unerzogen Mythen entlarven #1 – „Wer Mediennutzung einschränkt, handelt aus Angst“

Johanna, 08.04.2017

Häufig wird in der Diskussion um den uneingeschränkten Zugang zu Medien der Vorwurf laut, man handele aus Angst, wenn man sich Sorgen macht und etwas dagegen unternimmt. Es heißt, Handlungen seien besser nicht durch Angst bestimmt. Das ist, als ob man jemandem, der einen Bus mit 100km/h auf sich zukommen sieht, vorwirft, er würde aus Angst handeln, wenn er irgendwas unternimmt. Natürlich darf er aus Angst handeln! So ein Vorwurf ist nur dann berechtigt, wenn die Angst an den Haaren herbei gezogen ist.

Unter anderem sprechen folgende Punkte dafür, dass die Angst zumindest nicht irrational ist:

1. Viele wissenschaftliche Quellen deuten darauf hin, dass die uneingeschränkte Nutzung der Medien die kognitive Kompetenz der Kinder einschränken können. Einige Studien können Medien auch was Positives abgewinnen. Das Thema ist also mindestens kontrovers. Wenn es um ein Medikament ginge, würden Eltern einen Teufel tun, es ihren Kindern zu verabreichen, wenn nicht absolut sicher ist, dass es unschädlich ist. Die Kontroverse allein berechtigt dazu, Angst zu haben, mit den eigenen Kindern in ein Experiment eingestiegen zu sein, dessen Konsequenzen man eben bereuen könnte.

2. Die Film- und Videospielindustrie kann unendlich oft wiederholen: Die Wiederholung der selben drei Hollywoodgeschichten in nahezu sämtlichen Filmen, Serien und Videospielplots und das wiederholte Anschauen dieser Filme sind das wichtigste Manipulationsinstrument unserer Gesellschaft, nämlich zu den Menschen, die wir sein sollen, um eben genau diese Gesellschaft aufrecht zu erhalten: Frauen bitte so, Männer bitte so, und alle bitte als Konsumenten, die nichts gegen die Zustände tun sollten, da irgendwann sicher ein Held vorbei kommt und alle rettet.

Ständige Wiederholung funktioniert Spitze. Sag einem Kind nur 3 mal, dass es dumm ist, und es wird bereits anfangen zu zweifeln. Nun kombiniere ständige Wiederholung mit einem noch sehr unerfahrenen, alles aufsaugenden Gehirn, das sich nach Feedback sehnt und wissen will, was die Welt von ihm erwartet…

Verantwortungsslücken übernimmt liebend gerne die Film- und Videospielindustrie. Mit Sicherheit jedoch nicht mit dem Ziel, aus uns und vor allem nicht aus unseren Kindern freiere Menschen zu machen. Sie haben andere Interessen und DAZU sehr viel Geld und Profis an der Hand. Das Vertrauen in unsere Kinder kann durchaus vom Vertrauen in die Macht und Expertise großer Konzerne überschattet werden!

3. Rein logisch ist alle Zeit, die damit verwendet wird, sich mit irrealen Charakteren zu beschäftigen, die irreale Probleme mit irrealen Lösungen lösen, eben Zeit, die nicht damit verwendet wird, sich mit realen Problemstellungen dieser Welt zu beschäftigen. Man wird darin besser, was man übt.

4. Die “geübte” Freiheit (durch wiederholte Ausübung ihrer “freien Wahl” des Dauermedienkonsums) könnte sich im Erwachsenenleben als große Einschränkung entpuppen. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder auch die Freiheit haben, inkompetent zu werden, dann werden sie gleichzeitig die Freiheit erlangen, als Erwachsene gehorsam zu sein.

Ich distanziere mich aus eigenen Erfahrungswerten, den oben genannten und weiteren Gründen, die hier den Rahmen sprengen (später mehr), von denjenigen, die unerzogen so deuten, dass sie in Bezug auf Medien zwar selbst nicht erziehen, und somit moralisch fein raus sind, die Erziehungs-”Lücke” aber dadurch automatisch durch die zwar nicht bewusst erziehende, aber doch vehement eigene Interessen verfolgende Film-, Werbe- und Videospielindustrie füllen lassen.

