Sorgen

Johanna, 23.08.2008

Meine Tochter und ich hatten schon Anfang der Woche von der Polizei aufgehängte Zettel gelesen, dass ein 8-jähriges Mädchen gesucht wurde. Meine Tochter (9) machte sich schon die ganze Zeit Sorgen, was nun mit dem Mädchen wohl wäre. Ob es wirklich bei Freuden wäre? Aber die hätten doch dann angerufen. Kann eigentlich nicht sein… Es könnte sich verirrt haben. Aber dann hätte sie doch jemanden fragen können…

Gestern dann die Nachricht: Michelle ist ermordet worden. Das war nur ein Stadtviertel von uns entfernt. Meine Tochter ist gerade in letzter Zeit öfter Mal alleine unterwegs. Natürlich machte ich mir nun Sorgen. Ich erzählte es ihr, wir waren beide geschockt. Wir suchten im Netz nach weiteren Informationen und unterhielten uns darüber, wie es zu etwas kommen kann usw.

Sie sagte ein paar Dinge wie “Da läuft jetzt ein Kindermörder herum!” und “Ich geh nie wieder raus!”. Ich schaute wohl besorgt drein, und dachte darüber nach, ob das jetzt für uns Konsequenzen hat oder nicht, ob ich nun solche Gefahr sehe, dass sie alleine nicht mehr raus gehen sollte, ob sie das wohl zulassen würde, ob es wirklich so gefährlich ist…

Meine Sorge um sie war unbegründet, wie ich später herausfand. Sie hat längst eigene Verantwortung über ihr Leben übernommen – wie sie es ausdrückte:

“Mach dir keine Sorgen, Mama – ich hab selber welche!”

7 Kommentare zu “Sorgen”

Wollte nur kommentieren:

Ich bin selbst mit 8 alleine zur Schule gegangen. Das waren glaub ich um die 10 Straßen entfernt von zuhause in einer Millionenstadt. Meine Schwester hat mich anfangs begleitet und dann hat sie mir eine Wegbeschreibung bunt aufgemalt, die ich erst nach dem 2. Mal verlaufen richtig verstanden hab ;)
In einer Riesenstadt befindete sich auf den Weg ganz bestimmt mindestens 1 gefährliche Person.
Na und…
Zugegeben: Ich hab mich anfangs fast in die Hose geschissen, aber ich hab gelernt alleine auf der Straße klar zu kommen.

Grüße. Rafa

Eben, es ist mir klar, dass ich meine Tochter nicht ewig schützen kann, vor solchen Gefahren, sonst müsste ich sie einsperren. Das würde dann aber auch bewirken, dass sie dann niemals die Chance hätte, ein Selbstvertrauen zu entwickeln – und das ist wahrscheinlich das einzige, was sie vor einer solchen Gefahr überhaupt schützen kann. Nichtsdestotrotz macht man sich bei solchen Vorfällen, die auch noch direkt vor der Nase passieren (also hier direkt in Leipzig), einfach als Mutter Sorgen :) Und das schöne an der Geschichte ist ja auch, dass mir eben das aufging: Meine Tochter sah meine Sorge und meine Zweifel, ob ich nun irgendwie “handeln” sollte oder nicht – aber sie zeigte mir, dass sie durchaus selbst Sorgen hat und Handlungen (Konsequenzen) aus der Geschichte zieht. Das war für mich eine schöne Erkenntnis (eben entgegen der früheren Annahme, ich müsste stets schauen, dass sie bei Gefahren “vernünftig” handelt) – und der Spruch, den fand ich einfach herrlich :)

Ich bin sicher, es wird nicht lange dauern, bis sich ihre Sorge wieder ein Stück weit wieder auflöst, und sie wird selbst entscheiden, wann sie sich wieder bereit für einen Schritt vor die Tür fühlt. Davor sollte sie auch nicht alleine gehen, solange sie sich selbst unsicher fühlt. Übrigens hat sie mir dann erzählt, wie sie selbst an ihrem Computer Artikel und so über das Thema gesucht hat – sie hielt mich dann bezüglich der Obduktionsberichte auf dem Laufenden ;) Außerdem hat uns die Sache mehrmals dazu angeregt, auf ganz natürliche Weise darüber zu reden – ich musste also nicht mir vornehmen, Mal über so was zu sprechen, das fand ich auch toll :)

