieder erkannt – habe bisher noch gar nicht so drauf geachtet. Das werde ich in Zukunft mal verstärkt tun.

Herzliche Grüße!
Danielle

So einen Mist Habe ich noch nie gelesen! Die Familie kennt sich in Fragen der Etikette wenig aus! Die Schulen müssen mit solchen Kindern anfangen zu arbeiten, damit das Nachahmungsverhalten nicht für die Umgebung zur Qual wird! Armes Kind- rülps nur weiter zur Freude deiner “guten” Mutter

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