Müssen unsere Kinder nicht auf gesellschaftliche Regeln vorbereitet werden?

Johanna, 07.02.2007

Häufig hört man die Kritik, Kinder müssten doch aufs Leben vorbereitet werden, wie es draußen auch wirklich ist – voller Regeln. Das ist richtig, und die Regeln in unserer Gesellschaft sind ja auch nicht vollkommen willkürlich. Sie haben einen Sinn (oder sollten einen haben), den man (meistens) nachvollziehen kann.

Erst einmal sollte man klar stellen, dass es in einem gleichberechtigten Haushalt durchaus auch Regeln geben kann. Wir verzichten nicht grundsätzlich auf Regeln. Zumindest nicht auf sinnvolle. Wir sind gegen willkürliche: “Um 8 ins Bett, egal ob du müde bist oder nicht, sonst X”. Regeln sollten für alle verständlich sein und den Ablauf vereinfachen. Und wir sind gegen Regeln, die von Erziehenden aufgestellt werden, um ein Erziehungsziel zu erreichen. Regeln sollten allen dienen (nicht nur den Machtinhabern) und von allen zumindest akzeptiert werden – lieber noch, von allen gemeinsam beschlossen werden.

Wenn wir (bei uns) Regeln aufstellen, dann deshalb, weil wir alle die Notwendigkeit einer solchen Regel einsehen und uns auf eine einigen. Wir haben z.B. zu Hause eine “Regel”, dass wenn jemand putzen will und möchte, dass andere mitputzen, weil es ihm/ihr selbst zu viel wird, er dies um 21:00 mach soll und nur 15 Minuten lang. Das ist eine für uns alle erträgliche Länge und Uhrzeit. Außerdem gehört zur Regel, das niemand mitmachen muss. Meistens machen aber alle mit.

Es gibt weitere Regeln, die gar nicht benannt werden, weil sie einfach selbstverständlich sind: niemand will geschlagen werden; wen man auf Toilette geht, spült man; wenn man geduscht hat, macht man danach das Wasser aus…

Ich glaube, wenn Kinder zu Hause sinn-volle Regeln kennen lernen, haben sie gar kein Problem damit, sinnvolle gesellschaftliche Regeln zu verstehen und zu akzeptieren, z.B. dass man zu Fremden freundlich ist, auch wenn man schlecht drauf ist. Oder dass man in der Öffentlichkeit eher keine Schimpfwörter benutzt, und auch nicht rülpst. Wenn man auf Toilette ist, macht man die Tür zu. Im Restaurant stellt man die Ellenbogen nicht auf dem Tisch.

Mit solchen Regeln könnten Kinder anecken, wenn sie zu Hause zum Beispiel Schimpfwörter benutzen dürfen. Oder die Ellenbogen egal sind, oder gerülpst werden darf nach Lust und Laune, und dann Gäste eingeladen sind, oder man sich in die Öffentlichkeit begibt. Es ist daher verständlich, dass wir unseren Kindern entsprechende Informationen weitergeben möchten.

Ich rede durchaus mit meiner Tochter darüber, wie es außerhalb der Familie abläuft. Wir erklären ihr die Regeln, die sich draußen abspielen, und das nicht immer nur erst dann, wenn sie bereits damit kollidiert ist. Manchmal kann man letzteres nicht vermeiden – im Erziehungsverhältnis aber übrigens auch nicht, und laut meinen Beobachtungen kollideren erzogene Kinder sehr häufig mit den Regeln der Gesellschaft, viel häufiger, als es bei meiner Tochter der Fall zu sein scheint (ich kann es aber nicht 100%ig sagen, da ich nicht Buch geführt habe).

Ich glaube der Grund dafür ist, dass sie zu Hause so viele willkürliche und/oder aus ihrer Sicht unverständliche und/oder von oben aufgedrückte Regeln kennen, und sie sich dadurch so eingeschränkt fühlen, dass sie einfach gegen jede Art von Einschränkung sind. So sehr darauf konzentriert, nicht mehr eingeengt zu werden, dass sie gar nicht mehr unterscheiden können, welche Regeln vielleicht doch sinnvoll und beachtenswert sind.