Zu deinem letzten Satz – du meinst aber nicht, dass jeder positive Lerneffekt jedes “Mittel” heiligt, oder? Ich weiß jetzt nicht mehr, wie es damals bei uns war, vielleicht war es ohne Zwang – aber wenn jetzt z. B. ich oder unsere Mutter dich dazu gezwungen hätte, den Weg alleine zu gehen, dann hättest du wahrscheinlich auch gelernt, alleine auf der Straße klar zu kommen – das ist natürlich eine gute Sache, die im Leben selbstverständlich hilft. Fändest du dann den Zwang “gerechtfertigt” oder “ok”, nur weil es sich danach positiv entwickelt? Das ist ja die große Frage, um die es sich hier bei unerzogen.de dreht :) Zum Glück zwingen/erziehen?

LG
Johanna

Hehe. Ich hab schon verstanden worum es dir geht und dass es witzig war. Wollte eben nicht deine Kommentar abtun, im gegenteil.
Also ich würde sagen, dass sie auf ganz natürliche Weise dein Handeln nachgemacht (im Internet nach irgendwas suchen) und sicher sehr glücklich darüber ist, dass du deswegen stolz auf sie bist.
Ist-aber-natürlich-auch-nur-meine-Meinung.

Mit dem letzen Satz meine ich nichts, ich erzähl nur. Ich kann mich auch nicht erinnern von irgendjemand gezwungen worden zu sein allein zu gehen. Kennst du eine Mutter die das tut? Ich nicht.

PS: wollte dich auch nur dran erinnern, dass du mir die Wegbeschreibung so schön aufgemalt hast. Fand ich damals lieb von dir :)

Jetzt wo ich drüber nachdenke, erinnere ich mich, dass ich schon Schiss hatte die ersten Male, war aber gleichzeitig Stolz darauf, dass man mir vertraut.

Zum Stolz – ich war eher stolz auf mich, dass ich meine Klappe gehalten habe und abgewartet habe, anstatt meine Angst sprechen zu lassen. Das Vertrauen hat sich quasi “ausgezahlt”.

Und ja, ich kenne leider einige Mütter, die ihre Kinder zwingen, Dinge alleine zu tun (eingeschlossen mich selbst, früher)! Gerade wenn die Kinder in die Schule kommen – da wird auch z.B. von der Schule selbst Druck gemacht, man solle die Kinder allein den Schulweg gehen lassen. Wenn ein Kind halt noch nicht so weit ist, und noch von der Mutter begleitet wird, wird sie schnell unter Druck gesetzt mit Sprüchen und Vorwürfen, sie könne “nicht los lassen” und ähnliches. Dass die Mutter die besonderen Umstände oder das besondere Gemüt ihres Kindes am Besten kennen könnte, und dass sie vielleicht darauf vertraut, dass das Kind selbst alleine los ziehen möchte, wenn es dazu bereit ist, darauf kommen leider wenige – es wird dann nur noch mehr Druck gemacht. Viele Eltern geben dann diesem Druck nach und zwingen ihr Kind, z.B. alleine in die Schule zu gehen, auch wenn es das gar nicht möchte – “Da musst du durch”. Das ist leider Gang und Gebe!

Gang und gebe..mhh, Ich dachte das hat sich schon seit Ewigkeiten gewandelt. In der Regel wartet man heute, bis das Kind für die Entwicklungsschritte bereit ist… Johanna, ich finde jetzt eine Diskution darüber sinnlos. Es war auch nicht meine Absicht, wie gesagt, wollte kommentieren…

Einen Kommentar schreiben

* = Pflichtangabe

Unerzogen Magazin