2 Kommentare zu “unerzogen Mythen entlarven #1 – „Wer Mediennutzung einschränkt, handelt aus Angst“”

zu 1.: Der Medikamentenvergleich scheint mir etwas schräg, aber bitte: Wenn ein Medikament eine gefährliche Krankheit heilen könnte, würde ich mögliche Nebenwirkungen in Kauf nehmen – welches (wirksame) Medikament ist nebenwirkungsfrei?
zu 2.: Das klingt klassisch nach Zensur – die anderen sind zu doof, sich selbst ein Urteil zu bilden, deshalb muss ich überlegenes Wesen das für sie übernehmen und ihnen das, was mir perfektem Menschen nicht schadet, vorenthalten. Vielleicht ist dieses Denken aber selbst schon Produkt der konstatierten Manipulation? Vorgeben, was richtig ist, statt selbst denken lassen? Warum nicht aufklären statt bevormunden?
zu 3.: Das klingt ja nach nüchternstem Protestantismus! Also keine Spiele (auch keine Gesellschafts- und Kartenspiele) mehr? Keine Romane? (Nur noch Sachbücher!) Nein danke!
zu 4.: Offenbar hast du genaue Vorstellungen, wie die Kinder als Erwachsene zu sein haben – sie sollen deinen Vorstellungen entsprechen. Sie sollen gehorsame Ungehorsame sein! Nun, das ist meines Erachtens weit entfernt von “unerzogen”. Da gibt es klare Erziehungsziele statt Begegnung im Hier und Jetzt. Und das auch noch mit einem “könnte” versehen. Machtausübung zum Schutz vor nicht realen, sondern spekulativen Gefahren, entspringt irrationalen Ängsten. Hier gelten zwei Erkenntnisse Ekkehard von Braunmühls:
1. Menschen sind keine Maschinen und man kann nie gewährleisten, was das in ferner Zukunft liegende Ergebnis einer Maßnahme ist (Gefahr: pädagogischer Gegenteileffekt, z. B. Kinder, die als Erwachsene weiterhin Autoritäten wollen, die ihnen vorschreiben, was gut und was schlecht für sie ist, und auch nicht ohne den Zwang der Autoritäten vom Verbotenen ablassen können).
2. Das Verbieten von Killerspielen ist Gewalt.

hallo Johanna!
danke für diesen artikel!
ehrlich gesagt habe ich lange nach solch einem artikel gesucht. Ich sehe das thema (speziell digitale medien bzw. deren konsum), glaube ich, ähnlich wie du.

Ich bin vor allem froh, dass jemand der für eine gleichberechtigte familie und vor allem die selbstbestimmung von kindern eintritt, sich dafür einsetzt den medienkonsum zu regulieren (in anderen artikeln konnte ich lesen, dass ihr die regeln hierfür demokratisch festlegt?!)

ich selber bin nach 5 jahren Elternzeit immer wieder am zweifeln welchen weg ich gehen möchte.
nicht zu erziehen, fiel mir vor allem anfangs leicht, dann hatte ich, als mein sohn 3 1/2 wurde eine kleine krise in der ich anfing zu erziehen (er ist sehr lebendig und wir stossen daher öfters aneinander :) ), bis vor ein paar wochen, seitdem habe ich meinen alten kurs wieder einigermassen gefunden und versuche mich jetzt wieder zu festigen.
aber das thema konsum “ungesunder” (ja so simpel betitel ich das ganze jetzt mal) suchtmittel, sprich fernsehen und süssigkeiten, hat mich schon immer zweifeln lassen, dass ungezogen so hin haut. (ich bringe das einfach nicht übers herz :D )

ich habe für uns immer noch keine optimale lösung gefunden, ausser dass wir demokratisch mit der regelfindung und dessen umsetzung umgehen.

aber ich muss auch sagen, dass ich schon manchmal auch gerade bei diesem thema das gefühl habe, die unerzogen-eltern regulieren nichts weil sie angst vor der konfrontation und dass sie sich vielleicht doch mal in etwas durchsetzten müssten haben.

zucker macht süchtig (informiert euch! die freiesten kinder können sich nicht davor schützen. sie sind auch nur menschen und haben auch nur körper in denen der zucker wirkt.)
frei essen funktioniert meises erachtens nur wenn man komplett auf industriell gefertigtes essen verzichtet. und das wiederum würde das kind glaube ich in unserer gesellschaft mehr verwirren als wenn man einfach regeln für dessen konsum schafft.

und auch der medienkonsum hat schädliche seiten, mischt euch ein! diskutiert mit euren kindern üfr zeiten.

(natürlich muss sich jetzt nicht jeder NICHT-erziehende angesprochen fühlen ;) )
aber danke johanna und ich wünsche dir ein dickes fell bei gegenwind, bzw. bleib so reflektiert.

PEACE

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