Es ist meiner Meinung nach wirklich wichtig, die Kinder dabei zu unterstützen, mit ihrer Umwelt klar zu kommen. Natürlich lassen wir sie nicht dabei alleine! Wir nerven aber auch nicht mit solchen Informationen, und wir bereiten sie nicht mit Extra-Übungen auf das Leben “da draußen” vor, sondern sprechen darüber, wenn es sich eben ergibt, z.B. wenn man direkt gefragt wird oder wenn es einem einfach gerade einfällt. Erfahrungsgemäß braucht man aber nicht in Eigeninitiative unterstützen, da Kinder sowieso von selbst um Rat fragen, wenn sie nicht mehr weiter kommen.

So was kann passieren, wenn man selbst aktiv unterstützen will: Als meine Tochter neulich spontan entschied, bei ihrer Freundin zu übernachten, bestellte ich sie in ein abschließbares Zimmer und flüsterte ihr zu “Aber du weißt, hier gelten andere Regeln, als bei uns zu Hause. Wenn die Mama deiner Freundin sagt, es ist Bettzeit, dann ist Bettzeit und so–” – ”Jajajajajajaja….ich weiß schon, ich weiß schon” :) Sie wusste es schon ganz genau! Aber da war selbst ich unsicher, ob sie nicht doch einer kleinen Erinnerung bedurfte – ... da habe ich sie wohl doch Mal genervt.

Direkte Fragen kommen übrigens sehr häufig, was ja auch klar ist, weil die Kinder die Welt beobachten und sehen, dass es z.T. sehr anders sein kann und sich dann natürlich fragen, wieso das so ist.

Wenn solche Gespräche ganz natürlich entstanden sind, aus der Neugier des Kindes heraus, oder aus einer aktuellen Situation, wenn es also Sinn ergibt, wird die Information meiner Erfahrung nach gut gespeichert und entsprechend auch angewendet.

Themen und Fragen über gesellschaftliche Regeln, die wir so im Laufe der Zeit besprochen haben:

  • Wieso erzählt mir die Zahnarzthelferin eine Lüge?
  • Die Schulregel, dass man falsch geschriebene Wörter mit Bleistift durchstreichen muss, anstatt einfach mit dem Füller, den man bereits in der Hand hat.
  • Wieso muss man in die Schule?
  • Wieso reden Ärzte über ihre Kinder mit den Eltern und nicht mit den Kindern?
  • Wieso gibt es Gesetze?
  • Warum kann man nicht (so einfach) mit Frau Merkel persönlich sprechen?
  • Schimpfwörter bitte nur zu Hause sagen.
  • Wem man was anvertrauen kann.
  • Welche “Regeln” Freundschaft mitbringen.
  • Laut rülpsen – nicht in der Öffentlichkeit.
  • Wieso ist dir X peinlich?
  • Wieso traust du dich nicht, Y zu sagen?
  • Was man als Kind für Leute ansprechen sollte, wenn man Hilfe braucht.
  • Wieso kannst du ihm/ihr das nicht einfach sagen?
  • Wieso schmeissen Menschen Müll auf dem Boden?
  • Wieso sollte man den Papierkorb benutzen?
  • Die Notwendigkeit von Fahrschulen.
  • Warum manche Lehrer so streng sind.
  • Wofür Hausaufgaben gedacht sind.
  • ...

    Vielleicht habt ihr Lust, mit Beispielen oder Erfahrungsberichten zu ergänzen? Fallen euch noch mehr solcher Themen oder Fragen ein, die von ganz allein im Alltag entstanden sind?

2 Kommentare zu “Müssen unsere Kinder nicht auf gesellschaftliche Regeln vorbereitet werden?”

zwei Bsp., die mir in den letzten Tagen untergekommen sind:

  • warum werden die Geschäfte am Abend zugemacht und warum gehen die Leute nach Hause?
  • warum möchte der Vater der muslimischen Freundin nicht, dass seine Tochter Schweinefleisch isst?

    LG
    Lisa

Und weiter geht’s …
Heute morgen beim Frühstück: “Mama, kannst du mir mal erzählen, was alles für kleine Babies verboten ist?”
Ich: “Hm, Auto fahren.” “Warum?” “Weil die Babies noch nicht sitzen und den Lenker festhalten können.” “Ah. Und was noch?” ...

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