unerzogen Mythen entlarven #2 „Uneingeschränkter Medienkonsum und Freies Lernen sind vereinbar“

Johanna, 09.04.2017

In diesem Text wird erklärt, warum der uneingeschränkte Medienkonsum das Freie Lernen verhindert.

Ich persönlich finde das Sudbury Valley Modell für demokratische Schulen sehr ansprechend, genauso wie Unschooling (letzteres aber nur, wenn ein Elternteil zu Hause bleiben kann, und sich ausgiebig um seine Kinder kümmern kann). In beiden Modellen stellt Langeweile eines der Grundpfeiler des Freien Lernens dar!

Im Sudbury Valley Modell wird Langeweile als Ursprung eigenverantwortlichen Handelns betrachtet:

„At The Clearwater School, boredom is considered a phase of learning. Bored students are not punished or labeled. Staff members do not try to alleviate boredom by offering entertainment or ideas for productive uses of time. If staff offer help, it is to help the student understand and learn from the experience of boredom.“ (clearwaterschool.com)

Der Artikel ist von 2001. Die flächendeckende Nutzung von Smartphones, Tablets und Handkonsolen sowie portablem Internet gibt es erst seit 3-4 Jahren.

Langeweile ist eher unangenehm. Die Idee ist, dass die jungen Menschen selbst etwas tun sollen, um aus diesem Zustand herauszukommen, so üben sie Eigenverantwortung. Sie lernen, auf sich zu hören. Und sie erfahren, was sie wirklich selbst tun und lernen wollen.

Jeder Mensch lernt, immer, irgendwas.
Schon beim ersten Greifen nach diesen Geräten lernt man schnell, dass die unangenehme Leere der Langeweile dadurch schnell weggeht. Daher wird die Langeweile auch schon dann gekillt, wenn die Mediennutzung noch nicht suchtartig geworden ist.

Wir brauchen alle unsere Tätigkeiten, um Dopamin zu produzieren. Videospiele, Videos/Filme und soziale Medien (noch einen Artikel hier, nettes Erklärvideo hier), versprechen nicht nur einen Dopamin-Schuss in 2 Wochen, wenn mein Bauprojekt fertig ist und ich diesen stolz anderen zeige oder benutzen kann, oder in 2 Tagen, wenn mein Physikprojekt abgeschlossen ist, oder in 1 Stunde, wenn ich ein Matheproblem gelöst habe, oder in 3 Jahren, wenn ich endlich einigermaßen geil Geige spielen kann, sondern garantieren ihn in 5 Minuten oder gar sofort. Es ist quasi ganz natürlich, dass der Mensch hier einen einfachen Weg geht. Jeder Mensch ist „süchtig“ nach Dopamin.

Langeweile ist der Motor für eigene Ideen, für eigene Projekte, für eigene Ziele. Meine Beobachtung ist, dass nie genug Langeweile aufkommen kann, wenn der Zugang zu Medien jederzeit greifbar ist. Es ist insofern auch ein Teufelskreis: Wenn es nicht genügend Zeit gibt, sich irgendwas anderes, eigenes auszudenken, dann bleibt auch nur die Beschäftigung mit den Ideen, Projekten und Zielen anderer (etwa Spielemacher).

Ein Teufelskreis ist keine Freiheit, und die ist mir für meine Kinder wichtig. Und nochmal: Wer seine Freiheit aus-übt, indem er viel zockt und YouTube glotzt, wird gut darin, zu zocken und YouTube zu glotzen. Wer an eigenen Projekten arbeitet, wird gut darin, an eigenen Projekten zu arbeiten. Wer ist am Ende freier?

Mein Vorschlag lautet, uneingeschränkten Medienkonsum als Gefahr zu erkennen und auch so zu behandeln. Das geht auch mit der unerzogen Philosophie konform.

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